Ende der hitzigen Debatte: Der Weltverband erlaubt, aber reglementiert Hightech-Anzüge – und annulliert einen Weltrekord der Schwedin Alshammar.
WIEN. Es hätte der große Tag der regierenden Weltmeisterin über 50 Meter Delfin werden können. Die Schwedin Therese Alshammar hatte am Dienstag bei den australischen Meisterschaften in Sydney in der Weltrekordzeit von 25,44 Sekunden angeschlagen, zwei Hundertstel unter ihrer im Juni 2007 bei der WM in Melbourne aufgestellten Bestmarke. Lachend hatte Alshammar gemeint: „Ich bin selbst ein bisschen geschockt, aber sehr glücklich.“
Der richtige Schock, bei dem ihr das Lachen verging, kam wenig später: Schiedsrichter hatten anhand von TV-Bildern festgestellt, dass die 31-Jährige zwei Garnituren Schwimmanzüge übereinandergetragen hatte. Alshammar wurde disqualifiziert, der Rekord für null und nichtig erklärt.
Das Übereinandertragen von Anzügen ist wegen des dadurch übermäßig vergrößerten Auftriebs in Australien seit 28. Februar verboten – und seit vergangenem Sonntag weltweit. Der Schwimm-Weltverband Fina hatte am Wochenende auf einem Kongress in Dubai (zumindest vorerst) die seit längerem schwelende Diskussion um Schwimmanzüge, die dank ihrer Oberflächenbeschaffenheit für mehr Tempo sorgen, beendet.
Sorge um Sponsorgelder
Hersteller Speedo hatte mit seinem Modell „LZR Racer“, das sich spätestens bei Olympia 2008 dank Michael Phelps' acht Goldmedaillen als „Wunderwaffe“ etablierte, die Debatte angeheizt und die Fina einigermaßen in Schwierigkeiten gebracht: Einerseits durfte sie sich über eine Flut an Bestzeiten freuen (2008 wurden 105 Weltrekorde fixiert), andererseits war sie mit einer Welle an Protesten konfrontiert, dass nicht mehr körperliche Leistung über Siege entscheide, sondern bloß technische Entwicklung. Und die, so der Vorwurf, sei nicht für alle leistbar. Die Proteste brachten die Fina einigermaßen in die Bredouille: Die Fina wollte die Hersteller nicht vor den Kopf stoßen. Schließlich ist einer von ihnen, Speedo, Großsponsor des Verbandes.
Das gänzliche Verbot der Anzüge, die vielfach als Techno-Doping bezeichnet werden, kam daher erwartungsgemäß nicht. Die „Dubai Charter“, die am Wochenende verabschiedet wurde, lobt vielmehr die Arbeit der Textilfirmen. Das Papier sieht vor, dass die Anzüge künftig Hals, Schultern und Knöchel nicht mehr bedecken dürfen und eng am Körper anliegen müssen, um Luftpölster auszuschließen. Die verwendeten Materialien müssen ISO-Normen erfüllen, dürfen höchstens einen Millimeter dick sein und einen maximalen Auftrieb von einem Newton aufweisen (zum Vergleich: eine gute Rettungsweste hat 100 Newton). Zudem sollen Maßanfertigungen verboten sein, ebenso wie das Tragen mehrerer Schichten übereinander. Eine Regel, die Therese Alshammar wohl nicht so schnell vergessen wird. Ihren Protest gegen die Disqualifikation hat sie mittlerweile zurückgezogen.
Muskeln werden entlastet
Die Wirkung der Anzüge wird in der Branche unterschiedlich beurteilt: Während der siebenfache Olympiasieger von München 1972, Mark Spitz, in einem Interview mit der „Presse“ Ende Jänner gemeint hatte, der volle Effekt stellte sich erst bei extrem hohem, nur von wenigen Schwimmern erreichbarem Tempo ein und sei eher psychologischer Natur, meinte Aaron Peirsol, Olympiasieger, Freund und Konkurrent Markus Rogans: „Zum einen trägt dich der Anzug auf dem Wasser. Das wird besonders bei längeren Distanzen spürbar. Zum anderen ermüden deine Muskeln langsamer. Die Passform schränkt die Bewegungsfreiheit so ein, dass du nur jene Bewegungen ausführen kannst, die sauber sind. Abweichungen werden unterbunden und sparen den Muskeln so zusätzliche Arbeit.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2009)