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Konzerthaus: Virtuoser Kontrabass und getrübtes Mahler-Glück

Wiener Konzerthaus(c) Wiener Konzerthaus (Wiener Konzerthaus)
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Michael Tilson Thomas dirigierte die Philharmoniker bei Vanhals Kontrabasskonzert und Mahlers Fünfter im Großen Saal.

Mit Vorliebe greifen Kontrabassvirtuosen auf die Werke eines Dragonetti, Bottesini oder Vanhal zurück. Damit können sie nicht nur die vielseitigen Möglichkeiten ihres Instruments, sondern auch ihre eigene manuelle Fertigkeit am besten demonstrieren. So war es nicht überraschend, dass sich auch der in Budapest geborene und in Wien ausgebildete Solokontrabassist der Wiener Philharmoniker, Ödön Rácz, für sein Solistendebüt mit seinem Orchester für Vanhals Es-Dur-Kontrabasskonzert entschied. Selbst wenn dieses dreisätzige Werk melodisch eher eingängig als anspruchsvoll ist und dem Orchester bloß Begleiterfunktion zukommt. Wenigstens der Solist kann zeigen, was in ihm steckt.

Rácz, Enkelschüler seines Vorgängers am ersten Kontrabasspult der Philharmoniker, des legendären Ludwig Streicher, nutzte seine Chance und erwies sich im heiklen akustischen Ambiente des Großen Konzerthaus-Saales als sensibler wie elegant phrasierender Gestalter des mit Schwierigkeiten gespickten Soloparts. Einfühlsam assistierten ihm seine in kleiner Besetzung angetretenen Kollegen.

Hauptwerk dieses Programms, das die Philharmoniker tags darauf in Budapest und gestern im Rahmen ihres Soiréen-Zyklus im Musikverein wiederholten, war Mahlers Fünfte. Auch das kein Zufall, denn Michael Tilson Thomas zählt zu den derzeit prominentesten Interpreten dieses Komponisten, und Leonard Bernstein war einer der wichtigsten Mentoren dieses amerikanischen Maestro, der seit bald 20 Jahren an der Spitze des San Francisco Symphony Orchestra steht.

Dennoch hinterließ sein Wien-Gastspiel einen widersprüchlichen Eindruck. Verglichen mit Bernstein ist sein Zugang zu Mahler distanzierter, nüchterner. Ihn interessiert vorrangig die Offenlegung der Architektur der einzelnen Sätze. In den beiden ersten Sätzen dieser cis-Moll-Symphonie gelang dies auch. Weil er die Liebe zum plastisch geformten Detail mit dem profunden, spannungsreichen Blick für das Ganze souverän verband. Effektvoll und klar gegliedert erstand auch das Finale. Mehr Atmosphäre hätte man sich beim Adagietto gewünscht, erst recht ein weniger starres Verharren in den Einzelheiten beim – von Irritationen und Homogenitätsproblemen beeinträchtigten – Scherzo.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2014)