Auf der Jagd nach der Story über die Vergewaltigung einer Studentin durch ein halbes Dutzend Verbindungsstudenten hat das Magazin journalistische Grundregeln missachtet.
Amerikanische Journalisten haben für fast jede Lebenslage ein flottes Sprichwort, das gilt auch für die Kardinaltugend des kritischen Hinterfragens: „Wenn deine Mutter sagt, dass sie dich lieb hat, mach eine Gegenrecherche. Denn wenn du es nicht machst, tut es ein anderer.“
Der „Rolling Stone“, seit einem halben Jahrhundert Ort aufsehenerregender Enthüllungen politischer Skandale, hält sich für gewöhnlich an den Grundsatz mehrfacher Nachprüfung. Eine eigene Abteilung von Fact Checkern und mehrere Anwälte lesen jeden heiklen Artikel, um etwaigen Klagen oder Richtigstellungen vorzubeugen.
Bei dieser Story allerdings brannten alle Sicherungen durch: Eine junge Frau namens „Jackie“ sei im Herbst 2012 auf einer Party von einem halben Dutzend Mitgliedern einer Studentenverbindung an der renommierten University of Virginia in Charlottesville stundenlang vergewaltigt worden. Man habe sie in ein finsteres Zimmer des Verbindungshauses gezerrt, auf einen Teppich gestoßen, wobei ein Glastisch zu Bruch ging, und sie am Arm verletzt, dann hätten sich fünf junge Männer so lange und brutal an ihr vergangen, bis sie zwischen den Beinen blutete. Verstört und blutverschmiert sei sie vor dem Verbindungshaus von Freunden aufgelesen worden. Sie hätten ihr geraten, weder zur Polizei noch ins Spital zu gehen, weil „der gesellschaftliche Preis“, sich mit den mächtigen Studentenverbindungen anzulegen, dafür zu hoch sei.
„Jackies“ Geschichte erschien in der aktuellen Ausgabe des Magazins, und sie war ein Knüller: Ein Sturm der Empörung raste über die University of Virginia, wie ihn die 1817 vom dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson gegründete Institution seit den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg in den 1960er-Jahren nicht gesehen hat. Seit Monaten schwelt eine Debatte darüber, ob Amerikas Hochschulen zu wenig gegen sexuelle Gewalt in ihren Studentenheimen, Verbindungen und College-Sportmannschaften tun. „Jackies“ Fall ließ nun das Fass überlaufen.
Die schrittweise Offenbarung, dass die Geschichte von der Gruppenvergewaltigung möglicherweise frei erfunden ist, hat vergangene Woche für ein publizistisches Donnerwetter gesorgt. Nach und nach, nicht zuletzt dank hartnäckiger Recherchen der „Washington Post“, enthüllte sich, dass fast nichts von „Jackies“ Bericht stimmt: Der Student, der sie angeblich auf die Party gelockt hat, ist nie mit ihr ausgegangen und kein Mitglied der beschuldigten Studentenverbindung. Selbige hat an jenem Tag im September vor zwei Jahren nachweislich keine Party veranstaltet. „Jackies“ Freunde gaben an, die junge Frau sei zwar verstört gewesen, habe aber keine äußeren Anzeichen von Verletzungen getragen, vor allem keine Blutflecken. Sie hätten ihr angeboten, einen Arzt und die Polizei aufzusuchen – aber sie habe das abgelehnt.
Klare Alarmzeichen übersehen
Am Freitag zog Chefredakteur Will Dana die Geschichte über „Jackies“ Gruppenvergewaltigung zurück. Die handwerklichen Fehler, die die Reporterin Sabrina Rubin Erdely bei ihren Recherchen beging, waren bedenklich. Zuerst akzeptierte sie „Jackies“ Bitte, den angeblichen Haupttäter nicht zu kontaktieren. Das ist ein schweres journalistisches Vergehen, denn gerade bei kontradiktorischen Sachverhalten muss man dem Beschuldigten die Möglichkeit geben, seine Sicht der Dinge zu Protokoll zu geben. Als „Jackie“ später sagte, sie wolle selbst dann nicht in dem Artikel vorkommen, wenn der vermeintliche Anführer der Vergewaltigung nur anonymisiert erwähnt wird, drängte Erdely darauf, mit der Geschichte trotzdem fortzufahren. Eine Hauptquelle, die eine schwere Anschuldigung äußert, selbst aber nicht genannt werden will: So etwas sollte jeden Reporter misstrauisch machen.
„Jackies“ Freunde vermuten, dass der jungen Frau sehr wohl etwas Schlimmes passiert sein könnte. Die brutale Gruppenschändung war es wohl nicht. Für den Kampf gegen die sexuelle Gewalt an Amerikas Hochschulen ist diese Episode ein herber Rückschlag: Es wird befürchtet, dass Vergewaltigungsopfer nun noch weniger Glauben finden, als das ohnehin oft der Fall ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2014)