Brisantes Thema, sprachlich verschenkt: Daniela Emmingers Roman über Sterbehilfe.
Die Kräfte der Imagination. Diese kann man Daniela Emminger nicht absprechen. Es ist erstaunlich, was sie alles aufs Papier zaubert: eine Entführung aus einem Krankenhaus, eine Busreise mit Vicco von Bülow (alias Loriot), Albert Einstein, Willi Dungl und Hildegard von Bingen nach Lourdes, eine Zeitreise, die dann ziemlich in der Zeitgeschichte hängen bleibt, eine Kreuzfahrt für Dialysepatienten,... Stiller Gast aller Unternehmungen in diesem Roman ist der Tod. „Schwund“ heißt das Buch, und um das allmähliche Schwinden des Lebens geht es darin.
Nun ist Sterben eine ernste Sache, zumal, wenn es dabei um Sterbehilfe geht. Das heißt nicht unbedingt, dass man nur humorlos darüber schreiben kann. Gerade die österreichische Literatur ist bekannt für ihr inniges und ironisches Verhältnis zum Tod. Selbst Thomas Bernhard hielt sich in seiner Literatur nicht an sein Diktum, demnach alles lächerlich sei, wenn man an den Tod denke. Aber man muss über die literarischen Mittel verfügen, wenn man mit dem Sensenmann konversieren will. Denn kann man ihn nicht überreden, beendet er die Unterhaltung abrupt und nachhaltig.
Der Roman der 1975 in Vöcklabruck geborenen Daniela Emminger ist unverkennbar von persönlichem Erleben geprägt und vom verständlichen Wunsch, Distanz dazu zu schaffen. Die Kräfte der Imagination mögen da durchaus hilfreich sein, wenn man sich in eine erblindete Dialysepatientin hineinzudenken versucht. Dass am Ende des Romans aber die Tochter dieser Sterbenskranken, die ihre Mutter auf eine Alm in Kärnten entführt, selbst die Diagnose Hydrocephalus erhält, ergänzt von „ein paar Einblutungen und Tumoren in den liquorführenden Hirnstrukturen“, und damit droht, noch vor ihrer Mutter zu sterben, ist jene Übertreibung, die die Wirklichkeit mitunter bereithält, die man als Stilmittel aber beherrschen muss wie Thomas Bernhard, um sie kunstvoll einsetzen zu können.
Überangebot an Metaphern
Die inhaltliche Verdoppelung setzt sich nämlich in der Sprache fort und nimmt dem Buch die atmosphärische Dichte, die dem Thema eignet: „Denen die Sinne verrückten, die Koppeln verrutschten/man griff nach jedem Halm, nach jeder Hand/ eine Kette von Ereignissen, die andernorts zu einem Erbeben führen konnten, einem Geröllabgang, einer Steinlawine.“ Etliche der nachgestellten Metaphern fügen den ursprünglichen nichts hinzu, eher im Gegenteil. Auch manche Versuche, die Intensität durch flapsige Formulierungen aufzulockern, gehen schief: „Wer das Ende vor Augen hat, will immer zurück, der Erfinder des Rückwärtsgangs muss im Sterben gelegen sein.“ Am meisten schaden dem Buch jedoch die Plattitüden: „Zu viele Wege führten hier nach Rom/an der Oberfläche zwischen Traum und Wirklichkeit/Situationen, die zum Scheitern verurteilt sind.“
Die Frage, wie man Sterbenskranke aus den Fängen der Apparatemedizin bekommt und ihnen zu einem würdigen Tod verhelfen kann, ist ein brisantes (literarisches) Thema. Daniela Emmingers Roman hat viele gute Ansätze, unter anderem die Idee, durch Fantasie den „Schwund“ des Lebens vergessen zu machen. Es hätte also ein interessantes und anregendes Buch werden können. Doch dazu hätte der Lektor noch eingehend mit der Autorin zu arbeiten gehabt. Warum er nicht einmal sprachliche Ungeschicklichkeiten wie „man konnte von Von Bingen halten, was man mochte“ im ersten Korrekturgang eliminiert hat, ist sowieso unverständlich. ■
Daniela Emminger
Schwund
Roman. 184S., geb., €19,90 (Klever Verlag, Wien)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2014)