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Österreich: Land der Millionäre?

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Laut SPÖ-Konzept sollen ab einer Million Euro Vermögen neue Steuern schlagend werden. Doch wie viele Österreicher wären davon eigentlich betroffen? Eine statistische Annäherung.

Es ist ein eindrucksvolles Wort: Millionärssteuer. Eine Steuer also, die nur jene trifft, die ohnehin „zu viel haben“. Dazu passende Bilder von mit Goldschmuck behangenen Frauen im Pelzmantel sowie protzig auf einer Jacht oder in einem Sportwagen posierenden Männern. Wer kann gegen eine solche Steuer schon etwas haben?

Vom Wort Millionärssteuer hat sich die SPÖ in ihrem diese Woche vorgestellten Steuerkonzept zwar wieder verabschiedet. Der Inhalt ist jedoch gleich geblieben. Mindestens 0,5 Prozent pro Jahr sollen demnach ab einem Nettovermögen von einer Million Euro jährlich fällig werden. Und sobald bei Erbschaften und Schenkungen die Millionengrenze erreicht ist, sollen für darüber liegende Teile sogar 25 bis 35Prozent an Steuern anfallen. Damit große Vermögen nicht auf viele kleine Schenkungen (bei Erbschaften ist das eher nicht möglich) aufgeteilt werden, sollen diese nach Plänen der SPÖ auch über einen Zeitraum von 30 Jahren zusammengerechnet werden.

Inwieweit diese Vorschläge im endgültigen Regierungskonzept Niederschlag finden, ist noch nicht zu sagen. Der Koalitionspartner ÖVP reagierte in einer ersten Reaktion ja ablehnend. Trotzdem stellt sich die Frage: Stimmt das Bild von der „Steuer für Champagnertrinker“? Vor allem hinsichtlich der in den vergangenen Jahren stark angestiegenen Immobilienpreise, durch die eine mittelgroße Wohnung in Wien schnell einen Wert im höheren sechsstelligen Eurobereich hat. Wie viele Österreicher besitzen also wirklich Vermögen über einer Million Euro?

Die einfachste Antwort auf diese Frage ist in den Reichtumsberichten zu finden, die von verschiedensten Vermögensberatern oder Beratungsunternehmen herausgegeben werden. Am bekanntesten ist dabei der „Global Wealth Report“ des Beraters Boston Consulting Group. Laut diesem gab es in Österreich im Vorjahr 36.000 Haushalte, die ein Vermögen über eine Million Dollar (der ganze Bericht ist in US-Dollar gerechnet) besitzen. Der Vergleich mit anderen entsprechenden Berichten – etwa jenem der liechtensteinischen Vermögensberatung Valluga – zeigt jedoch, dass diese Zahlen alles andere als eindeutig sind. Laut Valluga besaßen in Österreich im Vorjahr nämlich 82.300 Menschen eine Million. In diesem Fall jedoch Euro, was den Unterschied zu den BCG-Zahlen noch größer macht.

Der wichtigste Grund für diese Diskrepanz ist, dass bei BCG nur Finanzvermögen (Aktien, Anleihen, Cash) und bei Valluga auch vermietete Immobilien gezählt werden. Hinzu kommen Unterschiede bei der Methodologie: Beide basieren zwar auf makroökonomischen Daten und auf Umfragen unter Vermögensverwaltern beziehungsweise deren Kunden. Diese Daten werden dann aber zusammengewürfelt, aufgekocht und nach eigenen Modellen hochgerechnet.


Immobilienboom. Für die steuerliche Millionärsfrage noch wesentlich entscheidender ist aber, dass bei beiden Rankings selbst bewohnte Immobilien nicht enthalten sind. In der Regel handelt es sich bei diesen aber um den größten Vermögenswert eines Haushalts. Laut Statistik Austria gibt es in Österreich etwa 4,4 Mio. Wohnungen, von denen etwa 3,3 Mio. in privater Hand sind. Ein Viertel ist also im Eigentum von Gemeinden oder Genossenschaften.

Im Schnitt haben diese Wohnungen eine Größe von knapp 100 Quadratmetern, verrät die Statistik weiter. Nur über den Wert, da gibt es keine Daten. Ein Blick in Immobilienpreisspiegel zeigt, dass sich der Wert von Wohnungen je nach Lage stark unterscheidet – von rund 1500 Euro pro Quadratmeter auf dem Land über 3000 je Quadratmeter in größeren Städten und schlechten Lagen in Wien bis hin zu 5000 bis 6000 Euro in guten Lagen in Wien und einigen Landeshauptstädten. Unter den 511.000 Wohnungen in der Bundeshauptstadt dürften daher wohl tausende sein, deren Wert sich zunehmend in Richtung der Millionengrenze bewegt.

Entscheidend ist dies vor allem dann, wenn eine Person mehrere Wohnungen besitzt. Doch auf wie viele Eigentümer sich die 3,3 Mio. Privatwohnungen aufteilen, darüber hat die Statistik leider keine Daten. In den Grundbüchern wären sie zwar vorhanden, allerdings liegen die Bücher in den Gemeinden auf und sind nicht in einer österreichweiten Datenbank vernetzt, winkt man auf Anfrage auch beim Finanzministerium ab.


Nationalbank. Schlussendlich landet jeder, der nach Daten über das Vermögen der Österreicher sucht, bei jener Studie, die von der Nationalbank im Rahmen eines EU-Projekts im Jahr 2012 erstellt wurde. Die Studie ist nicht unumstritten, da die OeNB sie damals kurz vor dem SPÖ-Parteitag, bei dem die Millionärssteuer erstmalig groß gefordert wurde, publizierte. Zudem haben Studienautoren sich bei öffentlichen Auftritten auch für eine stärkere Besteuerung der Vermögenden ausgesprochen.

Die auf der Befragung von 2380 Haushalten basierende Untersuchung hatte vor allem die Verteilung des Vermögens in Österreich im Fokus. Aus den Detaildaten kann man sich aber auch der Frage nach der Zahl jener Haushalte mit mehr als einer Million Euro Vermögen zumindest annähern. So liegen die obersten fünf Prozent der heimischen Haushalte (in einer Einzelbetrachtung jedes Prozents für sich) mit ihrem Durchschnittsvermögen über einer Million Euro. Dies entspricht 188.500 Haushalten. Bei der Nationalbank hält man diese Zahl jedoch für „unterschätzt“, da viele besonders reiche Haushalte nicht zur Auskunft bereit waren und diese Gruppe daher in der Statistik geringer vorkommt.

Aber auch hier bleibt die Frage der Vollständigkeit. So müssten laut Ex-IHS-Chef Christian Keuschnigg auch Pensionsansprüche zum Vermögen gerechnet werden, da angesparte Lebensversicherungen darin ebenfalls enthalten sind. Eine Kritik, die laut einem der Studienautoren ein Vergleich von „Äpfeln mit Birnen“ ist. Man sieht also: Wie viele Millionäre es in Österreich gibt, hängt sehr stark von dem ab, der die Frage danach stellt.

36

Tausend Haushalte

in Österreich besitzen laut Boston Consulting Group mehr als eine Million in Aktien, Anleihen und Cash.

82

Tausend Menschen haben laut der liechtensteinischen Vermögensverwaltung Valluga mehr als eine Million. Sie rechnet auch vermietete Immobilien mit ein.

 

188

Tausend Haushalte besitzen nach einer Studie der Nationalbank mehr als eine Million Euro. Hier sind auch selbst benutzte Immobilien inkludiert. Laut OeNB „unterschätzt“ diese Zahl die Realität jedoch.

 

Millionärssteuer – und dazu passende Bilder von Frauen im Pelzmantel.

 

Mit der Nationalbank-Studie kann man sich der Zahl der Millionäre annähern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2014)