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Vom Fallen und Gefallen

„Niemandem wird es gelingen, mich vollkommen zu beschreiben, nicht einmal mir selber ist es gelungen. Ich stecke voller Rätsel.“ Vor 50 Jahren starb Alma Mahler-Werfel. Hinweise zu einer Biografie der Widersprüche.

Liebste Mama! Ich bin so beunruhigt durch die Briefe der Almschi, die einen so eigentümlichen Ton haben. Was geht denn da vor?“ Gustav Mahler fragt seine Schwiegermutter Anna Moll. Die freilich antwortet nicht: Meine Tochter betrügt Dich in Bad Tobelbad mit dem jungen Architekten Walter Gropius. Das wird Mahler selbst herausfinden – und daran zerbrechen. Die „Mama“ hat längst die Front gewechselt und schreibt an Gropius: „Ich glaube fest, dass Eure Liebe alles überdauern wird. Sie haben mein Kind so lieb, dass Sie alles tun werden, um sie nicht noch unglücklicher zu machen.“

Alma, die Unglückliche. Aber auch die Männer an ihrer Seite erfahren Leid pur. Ehemann Nummer drei, der elf Jahre jüngere Dichter Franz Werfel, wird formulieren: „Ich weiß nicht, ob die Alma mein größtes Glück oder mein größtes Unglück ist.“ Vielleicht beides. Das dürfte auch auf Gustav Mahler, Almas ersten Gatten, zugetroffen haben. Nach „acht Jahren erzwungener Askese“ an der Seite des als Wiener Hofoperndirektor, Komponist und Dirigent extrem geforderten Mahler, erliegt Alma dem anderen: Gropius wird ihr zweiter Ehemann werden. Zwischenzeitlich pflegt sie, im Jahr nach Mahlers Tod, eine heftige Affäre mit Oskar Kokoschka. Er malt sie – als seine „Windsbraut“.

Alma, die Bräutliche. Das bedient eines der ihr zugedachten Klischees. Ihr Männermagnetismus macht sie zur Legende. In einem Interneteintrag von 2014 über Alma sind neben ihren Geliebten auch die von ihr komponierten Lieder aufgelistet. „Ganz nett“, soll ihr erster Kompositionslehrer, Joseph Labor, gemeint haben, und ihr zweiter Instruktor, Alexander Zemlinsky, dem Alma auch erotisch verbunden war, urteilte: „Entweder Sie componieren, oder Sie gehen in Gesellschaften. Wählen Sie, was Ihnen näherliegt – gehen Sie in Gesellschaften.“ Lebte Alma heute, sie hätte komponiert und wäre in den Seitenblicken präsent; wohl als „Alma, die Komponistin“.

Anfang des 20. Jahrhunderts bezieht sie ihre Berühmtheit aus der Ehe mit Gustav Mahler. Der stellt unmissverständlich klar: Eine komponierende Frau an seiner Seite, das kommt nicht in Frage. Alma fügt sich. Knapp 32 ist sie, als Mahler 1911 stirbt. Ihr Diktum „Alles, was Mahler schrieb, war direktoder indirekt auf mich bezogen. Auch das, was vor meiner Zeit entstand. Er hat mich intuitiv vorausgeahnt“, rechtfertigt es, Betrachtungen über sie primär aus dem Blickwinkel Mahlers anzustellen.

Wien, 1902: Mahler, der als Junggeselle mit seiner Schwester in einer kleinen Wohnung lebt, gibt seinem Privatleben durch die Eheschließung eine turbulente Wendung. Almas starke Attraktion liegt nicht nur in ihrer sinnlichen Schönheit. Sie besticht durch einen hoch entwickelten Kunstinstinkt – und das seit Mädchentagen: Als Jugendliche singt sie hochdramatische Wagner-Partien und verschlingt, was ihr Hofburgtheaterdirektor Burckhard kistenweise zum Lesen schickt.


Mahlers Lieder? „Unwahr.“

Gustav Klimt bringt ihr die bildende Kunst – und sich selbst – näher. Es kommt zu einem Kuss, Alma bedauert, sich nicht über das Tabu der vorehelichen Unberührtheit hinweggesetzt zu haben. Sie spielt mit der von ihr ausgehenden Erotik. Verwirrt mit System, sie weiß um ihren Wert auf dem Heiratsmarkt. Einige Anträge lehnt sie ab. Mahler aber sagt sie Ja. Dieser warnt: „Es ist nicht so einfach, einen Menschen wie mich zu heiraten. Ich bin ganz frei, muss es sein, kann michnirgends materiell binden. Meine Stellung in der Oper ist von heute auf morgen.“

Almas Bedenken sind grundsätzlicher Art: Mahlers Musik spricht sie nicht an. Sie schätzt ihr Œuvre höher ein als seines. „Mittags schickt mir Mahler seine sämtlichen Lieder – die mich enttäuschten, weil sie mir unwahr scheinen. Ich will ihm das auch sagen.“ Auch er sagt ihr – unmissverständlich in einem ausführlichen Brief vom Dezember 1901 – vieles und „muss ihr wehtun“. Es geht um ihre Individualität. Er bestreitet, dass sie überhaupt eine besitze, denn diese sei per se selten und sie noch zu „ungeworden“, alles in ihr „unausgesprochen und unentwickelt“. Nicht einmal Ideen gesteht er ihr zu: „Ideen? Meine Alma! Wo sind Deine Ideen? Das Kapitel über die Weiber von Schopenhauer – die ganz verlogene und schlimmfreche Herrenunmoral Nietzsches. Das sind Gott sei Dank nicht Deine Ideen.“

Sondern? Er bohrt weiter, fragt, was es denn für eine fixe Idee sei, „die in dem von mir so unbeschreiblich innig geliebten Köpfchen Platz genommen, dass sie sich selbst sein und bleiben muss“. Und er gibt die Antwort, für eine Zeit, in der „die Leidenschaft befriedigt und die Freundschaft angehen soll“. Lapidar teilt er ihr mit: „Dein Beruf: mich glücklich machen.“ Alma irrlichtert. Im Dezember 1901 gesteht sie dem Tagebuch: „Ja – liebe ich ihn denn? Manchmal glaube ich direkt nein. So vieles irritiert mich: Sein Geruch – sein Vorsingen – einiges – in seinem Sprechen!“

Was Alma für die Nachwelt sympathisch macht, ist ihre Offenheit. 1904 soll sich folgender Dialog zugetragen haben: Alma: „Ich liebe am Mann nur die Leistung. Je größer die Leistung, desto mehr muss ich ihn lieben.“ Mahler: „Das ist ja recht gefährlich für mich, denn wenn einer käme, der mehr ist als ich?“ „Dann müsste ich den lieben.“ Darauf er, lächelnd: „Na einstweilen bin ich unbesorgt. Ich weiß keinen, der mehr ist als ich.“ Auch Alma ist selbstbewusst, zugleich aber hyperemotional und von Stimmungen getrieben, schon als junges, komponierendes Mädchen. Die jüngste Biografie von Susanne Rode-Breymann unterlegt Almas Schaffen einen Menstruationskalender: „Es gibt Tage, wo alles fließt...“

Einer der letzten lebenden Zeitzeugen, der 90-jährige Gustav-Mahler-Biograf Henry-Louis de La Grange, erinnert sich: „Als ich sie als blutjunger Musikwissenschaftler in New York besuchte, zeigte sie mir bereitwillig ihre Mahler-Dokumente. Sie war charmant, sehr von sich eingenommen – gar nicht mehr schön. Stets scharte sie Menschen um sich, den Salon brauchte sie. Über Musik sprach sie wenig. Sie war nicht übermäßig intelligent, aber ein Strahlen ging von ihr aus.“ Tochter Anna: „Wenn sie bei der Türe hereinkam, ist es ein bisschen lichter geworden.“ Ihr Fazit: „Mami war ein großes Tier. Hie und da großartig, hie und da ganz abscheulich.“

Jedes Mann-Genie an Almas Seite reagiert anders auf ihre Exaltiertheiten, die sich auch in ihrer schwer lesbaren Plakativ-Schreibschrift manifestiert. Kokoschka beispielsweise lässt sich nach dem Ende der Affäre eine Alma-Stoffpuppe anfertigen, um sich abzureagieren. Alma hat den Exliebhaber übrigens nach seinen Kriegsverletzungen nicht im Spital besucht, ihre Briefe aber in seiner Abwesenheit in Sicherheit gebracht. Walter Gropius, der Feine, schreibt ihr während des Ersten Weltkrieges: „Zerbrich das Eis in deinen Zügen“ – und Alma versteht: Es handelt sich um eine Verszeile von Franz Werfel, mit dem sie schon 1917 – Gropius ist kriegsbedingt abwesend – ein Verhältnis beginnt. Das gemeinsame Kind, ein Bub, stirbt 1919. Alma wohnt seinem Begräbnis nicht bei, sie geht auf keine Beerdigungen. Kurz darauf erfolgt die Scheidung von Gropius.

Alma heiratet Werfel als 50-Jährige, 1929, er lässt sich für sie taufen. In den 1930er-Jahren erwählt Alma den katholischen Priester Johannes Hollnsteiner, der in enger Beziehung zur Politprominenz des Ständestaat steht, zu ihrem Vertrauten. Alma, die Ideologische. Gar: die Politische? Hitler bezeichnet sie trotz ihres prononcierten Deutschtums als „Sclavenhalter“. Tochter Anna: „Wie hat sie Werfel gequält mit ihrem Antisemitismus. Ist das nicht merkwürdig, dass unsere Kinder alle Juden heiraten?“, soll sie gefragt haben. Von ihren vier Kindern hat nur eines, Anna, überlebt.

Alma, die Starke? Mit dem Tod dreier Kinder und zweier Ehemänner muss sie fertigwerden. Beim Tod der Gropius-Tochter Manon 1935 schreibt sie: „Nichts hält mich mehr. Ich möchte von der Welt fortgehen, aber der letzte Mut fehlt mir.“ Sie hält durch, als das eherne Denkmal, zu dem sie Mahlers Tod früh gemacht hat. Ihre Monumentalität hält sie für vererbt: „Ich bin die Tochter eines großen Monuments. Mein Vater, Emil J. Schindler, kam aus einem alten Patrizierhaus. Er war der bedeutendste Landschaftsmaler der österreichischen Monarchie.“ Superlative prägen ihren Alltag.

Dass zwischen Komparativ und Superlativ zuweilen die Wahrheit unter die Räder kommt, das nimmt ihr Walter Gropius übel. Nachdem er Almas Autobiografie, „And the Bridge is Love“, gelesen hat, ist er über ihre Version der gemeinsamen Jahre sprachlos-erschüttert. Im letzten Brief an sie heißt es: „Der Rest ist Schweigen.“

Geschwiegen wurde im letzten halben Jahrhundert nach Almas Tod nicht. Sie selbst verbietet sich jede Kategorisierung: „Niemandem wird es gelingen, mich vollkommen zu beschreiben, nicht einmal mir selber ist es gelungen. Ich stecke voller Rätsel. In fernen Tagen wird man von mir sagen: Sie ist eine Sphinx gewesen“, offenbart sie dem Essayisten Willy Haas.


Authentisch mit Schönberg

Am authentischsten erleben wir die schwer Fassbare vielleicht im Verkehr mit dem Mann, mit dem sie wirklich nur in Briefverkehr stand: Arnold Schönberg. Die als Antisemitin Verschriene schreibt an ihn, in Bezug auf Kandinsky: „Andererseits tut es diesen Ariern schon gut – wenn sie einmal an einen Menschen kommen, der sich nichts gefallen lässt. Und vielleicht werden sie in ihrem Schrecken inne – wie viel wir alle den Juden zu verdanken haben.“ Aus ihrem Palazzo in Venedig empfiehlt sie Schönberg vollmundig: „Hier ist das Haus, das Du suchst. Hier gibt's keinen Antisemitismus und solche Dummheiten mehr.“

Auch Alma, die Mildtätige, ist dokumentiert. Für Schönberg sammelt sie Geld, und auch Alban Berg erfährt ihre Unterstützung, worauf er ihr dankbar seinen „Wozzeck“ widmet. Im Rahmen der Gustav-Mahler-Stiftung fördert Alma Jungkomponisten. Just Schönberg gesteht sie 1924, was ihr Mahler gegenüber nie über die Lippen gekommen wäre. „Ich bin Dir gegenüber unsicher wie ein Schulmädel – fürchte, Dich zu langweilen.“ Mahler hatte einst an sie geschrieben: „Vielleicht lachst Du heute über Deinen Gymnasiasten.“

Leicht erregbar war sie. Auch im (Nicht-)Verhältnis zu Schönberg, wenn sie moniert, er „hätte sich nicht gekümmert“. Sie dachte, er sei ein Freund, doch es war eine „bittere Ernüchterung“. Und – ganz Alma – in einem Brief vom November 1915: „Sie haben, ohne Erklärung zu geben oder zu fordern, mich – fallen lassen. Das geht bei mir nicht so leicht! Ich falle nicht.“ ■

Geboren 1960 in Wien. Dr. jur. Buchautorin, Kulturjournalistin, PR-Managerin. Bücher:„200 Jahre Gesellschaft der Musikfreunde“, „Klimt mit allen fünf Sinnen“, beide bei Styria; zuletzt, gemeinsam mit Wilhelm Sinkovicz, „do re mi fa SOLE – 30 Jahre Wiener Musikleben zu Gast in Aki Nuredinis Ristorante“ (Echomedia).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2014)