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Ich lebe ich schreibe

Explizitheit und Poesie sind in Friederike Mayröckers Schreiben kein Gegensatz. Ihre Methode ist, das Privateste zu entpacken, indem sie es ästhetisch verpackt. Zu ihrem 90. Geburtstag hat sie uns ein Bändchen geschenkt, das ihre gesamte poetische Existenz enthält: „cahier“.

Am 20.Dezember feiert Friederike Mayröcker ihren 90. Geburtstag. 70 Jahre davon hat sie als Schreibende verbracht. Das muss man sich einmal vorstellen: sieben Jahrzehnte lang jeden Tag im sicheren Bewusstsein aufzuwachen, dass man „dieses Ding“ will. Dieses Ding, einzig und allein, denn so wird es in einem der mittlerweile mehr als 100 Bücher der Autorin schlicht benannt: „dieses Ding, dieses Schreiben“.

Beginnend mit ersten Gedichten in den 1940er-Jahren und ersten kleinen Prosaarbeiten, versammelt in dem Band „Larifari. Ein konfuses Buch“ (1956), hat Mayröcker ihr Ding durchgezogen. Bei dieser Autorin gab und gibt es keine Schreibkrise, und kein Zweifel am Wert des Schreibens kam bei ihr jemals auf. In einer knappen Wendung, ohne Punkt oder Komma getrennt, hat Mayröcker zusammengefügt, was sich bei ihr nicht trennen lässt: „Ich lebe ich schreibe.“

Die Entdeckung, was man mit der deutschen Sprache machen kann und wie man in sie das Eigene fügt, prägt hier ein ganzes Leben. Dabei wurden literarische Formen entwickelt, die in der deutschsprachigen Literatur in ihrer Eigenständigkeit einzigartig sind. Das reicht von experimentellen Textsammlungen wie „Tod durch Musen“ (1966) über die neue Lyrik und Prosa der 1970er-Jahre (erstmals bei Suhrkamp) bis hin zu großen Prosabüchern wie „mein Herz mein Zimmer mein Name“ (1988) und „brütt“ (1998).

Gerade auch in diesen Prosaarbeiten, die über mehrere hundert Seiten gehen, zeigt sich, was es heißt, wenn eine Schreibende sich völlig verausgabt und mit jedem Buch ihr ganzes bisheriges Schreiben aufs Spiel setzt. Explizitheit und Poesie sind in diesen Büchern kein Gegensatz. Ab jetzt hat die Autorin vor sich selbst und ihrer Leserschaft kein Geheimnis mehr, und ihr Schreiben kennt kein Tabu. Als Schutzpatron jener spezifischen Art, das Eigentliche und dabei auch das Privateste zu entpacken, indem man es ästhetisch verpackt, wird von der Autorin immer wieder Jacques Derrida angerufen. Aber auch der französische Philosoph, dessen Theorie so gut zu dieser Literatur zu passen scheint, ist nur einer von vielen. Wie all die anderen Personen, die in Mayröckers Literatur eingehen, ist auch Derrida nur eine Redefigur in einem Ensemble gleichberechtigter Stimmen.

Mayröckers Schreiben ist radikal antihierarchisch und offen für alles, was sich dem Kosmos der Autorin fügt oder besser noch: in der Lage ist, ihn zu erweitern. Dabei hat es der Autorin nie an Risikobereitschaft gemangelt. Als im Jahr 2000 ihr langjähriger Lebensgefährte, Ernst Jandl, verstarb, schien es in Mayröckers Werk die etablierte literarische Formensprache zu zerreißen. Splitterartig, wild und ungefügt waren die Texte des nachfolgenden Jahrzehnts, und eine Melancholie machte sich in ihnen breit, von der man meinte, dass sie nicht mehr zu überwinden war.

Mit dem Band „études“ (2013) wuchsen im Werk der Autorin neue Ästchen und Fühler. Als die „Himmelfahrt eines Ästchens“ bezeichnet Mayröcker das Buch in dem soeben erschienenen Nachfolgeband, „cahier“. Besser und komprimierter könnte man nicht sagen, was in „études“ passiert. Übungen und Versuche an den akuten Triebspitzen des eigenen Schreibens fanden hier statt, ohne dabei allerdings auf die in der Dichtung so beliebte Metapher des Baumes und damit auf den organischen Zusammenhang des Kunstwerks abzuzielen. In „études“ wachsen die Ästchen gleichsam aus sich selbst heraus in den Himmel und tun dabei so, als brauchten sie gar keinen Stamm, der sie trägt. Das äußert sich auch in der Form des Textes. Flächig verteilt auf kaum mehr als zwei Seiten, besteht er aus einer Serie literarischer Tagesportionen, die beständig zwischen Lyrik und Prosa changieren.

Gattungstrennungen wie diese brauchen heute vielleicht ohnehin nur noch die Professoren für Literatur, Mayröcker selbst hat sich in ihrem Schreiben davon längst verabschiedet. Auch der Band „cahier“ – den sie nach „études“ als zweite Station einer Trilogie versteht, die im nächsten Jahr mit einem Buch namens „fleur“ enden soll – ist nach einem gattungsübergreifenden Muster strukturiert. Der Band umfasst Eintragungen, die vom 19.Dezember 2012, einem Tag vor Mayröckers 88.Geburtstag, bis zum 19.März 2014 reichen. In ihrer Gesamtheit sind diese Aufzeichnungen viel mehr ein poetisches Tagebuch, denn alles in diesem Buch ist nicht allein auf den Zeitraum seiner Niederschrift, sondern auf die gesamte poetische Existenz der Autorin bezogen.

In der Gestaltung des Buches hat sich Suhrkamp nicht lumpen lassen. So macht die Autorin in ihren Einträgen, in denenkaum ein Satzzusammenhang über mehr als zwei Zeilen reicht, exzessiv von den formalenSpleens Gebrauch, die man von ihr kennt. Unterstreichungen, Kapitälchen, Klammerausdrücke, Punktierungen und vor allem der von der Autorin besonders geliebte Doppelpunkt (mit vorausgehendem Spatium) strukturieren den Text und verleihen ihm einen spezifischen Körper. Neben den Drucktext, teilweise aber auch direkt in ihn, wurden zahlreiche fragile Zeichnungen und handschriftliche Notizen der Autorin gestellt. So weit ist man den satztechnischen Wünschen der Autorin noch nie entgegengekommen. Auch das, so scheint es, ein Geschenk zum 90.Geburtstag.

Was aber ist ein Cahier? Dem Wortsinn nach ein Heft für Notizen oder ein Schreibheft, wie die Kinder es in der Schule verwenden. Im Sinn Mayröckers handelt es sich bei der materiellen Grundlage ihres neuen Buches wohl eher um ein Heftchen als ein Heft. Dieses Diminutiv gewinnt Mayröckers „cahier“ in Relation zu ihrem Gesamtwerk. Ein gigantisches Schreibgebirge türmt sich im Hintergrund des kleinen Heftchens auf, jederzeit in der Lage, das Neue zu erdrücken.

Um neu schreiben zu können, braucht es gegenüber dem schon Geschriebenen einen Schnitt. Diesen Schnitt setzt die Autorin in geheimnisvoller und faszinierender Weise. Mit „etúdes“ hat sie sich eine Möglichkeit verschafft, neu zu beginnen. In „cahier“ nun kehrt alles, was vorher war, als fernes Echo zurück. Dieses Heftchen ist vollgesogen mit einem 90-jährigen Leben und einer70-jährigen Schreibexistenz und hält sich gleichzeitig für alles offen, was in der aktuellen Gegenwart der Schreibenden passiert.

Wie das in einem Band von weniger als 200 Seiten geht? In einer extremen Verdichtung von Sprache. Friederike Mayröcker ist mit „cahier“ ein Meisterwerk geglückt. Dieser Band ist dicht wie ein Felsen und zart wie die allerzarteste Membran. Unverrückbar steht das Heftchen in der deutschsprachigen Literatur. Jeder aber, der will, kann es mitten in sein eigenes Leben nehmen. ■


Am 18. Dezember wird in der Wiener Alten Schmiede, Schönlaterngasse 9, ab 17.30 Uhr in einem Colloquium über „cahier“
diskutiert. Anschließend liest Friederike Mayröcker aus „brütt“.

Friederike Mayröcker

cahier

192 S., geb., €20,60 (Suhrkamp Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2014)