Wie man uns mit getürkten Inflationszahlen ganz ordentlich verschaukelt.
Ökonomen gefallen sich in jüngster Zeit mit Warnungen vor einer Deflation. Also dem Absinken der Preise auf breiter Front mit verheerenden Auswirkungen auf Konsumklima, Investitionsbereitschaft, kurz: auf die Konjunktur.
Bitte lassen Sie sich nicht verschaukeln. Wenn man ein kleines Stückchen hinter die getürkten offiziellen Zahlen blickt, sieht man: Wir stecken bereits mittendrin. Seit mindestens einem Dreivierteljahr.
Warum man das nicht gleich sieht? Weil in die offizielle Inflationsrate nur ein Teil der Inflation einfließt. Nämlich die Verbraucherpreise. Ein zuletzt viel größerer Teil, nämlich die Vermögenspreise (etwa Immobilien und Aktien), sind darin nicht enthalten. Obwohl deren Wert das Konsumverhalten und damit die Konjunktur ganz entscheidend beeinflusst.
Das heißt: Die wahren Inflationsraten waren zwischen 2003 und 2008 viel höher als offiziell ausgewiesen. Und jetzt, nach dem starken Verfall der Vermögenspreise, stecken alle Industriestaaten ziemlich tief in der Deflation. Auch wenn die derzeit mickrigen, aber vorhandenen offiziellen Inflationsraten noch anderes sagen.
Wenn man das erkennt, dann lösen sich die vermeintlichen Paradoxien der vergangenen Jahre ganz einfach auf.
Beispielsweise, dass Fed und Euro-Notenbank die Geldmenge jährlich prozentuell zweistellig ausgeweitet haben, ohne eine Mega-Inflation zu generieren. Natürlich sind die Gesetze der wirtschaftlichen Schwerkraft nicht außer Kraft gesetzt gewesen: Die Mega-Inflation hat sich in den Vermögenspreisen (Aktien- und Immobilienblase) manifestiert. Dort, wo das neu generierte Geld eben hingeflossen ist. An der offiziellen Inflationsrate, nach der sich beispielsweise die EZB richtet, war das aber nicht abzulesen.
Oder, dass die Konsumenten zurzeit in einem offiziell noch leicht inflationären Umfeld wie in einem klassischen Deflationsszenario reagieren und Konsum verweigern. Bei den Konsumenten ist der Rückgang der Vermögenspreise eben (anders als in der Inflationsrate) längst angekommen.
Das führt zu ein paar unangenehmen Erkenntnissen. Zum Beispiel, dass die Notenbanken seit 2000 wegen der Fixierung auf die Verbraucherpreise einen katastrophal falschen Kurs gefahren sind und das jetzige Dilemma mitverursacht haben. Und, dass unter Einrechnung der wahren Inflation alle Industriestaaten seit der Jahrtausendwende eine real schrumpfende Wirtschaftsleistung aufweisen. Die nur durch manisches „Gelddrucken“ übertüncht worden ist.
Das „inflationsfreie Wachstum“ war also eine schlichte Lüge. Es war weder inflationsfrei noch gab es Wachstum. Wundert sich jetzt noch jemand, dass die Welt derzeit so aussieht, wie sie aussieht?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2009)