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Die unmoderne Wiener Moderne

Von Schnitzler bis Hofmannsthal: Wie standen Vertreter des Jung-Wien zu Tradition und Moderne? Neue Beiträge zu Richard Schaukal verdeutlichen dessen Mittlerrolle.

Wie die Schaukalgasse die Josef-Redl-Gasse im 18. Wiener Gemeindebezirk mit der Klampfelberggasse im 17. Bezirk verbindet, so besaß auch ihr Namensgeber, der österreichische Jurist und Lyriker Richard Schaukal eine zentrale Mittlerrolle in der Wiener Literatenszene des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Dies zeigen aktuelle Forschungen des Germanisten und Romanisten Cornelius Mitterer, der am Ludwig-Boltzmann-Institut (LBI) für Geschichte und Theorie der Biographie tätig ist und Leben und Werk Schaukals erforscht. Dessen Nachlass in der Wienbibliothek im Wiener Rathaus ist relativ unbekannt: „Schaukal war jedoch ein anerkannter Literaturkritiker und beteiligte sich aktiv an Diskursen zur Moderne. Zu seiner Zeit nahm er eine zentrale Stellung ein, wenn er auch heute nicht im Forschungsmittelpunkt steht“, erklärt Mitterer. Schriftsteller nutzten seine Kontakte zu Autoren und Literaturzeitungen, etwa um wie Thomas Mann zu Beginn seiner Karriere in Österreich Fuß zu fassen. Was Schaukals literarisches Schaffen betrifft, sind seine Essays – etwa über Ferdinand von Saar – erwähnenswert, da sie die Literaturkritik als eigene Darstellungsform aufwerteten.

 

Transnationales Lebensgefühl

„Zu jener Zeit, sprich Ende des 19. Jahrhunderts, fühlten sich viele junge Menschen quer durch Mitteleuropa einem bestimmten Lebensgefühl zugehörig, und auch die Literaten der Wiener Moderne verstanden sich als Teil dieser übernationalen Generation“, betont Mitterer. Zu ihr zählt auch Hugo von Hofmannsthal, dem sich das LBI für Geschichte und Theorie der Biographie bereits seit seiner Gründung intensiv widmet. Für ihn, genauso wie für andere dieser Generation, stand die Moderne nicht nur für Aufbruch, sondern war laut dem Germanisten und Historiker David Österle „auch mit verschiedenen Krisenerfahrungen verbunden“.

Vergangene Epochen, von der Antike beginnend, dienten den Schriftstellern als Fluchtpunkte, von ihnen bezogen sie auch literarische Vorlagen. Dies hängt für Österle, der an der Biografie „Hofmannsthal.Orte“ mitwirkte, mit deren Erfahrungen von Orientierungsverlust und Kontinuitätsbrüchen in Verbindung mit der Moderne zusammen, „weshalb manche mit Vorliebe auf das historisch Fremde zurückgriffen“. Schaukal war unter anderem von der Renaissance beeinflusst. Sehnsucht nach der monarchistischen Herrschaftsordnung kommt in der literarischen Verarbeitung seiner Kindheitserinnerungen zum Ausdruck. In Werken wie „Großmutter“ oder „Buch Immergrün“ steckt laut Mitterer eine latente politische Aussage, die sich als „rückwärtsgerichtete Utopie“ interpretieren lässt. Im Gegensatz zu einigen deutschen Jungliteraten lehnten sich die Jung-Wiener nicht gegen Tradition und etablierte Machtverhältnisse auf, sondern nutzten sie als Basis, um daraus literarisch Neues zu machen, was ihnen mitunter auch Kritik einbrachte.

 

Symposium in Wien

Indem sich die Forschung nun auch Personen wie Richard Schaukal widmet, die lange Zeit als am Rand stehend wahrgenommen wurden, entsteht ein etwas umfassenderes Bild der Wiener Moderne. Das wird auch beim Symposium „Tradition in der Wiener Moderne“ am 15. und 16. Dezember weiterentwickelt.

Die Konferenz wird vom LBI für Geschichte und Theorie der Biographie in Kooperation mit dem Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Wien und der Wienbibliothek ausgerichtet; sie will anhand bekannter und weniger bekannter Autoren das Verhältnis von Jung-Wien zu Moderne und Tradition beleuchten.

LEXIKON

Jung-Wien war eine Autorengruppe um den Schriftsteller Hermann Bahr. Sie entstand 1890 und vereinte antinaturalistische Strömungen in sich. Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten oder Arthur Schnitzler, alle Autoren des Jung-Wien, trafen sich regelmäßig im Café Griensteidl. Viele pflegten engen Kontakt zu dem in Brünn geborenen Richard Schaukal. Dieser verließ trotz steiler Karriere 1918 den Staatsdienst, um als freischaffender Dichter tätig zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2014)