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Essen ist fertig, Mutter auch

(c) Bloomberg (Tomohiro Ohsumi)
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Eine amerikanische Studie zeigt auf, wie sehr der Druck, täglich frisch und gesund zu kochen, Müttern zusetzt.Und will zu Diskussionen über neue Wege anregen.

Dieser Tage hat es wieder Hochsaison, das Bild der glücklichen Familie, die gut gekleidet und wohl frisiert am Esstisch sitzt und ein liebevoll zubereitetes Mahl in harmonischer Atmosphäre genießt. Dass aber gerade diese gemeinsamen Mahlzeiten und die damit verbundenen Ideale fallweise mehr stressend als nährend wirken, zeigt eine aktuelle Studie der North Carolina State University (NCSU), die das Verhältnis zwischen Realität und Wunschvorstellung rund um das frisch gekochte familiäre Abendessen untersucht hat. Das auch in den Vereinigten Staaten – allen Klischees einer ausschließlich Fast Food konsumierenden Nation zum Trotz – in der jüngeren Vergangenheit einen Aufschwung in der öffentlichen Wahrnehmung erlebt hat. Die Bedeutung des gemeinsam gekochten und gegessenen Mahls ist wesentlich höher als angenommen: „Das war eine der großen Überraschungen der Untersuchung“, sagt Studienleiterin und NCSU-Dozentin Sarah Bowen im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“, „es wird in den Familien viel mehr frisch gekocht und gemeinsam gegessen, als wir vermutet haben“. Die meisten Mütter kochten regelmäßig für ihre Familien – was aber noch lang nicht heißt, dass sie mit ihrem Einsatz auch zufrieden waren.


Nie gut genug. „Sie haben alle das Gefühl, es sei nicht genug“, berichtet Bowen über ein weiteres Ergebnis ihrer Untersuchung. Gemeinsam mit ihrer NSCU-Kollegin Sinikka Elliott und Joslyn Brenton vom Ithaca College hat die Soziologin insgesamt 150 Mütter der einkommensschwächeren Schicht und der Mittelklasse mit Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren intensiv befragt. Ausschließlich Mütter – was natürlich ein Manko darstellt, immerhin wird damit auch die Rolle der Frau in der Küche quasi einzementiert. Die Forscherinnen begründen ihren Ansatz damit, dass in den USA immer noch die Hauptverantwortung der Essenszubereitung für die Familie auf den Frauen ruht. Zwölf der Familien haben die Forscher außerdem über 250 Stunden lang bei allen Vorgängen rund um das Abendessen begleitet – vom Einkaufen über die Zubereitung, das Essen bis zum Zusammenräumen.

Das Ergebnis dieser Beobachtungen zeigt auf, dass die stressauslösenden Faktoren rund um die Familienmahlzeiten sich auf drei Bereiche konzentrieren: finanzielle Probleme, Zeitdruck und das Bedürfnis, es allen recht zu machen.

„Finanzielle Probleme sind natürlich bei ärmeren Familien ein größeres Thema“, so Bowen, „da fehlt es oft an Grundsätzlichem wie der Küchenausstattung oder einem Auto, um regelmäßig frisch einkaufen zu können.“ Aber auch die Mittelklassemütter fühlen sich ob nicht ausreichender Mittel gestresst: „Hier geht es um das Gefühl, nicht das Beste für ihre Kinder erreichen zu können, den Idealen zu entsprechen und beispielsweise ausschließlich mit biologischen Produkten kochen zu wollen, was sich nicht alle leisten können“, erklärt die Soziologin den Stressfaktor.

Auch das Finden eines gemeinsamem Termins für die Mahlzeit gestaltet sich oft schwierig: „Gerade in ärmeren Familien sind die Termine oft kaum planbar, arbeiten viele in Schichten etwa in Fast-Food-Restaurants, wo sich die Pläne ständig ändern“, so Bowen. Den Mittelklassemüttern geht es da etwas besser, zumal in deren Familien auch der Partner öfter in die Zubereitung des Essens eingebunden ist. Allerdings herrscht hier wieder der Druck, „nicht genügend Zeit zu haben, um so zu kochen, wie es sein sollte“.

Zumal das nächste Dilemma bereits auf die engagierte Mom wartet: Nimmt sie sich mehr Zeit zum Kochen, fehlt diese wieder bei der „Quality Time“, in der mit den Kindern gespielt, gebastelt oder gelernt werden kann. „Es ist ja nicht so, dass die Menschen heute den ganzen Tag vorm Fernseher sitzen“, sagt Bowen, „sondern wirklich so, dass sie heute einfach weniger Zeit haben, da häufig beide arbeiten und auch andere Aktivitäten mit den Kindern zeitintensiv sind.“


Es jedem recht machen. Was auch das dritte große Hindernis auf dem Weg zum entspannten Familien-Dinner nicht kleiner werden lässt: den nach wie vor vorhandenen Wunsch, es jedem recht zu machen. So berichteten alle befragten Frauen übereinstimmend, dass es fast unmöglich sei, ein Gericht zu finden, das allen Familienmitgliedern schmeckt. Und die Bedienung von Sonderwünschen führt einerseits zu finanziellen Problemen, vor allem in Familien, in denen auch das Restlessen fester Bestandteil der Speiseplans sein muss, aber auch zu weiteren zeitlichen Engpässen. „Gerade Mittelklassemütter sehen es als wichtig an, den Geschmack ihrer Kinder zu schulen, und legen deshalb Wert darauf, ihnen immer wieder neue Dinge zum Ausprobieren zu servieren“, sagt die Dozentin. „Und bekanntlich weisen Kinder Unbekanntes oft zurück, und man muss sie diverse Male mit etwas Neuem füttern, eh sie es akzeptieren – was für zusätzlichen Druck sorgt.“

Plädiert die Soziologin nun also dafür, gemeinsame selbst gekochte Mahlzeiten abzuschaffen und den Siegeszug von Tiefkühlpizza und Big Macs voranzutreiben? „Ich bin natürlich absolut nicht gegen das frische, gemeinsame Abendessen, und die Mütter, die wir befragt haben, sind das auch nicht. Aber lasst uns doch einfach anerkennen, dass es Arbeit ist und Stress, und darüber reden, was es brauchte, um es für alle erreichbar zu machen.“

Es liege immer noch genügend Druck auf den Frauen, und diesen müsse man nicht noch dadurch verstärken, dass man ihnen weiterhin vermittle, es sei ja eh ganz einfach, kein Aufwand, und sie sollten sich einfach mehr bemühen. „Ich habe auch keine Antwort“, so Bowen, „aber es hat nach der Veröffentlichung der Studie bereits erste Diskussionen gegeben, und wir hören auch von Projekten, die sich genau damit befassen.“ So hat eine Gruppe Mütter damit begonnen, wöchentlich jeweils fünf große Portionen eines Gerichts zu kochen und die eingefrorenen Mahlzeiten untereinander zu tauschen. „Man kann außerdem darüber nachdenken, ob Schulküchen am Nachmittag ganze Mahlzeiten oder auch nur einzelne Zutaten zubereiten, die die Kinder dann mit nach Hause nehmen können“, berichtet Bowen von anderen Zugängen zu dem Thema.

Auch der Markt könne durchaus auf die geänderten Bedürfnisse reagieren – beispielsweise durch erweiterte Lieferservices von Supermärkten – wenn das Problem als solches benannt werde. „Mir geht es darum, in der Gesellschaft darüber nachzudenken, was es braucht, um diese Mahlzeiten allen zugänglich zu machen – auf den unterschiedlichsten Ebenen“, unterstreicht Bowen. „Und nicht einfach noch ein bisschen mehr Druck auf die Mütter auszuüben. Davon haben sie nämlich schon genug.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2014)