„Faust II“ als Turboversion, bei der man den Dichter bilderreich beim Verseschmieden sieht.
Teil II des „Faust“, ein Jahr vor Johann Wolfgang Goethes Tod 1831 vollendet, ist ein Monstrum, 7500 Verse voller mythologischer und zeitgenössischer Anspielungen. Als unspielbar galt es den Zeitgenossen, als reines Lesedrama. Im Landestheater Linz hat Regisseur David Mouchtar-Samorai diesen Fünfakter noch weiter kompliziert und zugleich vereinfacht: Elf Darsteller spielten bei der Premiere am Sonntag 41 Rollen. Erschwerend war bei der Premiere am Sonntag auch, dass zuvor am Nachmittag der erste Teil des „Faust“ aufgeführt wurde. Multiple Rollen überall. Aus dem Gretchen zum Beispiel wurde am Abend die Helena (Isabella Szendzielorz).
Vasilij Sotke, der stärkste der elf auch in „Faust II“, gab neben einem beeindruckenden Mephisto gleich auch noch Zoilo-Thersites, Plutus, den Narren, Homunculus und Phorkyas. Der Faust hingegen ist dreigeteilt: Georg Bonn spielt neben anderem den jungen Faust, Stefan Matousch mit viel Charakter und zuweilen undeutlicher Artikulation den alten Faust und zudem auch noch den etwas derangiert und versoffen wirkenden Goethe beim Dichten des „Faust“, der gelegentlich auch noch andere Rollen rezitiert.
Auftritte im Minutentakt
Verwirrend? Ja. Man muss das Werk schon sehr intim kennen, um zu wissen, wer gerade wen spielt. Andrerseits aber legt die Inszenierung ein Höllentempo vor. In etwas mehr als einer Stunde kommt das Ensemble bis zur klassischen Walpurgisnacht im ersten Drittel des Werkes. Die Szenen in der kaiserlichen Pfalz und in Fausts Studierzimmer sind noch leidlich erkennbar. Dann aber werden nach einer kurzen Pause die beiden übrigen Drittel des Werkes in einer knappen Stunde nur noch bildhaft angedeutet: Helena (stark), Philemon und Baucis, Homunculus und der Türmer Lynkeus erscheinen im Minutentakt. Da ist ein Kommen und Gehen, als wären die handelnden Personen geflügelte Worte. Und es sind auch für Momente zuhauf Posen und Utensilien Goethes zu sehen, als ob er gerade mit Stock und Hut nach Italien aufbräche.
Dennoch ergibt dieses Stakkato Sinn, weil das Konzept klar ist. Man erlebt das Drama beim Entstehen, im Kopf des Poeten. Eingangs liegt der Geheime Rat im Morgenrock wie tot im Bett, auf karger Bühne (Heinz Hauser), neben sich zwei leere Champagnerflaschen, auch beim Lesepult gegenüber stehen welche. Verstreute Manuskripte. Faust erwacht und beginnt zu dichten, von der Antike bis zur Märzrevolution 1830.
Der Teufel verkündet die Moderne
Ist der alte Herr, dem der Teufel ständig nachschenkt, bereits im Delirium? Der Kaiser und sein Hof erscheinen, Mephistopheles stellt sich ein und läuft rasch zur Hochform auf. Er ist der Künder der Moderne, der Erfinder des Papiergeldes, eine rasende Szene mit Börsianern folgt. Es lebt die Industrie. Beim Homunculus wird platt die Gentechnik vorausgenommen, die offene Gegend weckt Öko-Bewusstsein. Das Haus der Alten fackeln drei Biedermeier-Gigerln ab.
Schon geht's ans Sterben, während der Türmer noch auf hoher Leiter schwankt. Der erblindete Goethe-Faust und der junge Faust stimmen „Verweile doch...“ an, der Alte verschüttet Rotwein, greift sich ans Herz, wird schließlich ins Bett geschleift, unter das sich auch Mephisto flüchtet. Der Chorus mysticus setzt ein. Alles vorbei? Setzt Leere ein, wie der Teufel behauptet? Goethe wacht auf, er hat einen mächtigen Kater, und blickt verwundert um sich. Er ist in Linz an der Tramway, und fast alle klatschen begeistert über den wiederbelebten Klassiker.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2009)