Hexachlorbenzol in Kärnten, Quecksilber und Blei in ganz Österreich: Durch die Recyclingvorgaben der Politik stellen sich Umweltfragen, über die man bisher nicht öffentlich gesprochen hat.
War die Freisetzung von Hexachlorbenzol (HCB) in Kärnten nur Pech? Recherchen lassen anderes vermuten. Sie zeigen, dass die Verwertung von Altlasten in der Zementindustrie strenger geregelt sein könnte. Doch der Wunsch von EU und heimischen Politikern nach hohen Recyclingquoten ist offenbar (zu) groß. Er hat dazu geführt hat, dass dieses Gewerbe – trotz Hinweisen von Experten – immer mehr Schwermetalle in die Atmosphäre bläst.
Um Ressourcen zu schonen, ist die (Wieder-)Verwertung von Altstoffen längst Dogma. In der Zementindustrie fanden Politiker und Behörden einen Partner, der viele Abfälle in die Produktion einbinden kann – sei es als Brennmaterial, sei es als Rohstoffersatz. Das Problem ist, dass einige Materialien mit Giften versetzt sind. Die Konsequenz: Mit dem Recycling stieg auch die Emission von Problemstoffen – und zwar deutlich.
Das belegt ein Blick auf die vergangenen fünf Jahre. Da stieg der Einsatz von Ersatzbrennstoffen in Zementöfen um 24 Prozent (483.694 Tonnen). Die Verwertung von Sekundärrohstoffen wie Blaukalk, der letzten Endes als Klinker (Zementvorläuferstoff) das Feuer des Drehrohrs verlässt und später zu Zement verarbeitet wird, nahm seit 2008 um 56 Prozent zu (663.189t). Die Schattenseite davon: 2013 wurde pro produzierter Tonne Zement um 161 Prozent mehr Blei als 2008 durch die Schlote ausgestoßen. Beim hochproblematischen Quecksilber waren es um 20 Prozent mehr. Im Vergleich zu 1988, als noch sehr wenige Recyclingstoffe eingesetzt wurden, ist der Quecksilberausstoß heute pro produzierter Tonne Zement fast dreimal höher (34 mg).
Tatsächlich passiert das alles aber unter Einhaltung der Grenzwerte. Denn die Grenzwerte werden in Gramm pro Kubikmeter Abluft gemessen. Am absoluten Giftausstoß ändert das jedoch nichts. Das Umweltbundesamt wies bereits 2004 nach, dass so eine „Verdünnung der Schwermetallemissionen im gesamten Abgasvolumenstrom möglich ist“. Quecksilberfilter sind in Österreich nur in Müllverbrennungsanlagen in Betrieb.
„Nullemission ist eine Illusion“
Ist die Baustofferzeugung ein Geschäft ohne jede Skrupel? Sebastian Spaun, Kogeschäftsführer der Vereinigung der österreichischen Zementindustrie, sagt, dass Abfallwirtschaft eine Frage der Abwägung von erwünschten und unerwünschten Nebeneffekten sei. „Die Nullemission ist eine Illusion.“ Trotzdem schreibt Brüssel vor, bis 2020 70 Prozent der Baurestmassen wiederzuverwerten. Zum Beispiel in Zementöfen. Quecksilber sei ein Problem, erläutert Spaun, daher werde die Branche künftig Lösungen finden. Lösungen, die u.a. zur Reduktion anderer Schadstoffe wie Staub oder Stickstoffoxiden geführt hätten. Außerdem hat er für die hohen Schwermetallwerte noch eine andere Erklärung: Das Messnetz sei besser und dichter geworden.
In der Schweiz sind Gefahrenstoffe in Ersatzrohstoffen seit 1998 limitiert. In Österreich nicht, obwohl das Umweltbundesamt 2005 die „Festlegung von Eingangsbeschränkungen für bestimmte Schadstoffe (z.B. Schwermetalle) bei Ersatzrohstoffen“ eingemahnt hat. Bei unseren Nachbarn hätte dieVerwertung des Kärntner Blaukalks der Richtlinie widersprochen. Dort gilt für Quecksilber eine Grenze von 0,5 Milligramm pro Kilogramm Material. In Kärnten wurde Blaukalk bis 10mg pro kg ins Werk eingebracht.
Im Umweltministerium heißt es, dass Recycling jedenfalls sinnvoll sei. Eine generelle Vorschrift für Giftstoffe im Ersatzrohstoff sei zumindest nicht unmittelbar nötig, weil die Anlagenbetreiber sich an die geltenden Grenzwerte in der Abluft halten müssten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2014)