"Eltern sind heute viel mehr bereit, sich Hilfe zu holen"

Psychologin Hedwig Wölfl im Gespräch zu Gewalt an Kindern.

Was geht in einem Kind vor, wenn es geschlagen wurde?

Hedwig Wölfl: Bei emotionalisierten Situationen schaltet das Denken eher aus, das Empfinden steht im Vordergrund. Schlagen wird immer als Demütigung empfunden. Je nachdem, wie übermächtig der andere erlebt wird, ist es auch angstbesetzt. Und mit Scham, besonders wenn es eine öffentliche Bloßstellung ist.

Wie wirkt sich das langfristig aus?

Die Folgen sind von der Dauer der Häufigkeit und der Widerstandsfähigkeit des Kindes abhängig. Dazu gehören vor allem persönliche Unsicherheit, Selbstbewusstseinsmängel, nicht besonders konstruktive Formen der Konfliktbewältigung und häufig Probleme in der Beziehungsgestaltung.

Verstehen Kinder in solchen Situationen, was in ihren Eltern vorgeht?

Kinder können manche Situationen schon verstehen. Wenn es vor ein fahrendes Auto läuft und man es im Schreck schmerzhaft packt – dann erklärt man ihm, warum man das in diesem Moment getan hat, und dass man ihm nicht wehtun wollte. Wesentlich ist, sich für zugefügte Schmerzen, körperlich oder seelisch, zu entschuldigen.

Hilft eine Entschuldigung dem Kind, es zu verarbeiten?

In jedem Fall. Die Frage ist auch: Macht es jemand aus Überzeugung oder aus Mangel an Alternativen? Viele schlagen heute ja eher aus Überforderung. Das heißt nicht, dass es dann weniger schädlich ist. Aber, und das ist das Positive daran, Eltern sind heute viel mehr bereit, sich Hilfe zu holen, in ein Seminar zu gehen, ein Buch zu lesen. Und sind williger, sich alternatives Handeln in Konfliktsituationen anzueignen.

Insgesamt hat die Gewalt gegen Kinder ja abgenommen, oder?

Am Gewaltverbot in der Erziehung und der Demokratisierung der Gesellschaft. Daran, dass zumindest ein paar Kinderrechte in der Verfassung sind. Dass vermehrt darüber aufgeklärt wird, was Gewalt mit Kindern macht. Viele Menschen sagen, dass das, was ihnen passiert ist, den eigenen Kindern nicht passieren soll. Es ist eine erfreuliche Botschaft, dass viel mehr Bewusstsein dafür da ist, dass Gewalt die Entwicklung eines Kindes keinesfalls fördert.

Nimmt psychische Gewalt auch ab?

Was man sagen kann, ist, dass psychische Gewalt an Kindern weniger stark im Rückgang ist als die körperliche, etwa Demütigen, Anschreien, Beschimpfen oder Entzug von Vergnügungen. Oder nicht miteinander zu reden – das finde ich eine ganz perfide Form von psychischer Gewalt, die immer noch recht häufig ist.

Fällt das „Ins-Eck-Stellen“ auch darunter?

Ja. Das Ins-Eck-Stellen ist ähnlich wie ein Pranger, es enthält das Ritual der Demütigung. Was heute mehr angewendet wird, ist ein „Time-out“. Manchmal ist es sinnvoll zu sagen: „Wir unterbrechen jetzt einmal und beruhigen uns beide.“ Es gibt auch die Kunst, es einfach sein lassen zu können – dass sich beide entschuldigen.

Steckbrief

Hedwig Wölfl
ist klinische Psychologin. Die
langjährige Leiterin des Opferschutzvereins Möwe arbeitet derzeit als Kinderschutzexpertin für die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit.

Langversion
Eine längere Version dieses Interviews finden Sie unter diepresse.com/gewalt

Feiner/BKA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2014)

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