Julia Dujmovits: "Sport bringt mich zu mir selbst"

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Mit dem Olympia-Sieg in Sotschi hat sich Snowboarderin Julia Dujmovits den großen Traum erfüllt. In die neue Weltcupsaison geht sie nach ungewöhnlicher Vorbereitung hoch motiviert.

Seit Sotschi gab es wohl kaum ein Interview, in dem nicht auch über den Olympia-Sieg gesprochen wurde. Welches Bild kommt Ihnen eigentlich als erstes ins Gedächtnis, wenn Sie daran denken?

Julia Dujmovits: Der erste Gedanke ist sicher der Moment, in dem ich über die Ziellinie gefahren bin. Der nächste die Dopingkontrolle nach dem Rennen. Da war ich zum ersten Mal ganz allein und bin mir des Ganzen so richtig bewusst geworden. Ich habe am ganzen Körper gezittert und nur gedacht: „Oh Gott, ich bin Olympia-Siegerin.“

Wie oft sind Sie seither den Lauf zu Gold im Kopf noch durchgegangen?

Ich habe das Rennen eigentlich sehr lang nicht gesehen, nur die letzten Tore. Nach dem Rennen selbst habe ich mich gar nicht daran erinnern können, wie ich gefahren bin. Ich habe nur noch gewusst, dass ich voll konzentriert war.

Wann ist die Anspannung schließlich in Freude übergegangen?

Zu Beginn hat es sich angefühlt, als würde ich zu meiner eigenen Geburtstagsparty kommen und alle sind schon ein bisschen angetrunken, nur ich nicht, weil ich immer noch voll im Rennmodus bin. Erst mit der Flower Ceremony ist es auch für mich ein Stück realer geworden.

Welcher Moment ist Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Wenn man die Medaille überreicht bekommt, die österreichische Flagge ganz oben hängt und die Hymne gespielt wird – das ist ein Riesenmoment, der mit nichts vergleichbar ist. In diesem Moment weiß man, dass alles, was man investiert hat, sich ausgezahlt hat. Es gibt kein schöneres Gefühl.

Wie haben Sie anschließend die ersten Monate als Olympia-Siegerin erlebt?

Nach Sotschi hat sich ein Termin an den anderen gereiht. Ich war überwältigt, denn alle waren total begeistert und ich selbst eigentlich auch. Aber gleichzeitig kostet das sehr viel Kraft und Energie. Deshalb habe ich dann auch einmal eine Pause vom Medienmarathon gemacht und mir eine Woche Urlaub mit meinem Freund gegönnt. Danach ist es aber genauso weitergegangen.

Kommendes Wochenende startet die neue Weltcupsaison. Wie schwer war es, sich dafür zu motivieren, nachdem das ganz große Karriereziel erreicht ist?

Es war klar, dass ich eine andere Lösung finden muss, denn die Olympischen Spiele waren der große Traum, seit ich ein Kind war. Das hat mich die vergangenen Jahre begleitet, war immer das größere Ziel als das Rennen selbst. Als ich bei der WM im Vorjahr Zweite geworden bin, habe ich mir gedacht: „Dann stehst du eben nächstes Jahr bei den Spielen ganz oben.“ Das ist jetzt definitiv anders. Ich will nicht sagen, dass ich alles erreicht habe, denn es gibt noch sehr viel zu gewinnen. Aber ich habe zu Hause keine Liste zum Abhaken hängen, denn da hätte ich das höchste Ziel schon erreicht. Mein vorrangiges Ziel ist es, Spaß zu haben und zu zeigen, dass ich gut Snowboard fahre, weil ich weiß, dass ich das tue. Mich fasziniert am Sport, dass ich zu 100 Prozent bei mir selbst bin und mir der Rest der Welt komplett egal ist. Dieses Gefühl suche ich beim Rennen und wenn ich das erreiche, dann bin ich glücklich.

Wie wichtig war die Vorbereitung auf Hawaii für diese Neuorientierung?

Die Zeit auf Mauii war extrem wichtig für mich, weil sie mir wieder ins Bewusstsein gerufen hat, warum ich eigentlich Snowboard fahre: Weil mir der Sport und die Bewegung an sich so viel Spaß machen. Im vergangenen Jahr habe ich so hart trainiert wie noch nie in meinem Leben. Ich bin Intervalle gefahren, bei denen ich davor nichts essen konnte, weil ich es erbrochen hätte und danach nichts essen konnte, weil mir so schlecht war. Jeder Schritt war wichtig für die Medaille und ich würde es rückblickend nicht anders machen. Aber heuer wäre das nicht möglich gewesen, weil ich komplett fertig aus der Saison gekommen bin. Diese Energie musste ich mir erst einmal zurückholen. Ich habe trotzdem locker 30 Stunden pro Woche trainiert, aber eben alternativ. Ich war kein einziges Mal im Fitnesscenter, habe dafür Stand-up-Paddling, Kitesurfen, Yoga gemacht oder meinen ersten Half-Ironman absolviert. Zu Hause in der Kraftkammer habe ich dann die gleichen oder teilweise sogar bessere Werte gehabt als im Vorjahr. Das hat mich darin bestätigt, meinem inneren Gefühl zu vertrauen. Es war ähnlich wie damals beim Boardwechsel kurz vor Olympia, als mich alle gefragt haben, ob ich komplett verrückt bin. Ich kenne niemanden, der sich so auf die Saison vorbereitet, aber ich weiß, dass es mir guttut.

Als Olympia-Siegerin sind Sie heuer eine der Gejagten, zudem wartet im Jänner die Heim-WM auf dem Kreischberg. Verspüren Sie Druck?

Ich lasse mir generell von außen keinen Druck machen. Außerdem kann man nicht mehr Druck haben als ich bei den Olympischen Spielen nach dem Riesentorlauf (Anm.: Aus in der Qualifikation). Trotzdem habe ich selbst in diesem Moment gewusst, dass es mir im Slalom gut gehen wird. Deshalb ist es komplett unnötig, sich so etwas überhaupt erst aufzulasten. Ich habe Spaß an der Sache, bin hoch motiviert und sicher so stark drauf wie vor den Olympischen Spielen.

Im Vorjahr gab es viel Kritik am minimalen Weltcupprogramm. Wie zufrieden sind Sie mit dem diesjährigen Kalender?

Wir fahren allein im Weltcup doppelt so viele Rennen und mit den zusätzlichen Bewerben in Nordamerika und der Universiade komme ich auf 20 Saisonrennen. Damit bin ich voll ausgelastet, schließlich will ich ja bei jedem Bewerb so viele Läufe wie möglich absolvieren.

Steckbrief

1987
wird Julia Dujmovits in Güssing geboren. Mit neun Jahren steht sie zum ersten Mal auf dem Snowboard.

2003
gibt sie als 15-Jährige ihr Debüt im Weltcup. Bislang hat sie zwei Siege sowie zwölf Podestplätze zu Buche stehen.

2013
gewinnt sie bei der WM in Stoneham im Parallel-RTL die Silbermedaille.

2014
holt sie bei den Olympischen Spielen in Sotschi im Parallel-Slalom Gold und beschert damit dem Burgenland die allererste Medaille. APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2014)

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