Der Wiener Norbert Sedlacek kam bei der härtesten Regatta für Solosegler rund um die Welt nach 126 Tagen als Elfter und Letzter ins Ziel. Immerhin: 19 der 30 Starter waren gescheitert.
Fast 300.000 Zuschauer hatten die 30 Starter am 9. November 2008 in Les Sables d'Olonneauf ihre Reise um den Globus verabschiedet. Bei Norbert Sedlaceks Rückkehr war zwar nur noch eine Handvoll Segelfans dabei, doch gefeiert wurde der Wiener wie ein Sieger: Nach 126 Tagen, fünf Stunden, 31 Minuten und 56 Sekunden lief er nach seinem 27.707-Meilen-Trip als Elfter und Letzter ein.
Dennoch hatte der 47-jährige Wiener sein Ziel erreicht: das Ziel, das 19 andere Teilnehmer nicht sahen. Der Rückstand von 42 Tagen auf Sieger Michel Desjoyeaux war angesichts dessen kein Thema.
Es klinge vielleicht seltsam, sagte Sedlacek nach seinem Zieleinlauf, „die letzten Meilen waren die schwierigsten.“ Wetterkapriolen hatten ihn zum Aufkreuzen gezwungen, zudem sei der Druck gewachsen, die 18 Meter lange Jacht ins Ziel zu bringen. „Und beim Andocken an Europa wird der Verkehr immer dichter. Die Kapitäne der großen Schiffe unterschätzen die Geschwindigkeit der Segelboote – im Schnitt 9,15 Knoten.“ Ähnlich anstrengend wie das Finale waren auch jene 400 Meilen in den Doldrums, in denen meterhohe Wellen und orkanartige Böen ihn und sein Boot bedroht hatten.
Die emotionalsten Stunden aber erlebte Sedlacek bei Kap Hoorn. „Es war geradezu mystisch: Ich habe geheult wie ein Kind.“ Die psychische Belastung, nur via Telefon mit der Außenwelt verbunden und auf wenige Quadratmeter begrenzt zu sein, habe sich dabei entladen. Ebenso die Erleichterung, „den Süden bewältigt, nein, überlebt zu haben und doch zu wissen: Es warten noch 8000 Meilen.“ Die Erschöpfung erklärt Sedlacek auch mit den minimalen Ruhephasen: „Vier Stunden pro Tag, höchstens 20 Minuten am Stück“, während deren seine „Nauticsport-Kapsch“ dank des Autopiloten Kurs hielt.
Kollision mit einem Wal
Mit dem „Thema Überlebensangst“, erzählt Sedlacek, „muss man abgeschlossen haben, bevor es losgeht.“ Angst um sein Equipment aber habe ihn ständig begleitet: „Mit dem Boot hast du eine Art Liebesverhältnis. Du kommst nur zu zweit an – oder gar nicht.“
Gefahr drohte einerseits durch Kollisionen: Der Franzose Jean-Pierre Dick musste aufgeben, weil Treibgut sein Ruder beschädigt hatte. Dessen Landsmann Roland Jourdain kollidierte an zweiter Position liegend mit einem Wal. Die dabei schwer beschädigte Kielbombe erzwang sein Ausscheiden.
Andererseits setzten Wind und Wellen dem Material arg zu: Von 30 gestarteten Seglern scheiterten 15 an Mast-, Ruder- oder Takelagenbruch. Übel erwischte es den Franzosen Jean le Cam, der die Kielbombe verlor, kenterte, kieloben dahintrieb und letztlich von einem Konkurrenten gerettet wurde. Auch Sedlacek erlebte mehrfach heikle Momente. Im Pazifik etwa erzwangen Mastprobleme riskante Manöver. Die Gebrechen konnte er aber – so, wie es das Reglement vorsieht – aus eigener Kraft beheben.
Kaum in Les Sables d'Olonne eingelaufen, dachte Sedlacek über neue Projekte nach. Noch mal die Vendée Globe: „Mit konkurrenzfähigem Material – warum nicht.“ Mit seinem 1995 gebautem Boot wäre er bei der Vendée Globe 1996 Fünfter geworden. Diesmal aber war das älteste Schiff des Feldes, das demnächst für rund 250.000 Euro zum Verkauf steht, klar unterlegen.
Bevor sich Sedlacek von seiner „Liebe“ trennen wollte, war ihm erst einmal nach einer ausgiebigen Dusche und frischer Kleidung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2009)