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Pop

Andrea Schroeder: Dunkle, bittere Heldenlieder

(c) BilderBox
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Die Berliner Sängerin Andrea Schroeder lud ins Wiener Theater Akzent. Ihr Chanson noire lockte in ein düsteres Labyrinth.

Dass Tränen nicht nur Salz enthalten, war Andrea Schroeder schon als Kind klar. Früh nährte sie ihre Seele mit dem Nektar der Melancholie. Das kommt der Wahlberlinerin jetzt zugute. Die Mittvierzigerin hat ja erst nach einer Stimmbandlähmung mit 30 mit ihrer Leidenschaft, dem Singen, Ernst gemacht. Nun debütierte sie viel umjubelt mit ihrem zweiten, formidablen Album „Where the Wild Oceans End“ in Wien. Ihre mit attraktiv verwahrlosten Musikern aus aller Welt bestückte Band trug sie mit pointiertem Einsatz in alle Himmel des zelebrierten Missvergnügens. Klavier, Orgel und Bass waren da ähnlich eingesetzt wie bei Nick Caves Bad Seeds. Sie sorgten für die melodischen Kontrapunkte zum sparsam, aber sehr wirkungsvoll eingesetzten Gitarrenfeedback. Die hintersinnige Dynamik der Band schuf eine ideale Basis, von der aus sich Schroeders tiefe Stimme wegkatapultieren konnte.

Mit „Dead Man's Eyes“ ging es gleich in eine postalkoholische Situation, in der der eingetrocknete Wein in den Gläsern morgendliche Angst evozierte. Mit durchaus flexiblem Timbre beschwor Schroeder bald die Geister von Berlin. Was auf dem Album etwas zu brav klingt, entwickelte sich live auf der Bühne des Theaters Akzent zu einem aufregenden Kammerspiel zwischen Laszivität und Morbidität. Die gern geäußerten Vergleiche mit Nico und Marlene Dietrich gehen aber ins Leere. Schroeder singt wesentlich subtiler als diese Chansonnièren des Schattigen. Was sie jedoch mit ihren charismatischen Vorgängerinnen gemeinsam hat, ist ein Liedgut, das frei von jeglichem moralischen Belcanto ist. Das Bittere wird weder beklagt noch geschönt, sondern tapfer heroisiert.

 

Jacques Brel, David Bowie

„Where the Wild Oceans End“ nahm auf einen wilden Wellenritt ins Moll mit. Auch ein Highlight: „Die Kälte“, verzärtelt von Schroeders Harmonium. Der Frost der hier entworfenen Landschaft war als Entsprechung zur seelischen Disposition in Zeiten des Spätkapitalismus zu verstehen. In „The Rattlesnake“ übte man sich kurz im Zorn. Dann ging es wieder Richtung Bedauern: In Brels „If You Go Away“ hörte man förmlich die Saiten des Idealismus in Schroeders Herzen reißen. Die andere Coverversion, David Bowies „Helden“, faszinierte mit einer aufreizenden Mischung aus Kühle und Hitze, Gewehrkugeln und Küssen. Das Wesentliche des Lebens arrangiert sich selbst. Die Spinne im Kopf kann ruhig weiterschlafen. Standing Ovations.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2014)