Brillante Schauspieler gestalteten die Urlesung des neuen Stücks „Die Kontrakte des Kaufmanns“: Episches Extremtheater amüsierte das Publikum.
Schadenfreude ist die reinste Freude. Falls Montagabend bei der Jelinek-Urlesung „Die Kontrakte des Kaufmanns“ im Akademietheater Personen anwesend waren, welche Hosen und Zusatzpension bei zweifelhaften Immobiliengeschäften verloren haben, ließen diese es sich nicht anmerken. Es wurde viel gelacht, geschmunzelt, auch gedämmert, vielleicht gab es sogar den einen oder anderen Sekundenschlaf – aber keine Karambolagen.
Einige rasten überstürzt zu den Toiletten, als hätten sie vergessen, dass nicht nur an der Börse, sondern auch im richtigen Leben Blasen platzen können. „Wenn Sie hinausgehen wollen, ich erzähle ihnen nachher, was war“, raunte ein Kritiker grinsend seiner Kollegin zu. Ganz wurscht, bis in die Nasszelle verfolgten einen Jelineks Tiraden – und wer, Gott behüte, seine Mailbox wegen daheim fiebrig harrender Kinder abhören wollte, hatte Pech. Keine Chance, gegen das Gebrüll im Zuschauerraum und im Foyer anzukommen. Laut soll es sein, das wünscht sich die Literaturnobelpreisträgerin für ihr neues Stück über die Finanzkrise.
Vier Stunden ungekürzt und ohne Pause
Es wurde auch manchmal geflüstert in den über vier pausenlosen Stunden. Gepriesen sei der gute Nicolas Stemann. Er hat nicht nur den Text mit seinen Künstlern bestens vorbereitet, er schuf auch tolle Bilder für die „Wirtschaftskomödie“: Geldscheine, die an Kreuzen angenagelt werden, Blut, es könnte auch Ketchup sein, beredte Schlagzeilen, die dafür sorgen, dass Jelineks Text nicht schon wieder überholt ist. Denn, anders als sie unterstellt, ist Österreich zwar Teil, aber sicher weder Zentrum noch Ursache der Finanzkrise. Was soll's, dem deutschen Publikum, das sich Mitte April in Köln die ebenfalls von Stemann inszenierte Uraufführung dieser „Wirtschaftskomödie“ ansieht, wird die Österreich-Beschimpfung, die schließlich eine eingeführte Marke ist, gewiss gefallen. Zu lange ist Österreich ökonomisch besser durchgekommen als Deutschland.
Aber die „Ösis“ dem Spott der Nachbarn auszuliefern, ist keineswegs das Einzige, was man schon kennt aus Jelinek-Texten. Die Kalauer, die Wiederholungen, die Wortsinnverdrehungen, der Frontalvortrag in der Wir- oder Sie-Form, sprachlich kommt bei dieser genialen Erfinderin eines einmaligen Idioms nicht mehr viel Neues dazu. Die Kölner Kurzfassung, die später auch nach Hamburg, ans Thalia Theater, geht – das der deutsche Burg-Dramaturg und Österreich-Enthusiast Joachim Lux übernimmt –, wird alles Nötige enthalten. Denn Jelinek wiederholt sich, auch das gehört zu ihrem System. Warum also litt man lustvoll und amüsierte sich streckenweise königlich bei diesem Extremtheater? Womöglich gerade weil es so extrem ist. So extrem lang, so extrem zornig, auf eine so extrem künstliche, ironische, auch selbstironische Weise. Dabei ist Jelinek nicht besonders tief in die Nationalökonomie eingetaucht. Eher haut sie wie der Axtschwinger – der, wie aus den Chronikseiten bekannt, nach Vermögensverlust seine Familie ausrottete – immer auf denselben Punkt. Ganz konkret wird sie selten, denn die Firma, die in Gestalt von Mohrenmasken auf der Bühne erscheint, sei „äußerst klagfreudig“, wie Stemann erklärt – im Übrigen gelte die Unschuldsvermutung.
Macht nichts, um ein anderes Jelinek-Werk zu zitieren, was vorgeht, ist auch sonst deutlich zwischen Kanalinseln und versenkten Milliarden, zwischen Gerichtsverfahren und Staat, der nicht helfen kann. Vielleicht erscheint ja Herkules, der oft zitiert wird; oder die Bibel rettet. Ihre Worte sind zugeschnitten auf die wahre Religion: Geld.
Auf ihrer Homepage verbietet Jelinek, ihre Texte zu zitieren – und in der Tat, will man einzelne Sätze herausgreifen, sie wären banal, wie tot. Die Schauspieler sind es, die die Worte zum Glühen und Sprühen bringen. Sie tun das auf ungeheuer engagierte Weise, von Barbara Petritsch und Rudolf Melichar als altes Paar und zerfledderte Engel der Gerechtigkeit, bis zu den vielen Jungen, auf denen die Hauptlast der Aufführung liegt und die diese Sprachsymphonie keineswegs improvisiert, sondern gestochen scharf gestaltet über die Rampe bringen. Früher haben Klassiker fünf Stunden gedauert, sie werden immer kürzer. Dafür kommen die Zeitgenossen ausführlich zu Wort. Gut so.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2009)