Analyse: Die letzten echten Steuerzahler

Zieht man die Transferzahlungen von den Lohn- und Einkommensteuern ab, dann zeigt sich: Die Zahl der Nettolohnsteuerzahler schrumpft, wenige Besserverdiener tragen das System.

Echte Lohnsteuerzahler sind eine gefährdete Spezies: Das gesamte System wird dank umfangreicher Sozialtransfers in Wahrheit nur noch von einer dünnen Schicht von Besserverdienern getragen.

Alle reden von der Entlastung der Lohnsteuerzahler, aber keiner sagt, wer eigentlich überhaupt noch Lohnsteuer zahlt. Zeit, einmal etwas genauer in die „Integrierte Lohn- und Einkommensteuerstatistik“ der Statistik Austria zu blicken. Das lohnt sich, denn damit lassen sich ein paar ideologisch etwas verzerrte Bilder zurechtrücken.

Dieses trockene Zahlenwerk (die letzte verfügbare Fassung ist jene von 2011) birgt nämlich einige Überraschungen. Kurz zusammengefasst: Die tatsächlichen Lohn- und Einkommensteuerzahler sind eine gefährdete Spezies, das gesamte Lohnsteueraufkommen wird in der Realität nur noch von einer relativ kleinen Gruppe getragen. Und genau diese Gruppe ist auch die einzige, bei der die kalte Progression so richtig zuschlägt. Dort dafür aber ordentlich.

Dass im unteren Einkommensbereich eine relativ große Gruppe so wenig verdient, dass sie keine Einkommensteuer bezahlt, ist unterdessen ja bekannt: Rund 2,5 Millionen der insgesamt 6,8 Millionen Lohn- und Einkommensteuerpflichtigen (Aktive und Pensionisten) kommen nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge auf ein Einkommen, für das der Steuersatz null lautet.
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn der Staat verteilt ja auch kräftig um. Die Lohn- und Einkommensteuerzahler liefern für ihre Einkommen also rund 26 Milliarden Euro ab, beziehen im Gegenzug aber rund 9,4 Milliarden Euro an Transferleistungen vom Bund. Naturgemäß sind bei den niedrigsten Einkommen die Steuern am niedrigsten und die Transfers am höchsten. So, wie es in einem Sozialstaat eben sein soll.

Saldiert man Steuer und Transfers, um eine Art Nettosteuerleistung zu erhalten, dann wird das Bild noch wesentlich dramatischer: Dann zeigt sich nämlich, dass alle, die weniger als 20.000 Euro brutto im Jahr verdienen, Nettoempfänger sind. Und zwar beträchtlich: Diese Gruppe liefert 660 Millionen Euro an Steuern ab und bezieht gleichzeitig 4,6 Milliarden Euro an Transfers. Vor allem aber: Diese Gruppe umfasst knapp 3,6 Millionen Menschen. Anders gesagt: Mehr als die Hälfte der Lohn- und Einkommensteuerpflichtigen bekommt mehr vom Staat, als ihre Steuerleistung ausmacht.

Bezahlen muss das Werkel also der Rest. Der Mödlinger Steuerberater Reinhold Koch hat das Bild in einem von ihm erarbeiteten Steuerkonzept plastisch dargestellt: Die unteren 40 Prozent der Lohnsteuerpflichtigen sind Nettoempfänger, die restlichen 40 Prozent zahlen etwas mehr ein, als sie zurückbekommen, die Säulen des Systems sind die Besserverdiener. Die in der oben stehenden Grafik dargestellten Daten der Statistik Austria bestätigen dieses Bild: Bereinigt um die Transfers wird praktisch die gesamte Lohnsteuer vom obersten Viertel der Einkommensbezieher (das übrigens schon bei 30.000 Euro Jahreseinkommen beginnt) bezahlt. Wobei es sich nach oben immer weiter zuspitzt: Die obersten 3,3 Prozent sorgen für 53 Prozent des um Transfers bereinigten Steueraufkommens, die obersten 1,4 Prozent (sie verdienen über 7100 Euro brutto im Monat) tragen stattliche 34,4 Prozent bei.

 

Steuerkühe nicht schlachten

Genau genommen greift die Progression dank der Transfers also erst bei recht hohen Einkommen richtig. Dort aber umso stärker. Dort spielt sich im Wesentlichen auch die kalte Progression ab. Koch hat die (valorisierten) Steuern und Einkommen von 1988 mit jenen von 2012 verglichen und festgestellt: Vergleichbare Einkommen unter 25.000 Euro im Jahr sind heute (wegen der Anhebung der niedrigsten Progressionsstufe) geringer mit Lohnsteuer belastet als vor einem Vierteljahrhundert. Für mittlere Einkommen ist etwas mehr Steuer fällig, wobei sich die Mehrbelastung allerdings in Grenzen bzw. im niedrigen dreistelligen Eurobereich hält. Wirklich dramatisch wird es aber bei hohen Einkommen: Jemand, der 90.000 Euro brutto im Jahr verdient, muss heute um 1100 Euro im Monat mehr Steuer zahlen, als für ein vergleichbares Einkommen 1988 fällig gewesen wäre.

Diese Zahlen können vielleicht ein wenig zur Versachlichung der Diskussion beitragen. Derzeit wird ja vielfach so getan, als würde die Gruppe der Besserverdiener dem Staat den gerechten Anteil an ihrem Einkommen verweigern und auf Kosten der Ärmeren in Saus und Braus leben. Die Zahlen sagen aber, dass sie den Sozialstaat mehr oder weniger tragen.

Natürlich wäre es absurd, daraus ableiten zu wollen, diese Gruppe im Rahmen der Steuerreform besonders fürstlich zu bedenken. Man sollte aber doch aufpassen, dass man die wenigen Steuerkühe, die noch Milch geben, nicht leichtfertig schlachtet.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2014)