Ein Jahr lang ist Gregor Schlierenzauer nun schon sieglos, in Lillehammer wirkt er dennoch entspannt. Iraschko-Stolz wurde Zweite.
Düster und neblig präsentiert sich Lillehammer um diese Jahreszeit. Nur vereinzelt eilen Menschen durch die Fußgängerzone und hinterlassen knirschend ihre Spuren im Neuschnee. Dass in der Kleinstadt, 183 Kilometer nördlich der Hauptstadt Oslo, gerade der nordische Weltcuptross Station macht, lässt sich vor allem an den vielen säuberlich aufgereihten Sportschuhen in den Hotelfluren und an den Athleten, die in kompletter Montur durch die Lobby huschen, erkennen. In der Innenstadt der Olympia-City von 1994 zeugen Werbebanner an Laternenmasten vom Event. Von diesen strahlen die Nationalheldinnen Marit Björgen und Therese Johaug, die Langlaufbewerbe ziehen auch das meiste Interesse auf sich.
Das Springen von der Großschanze (16.15 Uhr, live ORF1) lockt eher nicht die Massen an. Für Gregor Schlierenzauer ist Lillehammer dennoch immer eine ganz besondere Reise. „Dieser Ort ist mit so vielen schönen Erinnerungen verknüpft“, erzählt der 24-Jährige im Teamhotel. Hier feierte er 2006 seinen ersten Weltcupsieg, hier jubelte er insgesamt fünfmal von ganz oben vom Podest, zuletzt am 7. Dezember 2013. Der 52. Triumph seiner Karriere war zugleich sein bislang letzter. Seit damals ist der erfolgreichste Skispringer aller bisherigen Zeiten nun sieglos.
Für Schlierenzauer ist das kein Grund zur Beunruhigung. „Jeder Sportler hat einmal Durchhänger. Dass das in meinem Fall so genau beobachtet wird, zeigt, wie hoch die Latte bei mir gelegt wird“, erklärt er. Für Medien und Fans sei die Situation neu, für ihn jedoch nicht. „Die Erfahrung, dass es nicht klappt, habe ich im Training schon öfter erlebt. Nur konnte ich es bislang im Weltcup zumeist immer umsetzen.“
Schweiß und Arbeit
Obwohl Schlierenzauer der Lysgårdsbakken liegt, will er sich keinen zusätzlichen Druck aufbürden lassen. Zeitlichen Druck macht er sich also nicht, die Suche nach dem richtigen Gefühl schreite voran. Derzeit im Fokus: die Balance. „Es ist irrsinnig schwer, das in ein paar Sprüngen hinzubekommen.“ Deshalb sind bei den nächsten Stationen in Nischni Tagil, Russland, und Engelberg zusätzliche Trainingstage eingeplant.
Dass das richtige Gefühl zurückkehren wird, ist für Schlierenzauer nur eine Frage der Zeit. „Im Chinesischen ist das Wort für Krise und Chance dasselbe, so ähnlich sehe ich das auch.“ Die innere Zufriedenheit, nach der er trachtet, lässt sich für ihn auch abseits des Podests finden. „Sport ist Schweiß und Arbeit. Man muss sich solchen Herausforderungen stellen, um ein Ziel zu erreichen.“
Obwohl in dieser Saison erst ein Podestplatz durch Stefan Kraft (2., Klingenthal) zu Buche steht, ist die Stimmung im Adlerhorst entspannt. „Es gab Zeiten, in denen es mir weniger gut gegangen ist“, sagt Schlierenzauer. „Ich fühle mich sehr wohl, das Teamgefüge passt und ich werde super betreut.“ Seine Teamkollegen bestätigen diesen Eindruck. Unter der Regie von Neotrainer Heinz Kuttin sitze man öfter beisammen, bespreche Dinge. Insgesamt habe sich der Zusammenhalt gesteigert, meint Andreas Kofler, zuletzt in Kuusamo Vierter.
Von derartigen Resultaten ist Thomas Diethart noch weit entfernt. Der Vorjahres-Tourneesieger scheiterte bislang noch an der Qualifikation für den zweiten Durchgang. Die Zuversicht hat der 22-Jährige dennoch nicht verloren und meint scherzend: „Im Vorjahr war ich um diese Zeit im Austria Cup Sechster.“ In falscher Sicherheit wiegt er sich nicht, schließlich „habe ich keine Garantie auf ein Tournee-Ticket“.
Iraschko fehlten 1,1 Punkte
Bereits Freitag feierten die Damen ihren Weltcupauftakt. Der Unmut, dass statt 20 Bewerbe wie im Vorjahr nur vierzehn und nach Lillehammer mehrere Wochen Pause warten, war verflogen. Die Slowenin Spela Rogelj feierte überraschend ihren ersten Sieg – nur um 1,1 Punkte geschlagen geben musste sich die Olympia-Zweite, Daniela Iraschko-Stolz (95,5/97).
Die von Andreas Felder betreuten ÖSV-Ladys schlugen sich wacker: Jacqueline Seifreidsberger wurde Siebente, Eva Pinkelnig 15. und Chiara Hölzl 22.
Compliance-Hinweis:
Die Reise nach Lillehammer wurde von der OMV finanziert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2014)