Ohne Freda kein Nationalpark

Freda Meissner-Blau
Freda Meissner-Blau(c) Die Presse - Clemens Fabry
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Hainburg 1984. Freda Meissner-Blau erinnert sich: Mit einem Weihnachtsfrieden beendete Kanzler Sinowatz 1984 den Konflikt zwischen Jung und Alt um die Hainburger Au.

Dezember 1984. Die Stopfenreuther Au bei Hainburg ist von tausenden Umweltschützern besetzt, sie campieren bei Minusgraden, um die weitere Rodung zu verhindern. Wie berichtet, will die Regierung hier ein Wasserkraftwerk errichten (siehe auch „Die Welt bis gestern“ vom 29. November 2014). Am 19. Dezember eskaliert die Situation. Der Innenminister (Karl Blecha, SPÖ) befiehlt der Gendarmerie, das Baugelände mit Gummiknüppeln zu räumen. Bei den Zusammenstößen zwischen 800 Gendarmerie- und Polizeibeamten und etwa 3000 Aubesetzern werden aufseiten der Umweltschützer nach offiziellen Angaben 19Personen verletzt.

Kurz bevor die Schlägerei losbricht, ist die langjährige TV-Moderatorin Freda Meissner-Blau („Club 2“) an der Spitze einer Delegation bei Bundeskanzler Fred Sinowatz. In ihren Memoiren („Die Frage bleibt“, Amalthea 2014) schildert sie eindrücklich die Zwangslage, in der sich der Regierungschef befand. „Da saßen wir zu zehnt den zehn Regierungsmitgliedern gegenüber. Und – will's der Teufel – sitze ich dem Kurt Steyrer gegenüber. Ein ausgesprochen lieber Mensch. Ich kannte ihn als guten Dermatologen, der arme Leute umsonst behandelte. Damals war er Gesundheits- und Umweltminister. Er hatte uns versprochen: Nur über seine Leiche würde er die Au zur Zerstörung freigeben. Nun saß er mir den ganzen Tag gegenüber. Er hat mich kein einziges Mal angeschaut, weil er so ein schlechtes Gewissen hatte. Der arme Fred Sinowatz versuchte es so: ,Schaun S' einmal‘, sagte er, ,mach' ma doch einen Kompromiss.‘ Darauf ich: ,Mit der Natur können Sie keinen Kompromiss machen . . . Diese letzten sechzig Kilometer Donau lassen Sie der Natur und den Menschen.‘ Darauf sagte Sinowatz: ,Wenn dieser Bau nicht gelingt, dann geht nichts mehr in der Republik.‘

„Die Würsteln aufgefressen“

Eines der Highlights der Verhandlungen war, als wir die Regierung so richtig verärgert haben. Sie musste ja dauernd raus, denn im Nebenzimmer saßen die Elektrobarone von den Donaukraftwerken und stellten ihre Forderungen. Die Minister, diese Armen, sind also ständig zwischen uns und denen hin- und hergewieselt . . .

Es war eigentlich ein Jammerbild. Dauernd rausgelaufen, gefragt, ob das so geht, und die Elektrobarone haben gesagt: ,Nix!‘ Also sind sie wieder rein zu uns und dann wieder raus. Und wir hatten einen Affenhunger . . . Und wie immer hatte man für die Regierungsleute vor die Tür heiße Würsteln hingestellt. Irgendwann sind wir raus und haben die Würsteln weggegessen. Als die Minister zurückkamen, waren keine mehr da. Da war die Empörung groß. Hatten wir ihnen sogar die Würsteln aufgefressen! Also, das ging ihnen zu weit, da waren sie wirklich sauer.“

Am Abend desselben Tages demonstrieren in Wien rund 40.000 Menschen gegen das Vorgehen der Regierung und gegen den Kraftwerksbau.

Anderntags gingen die Verhandlungen weiter. Als dann die Nachricht kam, in der Au prügle die Gendarmerie die Besetzer, schlug Sinowatz einen Weihnachtsfrieden vor. Meissner-Blau: „Heute würde ich Sinowatz einen roten Teppich ausrollen. Er war ein kluger Mann und seine Zögerlichkeit zugleich Weisheit.“

Am 21. Dezember 1984 verhängte dann die Bundesregierung einen Rodungsstopp. Am 22. Dezember 1984 verkündete Bundeskanzler Sinowatz unter dem Druck der öffentlichen Meinung und einiger einflussreicher Medien (insbesondere der „Kronen Zeitung“) einen Weihnachtsfrieden.

Als dann das Höchstgericht Anfang Jänner 1985 weitere Rodungen bis zum Abschluss des laufenden Beschwerdeverfahrens verbot, wurde die Besetzung beendet. Die Grünen fühlten zum zweiten Mal – nach Zwentendorf – ihre Kraft. Und sie hatten mit dem skurrilen, aber stets originellen Günther Nenning und der großbürgerlich wirkenden Sozialistin Meissner-Blau, die bald danach aus der Partei hinausgeworfen wurde, ideale Galionsfiguren.

Ihre kürzlich erschienenen Memoiren sind deswegen lesenswert, weil sie eine äußerst turbulente Lebensgeschichte nacherzählen. Die in Dresden Geborene wuchs in Nordböhmen auf, wurde vertrieben, studierte, kandidierte 1949 als Miss University, arbeitete für den Industriellen Friedrich Flick, der aus seiner Verstrickung mit dem NS-Regime nicht ganz heil herauskam. Sie war im Kongo, als noch die Belgier eine strikte Kolonialherrschaft ausübten, dann arbeitete sie für die Unesco in Paris, als Generalsekretärin des neu gegründeten Instituts für Höhere Studien in Wien und heiratete den sozialistischen Gewerkschaftsjournalisten Paul Blau. Der vornehme Mann der leisen Töne rückte durch einen Ratschluss Kreiskys 1967 zum Chefredakteur des Parteizentralorgans „Arbeiter-Zeitung“ auf, weil Franz Kreuzer den Orthodoxen geopfert werden musste. Aber Blau ging bald als Kulturattaché nach Paris.

Nach seiner Pensionierung wurde er seiner hyperaktiven Ehefrau ein kongenialer Partner in Sachen Ökologie. Während die „Arbeiter-Zeitung“ (und auch „Die Presse“) noch unverdrossen für das Donaukraftwerk eintraten, kämpfte das Ehepaar schon längst an der Gegenfront. 1986 zog Freda Meissner-Blau als erste Klubobfrau an der Spitze der grünen Partei in den Nationalrat ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2014)

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