Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Cronenberg: "Ich konsumiere, also bin ich"

(c) REUTERS (FRED THORNHILL)
  • Drucken

Regisseur David Cronenberg hat seinen ersten Roman geschrieben: »Verzehrt« ist düster, körperlich, kannibalistisch, dabei virtuell und technikversessen - und sehr Cronenberg.

Naomi und Nathan denken leidenschaftlicher an elektronische Geräte als an Sex. Den haben sie auch, und nicht nur miteinander. Aber das, was die beiden verbindet, ist anderes: Laptop, iPhone, Twitter, Skype – und die Tatsache, dass sie die gleichen Marken verehren und auf Flughäfen die gleichen Elektronikshops frequentieren. Vollständig und sicher fühlt sich Naomi nur, wenn sie in den wechselnden Hotelzimmern ihre Gerätschaften um sich aufgebaut hat: iPad, Nikon D 300s Kamera, Speedlight-Blitz, Nagra SD Aufnahmegerät. „Nathan schaltete mit dem Daumen sein Smartphone aus“, heißt es am Anfang von „Verzehrt“. „So war das Leben mit Naomi – körperlos.“

Körperlichkeit holen sich die beiden amerikanischen Freelance-Journalisten in ihren Geschichten. Nathan versucht sich in medizinischen Themen und besucht in Budapest einen berüchtigten Chirurgen, der in einer Untergrundklinik experimentelle Methoden praktiziert; Naomi reist nach Paris, um einem Mordfall nachzugehen: Im Zentrum steht ein berühmtes französisches Philosophenpaar, Aristide und seine 62-jährige Frau Célestine Arosteguy („die europäische Intellektuellenversion von 62, nicht die Shopping-Mall-Version aus dem amerikanischen Mittleren Westen“). Die beiden sind bekannt für ihre Theorien des Konsumismus und dafür, mit Studenten das Bett zu teilen. Inzwischen ist Aristide allerdings auf der Flucht: Er soll Célestine getötet, zerlegt und in Teilen gegessen haben.


Body Horror. Was so beginnt, ist der erste Roman des kanadischen Regiemeisters David Cronenberg; hierzulande bekannt für „A Dangerous Method“. Seine psychoanalytische Freud-Jung-Studie, ist in Autor Christopher Hamptons Theaterversion gerade im Theater an der Josefstadt zu sehen. Berühmt wurde Cronenberg aber mit seinem deutlich expliziteren „Body Horror“. Zu diesem Grauen vor dem (eigenen) Körper kehrt Cronenberg hier zurück. Was insofern passt, als er eigentlich erwartet hatte, mit 21 sein erstes Buch zu veröffentlichen. „Ich hatte immer geglaubt, dass ich Autor werden würde.“ Nun ist er es mit 50 Jahren Verspätung geworden, und die Rolle steht ihm gut. Mit 71 schreibt er nicht nur glaubhaft über Sex im Alter, sondern auch über das virtuelle Lebensgefühl jener, die ständig fotografieren, aber wenig wissen, weil man alles googeln kann.

So oberflächlich die beiden Journalisten, so tief- und abgründig gibt sich das ältere Philosophenpaar, dem sich Nathan und Naomi nähern: Nathan, mit einer ausgerottet geglaubten Geschlechtskrankheit infiziert, besucht in Kanada deren Entdecker; dessen Tochter entpuppt sich als wahnhafte Schülerin der Arosteguys, die sich in kleinen Stücken selbst verspeist. Und Naomi spürt in Tokio Aristide Arosteguy auf und landet mit ihm auf dem Futon.

Dort übernimmt dieser dann die Erzählung, auf die analoge Weise: Mündlich, persönlich und fesselnder als jedes digitale Bruchstückwerk legt er seine Version der Geschichte dar. Großartig etwa die Schilderung, wie die Arosteguys in die Jury des Filmfestivals von Cannes eingeladen werden, wo Célestine dem nordkoreanischen Propagandawerk „Der umsichtige Gebrauch von Insekten“ verfällt. 1999 war Cronenberg selbst Jurypräsident. Er sei als Schriftsteller ein Kannibale, sagt er. „Ich kannibalisiere mein Leben, jenes der Menschen um mich, und sogar die Leben, die ich in den Medien und im Internet sehe.“ Das Romanschreiben sei deutlich intimer als Drehbuchschreiben, und wer will, könne „Verzehrt“ (im Original: „Consumed“) als seine „intellektuelle Autobiografie“ verstehen. Seine Position sieht er freilich weiterhin als die eines neutralen Beobachters. „Ich bin kein Prophet oder moralisches Wesen. Ich sage nur: Das ist das, was ich als unsere gegenwärtige Realität sehe.“

Immer wieder, aber vor allem am Ende, schimmert der Cronenbergsche Witz durch. Da verstrickt sich der marxistisch inspirierte Philosoph in einer dubiosen nordkoreanischen Verschwörung. Cronenberg lässt einen unsicher zurück: Soll man das interpretieren – oder ist es schlicht ein Cliffhanger? Was bleibt, ist zumindest die Erkenntnis: nicht konsumieren zu können bedeutet auch keine Freiheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2014)