Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs begannen US-Geheimdienstler hochrangige Nationalsozialisten für die Spionage gegen die Sowjets anzuwerben. Jahrzehntelang sabotierten FBI und CIA ihre strafrechtliche Verfolgung.
Die Amerikaner wussten genau, mit wem sie es zu tun hatten. „H. ist natürlich gefährlich. Er ist ein Nazi“, schrieb ein US-Geheimdienstoffizier im Frühling 1945 in einer Mitteilung an Allen Dulles, den Direktor des CIA-Vorgängers Office of Strategic Services. Doch die Aussicht, diesen H., den 30-jährigen SS-Obersturmbannführer Wilhelm Höttl, zum Überlaufen zu bewegen, war zu verlockend. Höttls SS-Laufbahn, die ihn schon als jungen Mann bis auf den Posten des Adjutanten seines österreichischen Landsmanns Ernst Kaltenbrunner im Reichssicherheitshauptamt geführt hatte, sei „natürlich übel“, antwortete Dulles. „Aber ich glaube, dass er seine Haut retten will und darum nützlich sein könnte.“
So begann die zweite Laufbahn des am 19. März 1915 in Wien geborenen Beamtensohnes Höttl im Sold und unter dem Schutz der US-Geheimdienste. Für die CIA und den Abwehrdienst der Army engagierte er andere ehemalige Nationalsozialisten in Wiener und Budapester Spionageringen.
Der wendige „Willi“ aus Wien
Doch bald erwies sich Höttl als Problem für die CIA und Army. Er hinterzog Geld, das für die Bezahlung von Agenten in Ungarn und Österreich verbucht war. Und er begann seine Dienste, die großteils im Lesen der Tageszeitungen in Kaffeehäusern und im Denunzieren anderer Spione bestanden, an die Sowjets zu verkaufen.
Erst 1952 beendete die CIA die Zusammenarbeit mit, wie sie ihn nannten, „Willi“. Strafrechtlich verfolgt wurde Höttl nie; weder für seine Teilnahme an der Ermordung hunderttausender ungarischer Juden vor Kriegsende noch für die Denunziation westlicher Geheimdienstquellen danach. 1999 starb er unbehelligt in Altaussee; 1995 hatte er das Goldene Verdienstkreuz des Landes Steiermark erhalten.
Der Fall Höttl ist gut dokumentiert, und er ist beispielhaft für ein Muster amerikanischer Geheimdienstarbeit während des Kalten Krieges, das in jüngerer Vergangenheit dank der Öffnung der Archive in Washington einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird. Im Bestreben, Erkenntnisse über die Vorhaben der Sowjets in den von ihnen besetzten Ländern Mittel- und Osteuropas und über KGB-Spionageringe in den USA zu gewinnen, protegierten CIA und Bundespolizei FBI bis in die 1990er-Jahre hochrangige nationalsozialistische Kriegsverbrecher, die für den Mord an hunderttausenden Menschen verantwortlich waren. Die beiden Dienste fälschten Personalakten, unterdrückten problematische Beweise in Gerichtsverfahren, stellten neue Dokumente aus und sabotierten die Bemühungen einer 1979 gegründeten Abteilung des US-Justizministeriums, Nazis dingfest zu machen.
Das Interesse der Amerikaner an nationalsozialistischen Wissenschaftlern ist gut dokumentiert; ihre „Operation Paperclip“ hat unter anderem Wernher von Braun, den Konstrukteur von Hitlers V-2-Raketen, zum „Vater des Apollo-Programms“ der Nasa gemacht. Dass von Braun zeitlebens kein Problem damit hatte, dass in seinen Raketenfabriken, allen voran in Dora-Mittelwerk, tausende Zwangsarbeiter starben, tat seiner neuen Karriere keinen Abbruch. Walt Disney, einer seiner größten amerikanischen Bewunderer, förderte von Brauns Ansehen mit schönen Fernsehbildern.
Der „New York Times“-Journalist Eric Lichtblau hat den Stand der Erkenntnisse in seinem vor Kurzem erschienenen Buch „The Nazis Next Door: How America Became a Safe Haven for Hitler's Men“ (Houghton Mifflin Harcourt, Boston/New York) zusammengefasst. Ein Fall, der die problematische Rolle der amerikanischen Geheimdienste beispielhaft auf den Punkt bringt, betrifft einen Mann namens Otto von Bolschwing. Der am 18. Oktober 1909 in Ostpreußen geborene Junker trat 1932 der NSDAP bei und verfasste 1937 im Dienst von Adolf Eichmann eine „Denkschrift“ zur Frage, wie man sämtliche Juden Deutschlands zur Auswanderung bewegen könne. „Das wirksamste Mittel, um den Juden das Sicherheitsgefühl zu nehmen, ist der Volkszorn, der sich in Ausschreitungen ergeht“, riet von Bolschwing zu jener Form des Terrors, der ein Jahr später in der Reichspogromnacht gipfelte.
Der Fall des Otto von Bolschwing
Nach Hitlers Überfall auf Osteuropa war von Bolschwing unter anderem in Bukarest tätig, wo er Hand in Hand mit dem rumänischen Faschistenführer Viorel Trifa zusammenarbeitete, der 1941 zu einem Pogrom aufrief, im Laufe dessen hunderte Juden umgebracht wurden; manche von ihnen wurden gehäutet und auf Fleischhaken aufgehängt. Von Bolschwing diente sich zu Kriegsende den Amerikanern an und arbeitete bis in die 1950er-Jahre als Spion in Österreich. Dann organisierte die CIA seine Einwanderung in die USA. Sie half ihm gegenüber der Einwanderungsbehörde, seine NS-Vergangenheit zu verschleiern, und drang darauf, dass er falsche Angaben über die Zeit vor 1945 machte. Der frühere Eichmann-Berater erhielt die US-Staatsbürgerschaft und machte zuerst in New York und später in Kalifornien Karriere als Unternehmensmanager.
Von Bolschwing verhielt sich so diskret, dass ihn die Nazi-Sonderermittler des Justizministeriums bei Aufnahme ihrer Arbeit 1979 nicht erkannten. Als sie ihm kurz darauf auf die Spur kamen, lag von Bolschwing in einem Pflegeheim. An ein Gerichtsverfahren war nicht mehr zu denken, und so einigte man sich darauf, dass von Bolschwing seine US-Staatsbürgerschaft zurücklegt und im Gegenzug nicht an die deutsche Justiz ausgeliefert wird. Drei Monate später war er tot. „Es war ein kleiner Erfolg“, schreibt Lichtblau. „Er starb nicht als Amerikaner.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2014)