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Sydney: Geiselnehmer und zwei Geiseln sterben

Die Polizei rettet mehrere Geiseln aus den Händen eines mutmaßlichen Islamisten.
Die Polizei rettet mehrere Geiseln aus den Händen eines mutmaßlichen Islamisten.(c) REUTERS (JASON REED)
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Die Geiselnahme wurde nach rund 16 Stunden gewaltsam beendet. Drei Tote wurden bestätigt. Der Iran bezeichnete den iranischen Geiselnehmer als geistesgestört.

Die Polizei hat gegen 2 Uhr Ortszeit (16 Uhr österreichischer Zeit) ein Café im Zentrum der australischen Metropole Sydney gestürmt, in dem sich ein Geiselnehmer mit 17 Geiseln verschanzt hält. Kurze Zeit später verkündete die Polizei das Ende der Geiselnahme. Der australische Fernsehsender Sky und auch die lokalen TV-Nachrichten "Seven News" berichten zunächst von zwei Toten - dem Geiselnehmer und einer Geisel. Laut einer Polizeimeldung am frühen Abend sollen neben dem 50-jährigen Geiselnehmer auch zwei Geiseln, eine 38-jährige Frau und ein 34-jähriger Mann, tot sein. Das berichtet der "Guardian". Eine Frau mit einer Schussverletzung wurde in ein Krankenhaus gebracht.

Zwei Frauen wurden mit nicht lebensbedrohlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, eine weitere Frau erlitt eine Schussverletzung an der Schulter. Ein Polizist wurde durch Schrotkugeln im Gesicht verletzt. Eine 35-jährige Frau wurde nur vorsorglich ins Krankenhaus eingeliefert. Es war die Tat eines Einzelnen", sagte Polizeikommissar Andrew Scipione. "Dies sollte niemals unsere Art zu leben verändern oder zerstören." Die Polizei, die keinen Sprengsatz fand, leitete Ermittlungen zu dem Vorfall ein.

Sender ABC: "Zufälliger Einzeltäter"

Laut dem Fernsehsender ABC handelt es sich bei dem Täter um einen Iraner namens Man Haron Monis. Dessen Rechtsanwalt Manny Conditsis sagte, man könne sicher sein, dass es sich nicht um die Tat einer islamistischen Gruppe handle. Es handle sich um einen "zufälligen Einzeltäter", sagte er dem Sender ABC. "Das ist keine konzertierte terroristische Handlung, es ist eine irregeleitete Person, die etwas Abscheuliches getan hat."

"Selbst ernannter Scheich"

Die Zeitung "The Australian" nannte Monis einen "selbst ernannten Scheich", der beleidigende Briefe an Angehörige toter Soldaten geschickt habe. Der Mann lebte dem Bericht zufolge seit dem Jahr 1996 als Flüchtling in Australien und wurde beschuldigt, Komplize bei der Ermordung seiner Ex-Frau gewesen zu sein. Demnach befand er sich gegen Kaution in Freiheit. Das iranische Außenministerium verurteilte laut der Nachrichtenagentur Irna die "inhumane" Tat, bei der im Namen des Islams Angst und Schrecken verbreitet worden seien.

Teheran verurteilt die Geiselnahme

Teheran hat die Geiselnahme in Sydney scharf verurteilt und den ausgewanderten iranischen Geiselnehmer als geistesgestört bezeichnet. Der Iran habe die australischen Behörden mehrmals über den gestörten mentalen Zustand des iranischen Predigers informiert, sagte Außenamtssprecherin Marzieh Afkham (Afcham) am Montag in einer Presseerklärung. Der Mann sei schon vor fast 20 Jahren nach Australien ausgewandert und habe dort Asyl beantragt, so die Sprecherin.

16 Stunden später: Polizei stürmt Café

Ein bewaffneter Mann hatte um kurz vor 10 Uhr Ortszeit (20 Uhr österreichischer Zeit) in der australischen Metropole Sydney am Montag ein Café überfallen und Geiseln genommen. Mehr als 16 Stunden später stürmte die Polizei das Café.

Wie viele Menschen sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Gewalt des möglicherweise islamistischen Geiselnehmers befanden, war vorerst unklar. Schätzungen des Channel-7-Reporters Chris Reason zufolge, der die Geiselnahme aus seinem Bürofenster gegenüber des Cafés beobachtete, dürften zum Zeitpunkt der Stürmung noch neun Geiseln im Gebäude gewesen sein. Reason berichtet auf Twitter auch von einem Statement der Behörden, dass bei dem Einsatz kein Polizeibeamter verletzt oder getötet worden sein soll.

Täter war polizeibekannt

Zuvor sickerten immer mehr Details über den mutmaßlichen Täter durch. Polizeikreisen zufolge soll es sich dabei um den  iranischen Flüchtling Harun M. handeln, der schon mehrmals in Konflikt mit dem Gesetz geraten ist. Ihm werde unter anderem vorgeworfen, den Mord an seiner Ex-Frau in Auftrag gegeben zu haben. Er sei zudem bereits für andere Taten verurteilt worden. Ebenfalls vorgeworfen wird ihm, mehrere Frauen sexuell missbraucht zu haben, als er als "spiritueller Heiler" gearbeitet habe. Polizeibekannt soll er zudem sein, weil er Hassbriefe an Familien australischer Soldaten, die im Auslandseinsatz getötet wurde, geschrieben haben soll.

Der mutmaßliche Geiselnehmer schrieb australischen Soldatenfamilien bedrohliche Briefe.
Der mutmaßliche Geiselnehmer schrieb australischen Soldatenfamilien bedrohliche Briefe.(c) APA/EPA/SERGIO DIONISO (SERGIO DIONISO)

Berichte über Forderungen

Wie der US-Sender CNN berichtete, hatte der Geiselnehmer eine Flagge der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und ein Telefonat mit dem australischen Premierminister Tony Abbott verlangt. Der Mann habe Geiseln außerdem per Telefon für sich mit Medien sprechen lassen.

Die Polizei appellierte an die Medien, über mögliche Forderungen nicht zu berichten. Auch zur Identität des Mannes machte sie zunächst keine Angaben. Fernsehsender filmten den Geiselnehmer am Morgen durch ein Fenster des Cafés. Auf den Videobildern war der ein  mittleren Alters mit grauem Bart und einem Kopftuch zu sehen, auf dem arabische Schriftzeichen standen. Der Mann trug einen schwarzen Rucksack.

Das betroffene "Lindt Chocolat Cafe" liegt am belebten Martin Place. Auf TV-Bildern waren mehrere Menschen zu sehen, die mit erhobenen Händen an den Fenster lehnten. Der Geiselnehmer zwang zwei Frauen, eine schwarze Fahne mit weißer arabischer Schrift an das Fenster des Cafés zu pressen. Darauf stand das muslimische Glaubensbekenntnis "Shahada", das Allah als einzigen Gott benennt und Mohammed als seinen Propheten. IS-Kämpfer verwendeten die "Shahada" ursprünglich in Kombination mit dem Siegel von Mohammed, das auf der Fahne im Café Lindt in Sydney allerdings fehlt. Der Rat der australischen Imame verurteilte die Geiselnahme als kriminellen Akt.

Einsatz in der Oper von Sydney

Die Polizei war im Großeinsatz. Die Umgebung mitten im Geschäftsviertel wurde weiträumig abgesperrt. Gebäude in unmittelbarer Nähe wurden teils geräumt. Leidliglich die Menschen im Bürogebäude über dem Kaffeehaus saßen für längere Zeit fest. Sie werden nach und nach mit Leitern aus dem Gebäude geholt. Der öffentliche Verkehr wurde umgeleitet. Die Flugsicherung dementierte Medienberichte, wonach der Luftraum über Sydney gesperrt worden sei.

Auch die weltberühmte Oper von Sydney wurde evakuiert. Auf Fotos war das Gelände am Hafen völlig leer zu sehen. Polizeichef Scipione sagte, es seien eine Anzahl verdächtiger Aktivitäten in Sydney gemeldet worden, doch hätte sich nichts davon als möglicher Anschlag herausgestellt.

Erhöhter Terroralarm

Abbott berief den Nationalen Sicherheitsrat ein. "Das ist ein sehr besorgniserregender Zwischenfall", sagte er in einer Aussendung. "Alle Australier können versichert sein, dass Polizei und Sicherheitskräfte gut ausgebildet und ausgestattet sind, um darauf zu reagieren."

Premierminister Toney Abbott spricht von gut ausgebildeten Sicherheitskräften.
Premierminister Toney Abbott spricht von gut ausgebildeten Sicherheitskräften.APA/EPA/LUKAS COCH

 Australien ist seit September unter erhöhtem Terroralarm. Es gilt Alarmstufe drei der vierstufigen Skala, was bedeutet: "Terroranschlag wahrscheinlich". Bei einer Großrazzia vereitelte die Polizei im September nach eigenen Angaben einen Anschlag mit Enthauptung auf australischem Boden.

Österreichisches Segelteam in Sydney

Während der Geiselnahme befand sich am Montag mehrere Österreicher rund um das Segel-Doppel-Olympiasiegerteam Roman Hagara und Hans Peter Steinacher in Sydney. Die Mitglieder des Kamerateams erlebten aus wenigen hundert Meter Entfernung die dramatischen Szenen der Geiselnahme, wie der Kameramann Helmut Sommer in der Früh am Telefon gegenüber der Austria Presse Agentur berichtete. Hagara und Steinacher selbst, die vergangene Woche am Extreme Sailing Bewerb in Sydney teilgenommen hatten, seien bereits am frühen Morgen ans andere Ende der Stadt gefahren und in Sicherheit.

(APA/dpa/AFP/Reuters/klepa)