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"Putin half erst, als Ukrainer uns faktisch vernichtet hatten"

Separatistenchef Andrej Purgin wirft Ukrainern „Ethnozid“ vor.(c) APA/EPA/ALEXANDER ERMOCHENKO (ALEXANDER ERMOCHENKO)
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Andrej Purgin, Separatistenführer der „Donezker Volksrepublik“, bestätigt russische Waffenlieferungen und erhebt Anspruch auf die Hafenstadt Mariupol und Slawjansk.

Donezk. Ein früherer Büroturm ist Regierungssitz der „Donezker Volksrepublik“, erkennbar an der Separatistenfahne, die vor dem Eingang weht: Im vierten Stock hat Andrej Purgin, frisch gewählter Parlamentspräsident, sein Büro. Ein Schreibtisch, ein Putin-Porträt, ein paar Tischfähnchen, viel mehr befindet sich nicht in dem Raum. Auf der Tischplatte liegt eine Karte des Gebietes Donezk: Die Grenzen der „Donezker Volksrepublik“ sind darin noch nicht eingezeichnet.


Die Presse: Als Sie vor 2005 die prorussische Organisation „Donezker Republik“ gründeten, hätten Sie gedacht, dass die Republik einmal Wirklichkeit wird?

Andrej Purgin: Natürlich nicht. Aber wie man so schön sagt: Politiker überschätzen meistens ihren Einfluss in der Gegenwart, aber unterschätzen ihren Einfluss in der Zukunft. Heute können wir die Früchte unserer Arbeit ernten.

 

Wie sind Sie Politiker geworden?

Politiker bin ich erst seit Kurzem, aber ich bin schon lange Polit-Technologe, jemand – der politische Prozesse beeinflusst – und öffentlicher Aktivist. In der Ukraine wurde ich als radikale Figur gesehen und strafrechtlich verfolgt.

 

Wäre die „Donezker Volksrepublik (DNR)“ gern Teil der Russischen Föderation?

Das Volk hätte das gern. Aber in der Welt gibt es Regeln, wie man ein Subjekt der Russischen Föderation werden kann. Russland hält sich an diese europäischen Regeln, manchmal mehr als Europa selbst.

 

Russlands Präsident, Wladimir Putin, gab zu verstehen, dass die Aufnahme der DNR nicht zu seinen Prioritäten gehört.

Das glaube ich nicht. In der Ukraine findet eine Konfrontation zwischen alter und neuer Welt statt. Die Welt hat sich verändert, aber die Regeln sind noch die alten.

 

Was ist der Unterschied zwischen der Aufnahme der Krim und des Donbass durch Russland?

Es gibt einen sehr großen Unterschied. Die Krim war viel weniger mit den Regionen verbunden. Die Krim war ein vollreifer Apfel, der bei einem Luftzug einfach vom Baum abgefallen ist. Donezk und Luhansk sind eng mit der Zentral-ukraine verbunden. Es gibt viele Wechselbeziehungen zwischen der Industrie des Donbass mit dem Rest des Landes, und umgekehrt.

 

Aber welche Regeln erlauben es, die Krim zu annektieren und nicht den Donbass?

Die Krim war ein zeitweiliger Passagier auf dem ukrainischen Schiff. Sie war beinahe unabhängig in den 1990er-Jahren, mit einem eigenen Präsidenten und einer eigenen Verfassung. Die Ukraine führte die Krim an der Nase herum, hat ihr Rechte garantiert, diese aber mit der Zeit wieder genommen . . .

 

Was passiert gerade im Donbass?

Eine Volksbefreiungsbewegung. Seit Jahren vernichtet die Ukraine die Russen als Volk. Von den 17 Millionen Russen, die es 1991 noch gab, bezeichneten sich 2013 nur noch vier bis fünf Millionen als Russen. Russische Omas und Opas haben plötzlich ukrainische Enkelkinder: Das ist ein Ethnozid. Wir sind Teil der russischen Welt. Der Donbass ist auch eine ökonomische Region, und wir haben enge Verbindungen zu Russland. Unser Markt liegt in Russland. Die Fabriken in Slawjansk und Kramatorsk arbeiten vorwiegend für Russland. Wir wollen eine ökonomische Großregion, die künstlich getrennt wurde, wieder verbinden.

 

Heute sind weder Slawjansk noch Kramatorsk noch die Hafenstadt Mariupol Teil der „DNR“.

Diese Frage wird sich mit der Zeit lösen. Wir sind Geiseln des Krieges, es ist Winter. Wenn wir nicht verhandeln, riskieren wir zehntausende Tote. Die Lage ist schwierig. Wir kämpfen für unsere Freiheit und müssen gleichzeitig eine verantwortungsvolle Politik machen.

 

Ist die humanitäre Hilfe aus Russland ausreichend?

Nein. Wir haben uns an die internationale Gemeinschaft gewendet, an die UNO – wir haben keine Impfstoffe, können keine Medikamente kaufen. Die Ukraine erschwert uns alles. Es ist ein Genozid nach regionalem Prinzip.

 

Haben Sie auf mehr russische Hilfe gehofft? Nach dem Referendum im Mai haben Sie Russland gebeten, Sie aufzunehmen.

Ja, es gab diese Bitten. Aber wir haben verstanden, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist. Ich bin Realpolitiker. Russland agiert im Rahmen der internationalen Gesetze. Sie entsprechen nicht mehr der Realität, die Welt hat sich weiterentwickelt, aber die Gesetze sind die alten geblieben. Deshalb sind wir in dieser Lage. Wir befinden uns in Europa, aber unsere Städte werden bombardiert. Ein hybrider Krieg, und die ganze Welt schaut zu.

 

Im hybriden Krieg helfen Ihnen Freiwillige aus Russland. Wie viele sind es?

Laut OSZE, die nicht unsere besten Freunde sind, kämpfen hier 85 Prozent lokale Kräfte.

 

Und stimmt das?

Ja. Es sind auf jeden Fall weniger Russen als angenommen. Es gibt Franzosen, Italiener, alle möglichen. Bei uns gibt es eine Abteilung mit internationalen Kämpfern.

 

Was ist mit dem Kaukasier-Bataillon?

Die Rolle der Tschetschenen und Osseten wird übertrieben.

 

Wie viele sind es?

Ich weiß es nicht, es wird überschätzt. Hundert vielleicht.

 

Laut Reuters kämpfen 300 Tschetschenen in einem Bataillon.

Vielleicht sind es 300. Es gibt aber keine eigene Tschetschenentruppe, sie kämpfen mit anderen.

 

Wird die Feuerpause respektiert?

Es gab bisher bis zu 140 Feindkontakte pro Tag, vor allem mit schweren Waffen und aus großer Distanz. Jetzt sind es etwa ein Dutzend, vorwiegend mit Feuerwaffen.

 

Sie erhalten schwere Waffen aus Russland.

Vor ein paar Wochen hätte uns die Ukraine beinahe vernichtet. Europa hat die Augen zugemacht. Und Sie erwarten, dass Russland die Augen schließt, solange, bis uns die Ukraine vollständig vernichtet hat?

 

Die Frage ist, warum streitet Russland Waffenlieferungen ab?

Russland ließ uns Hilfe zukommen, als wir beinahe ausgelöscht worden waren. Putin hat das gemacht, wovon er immer gesprochen hat. Er sagte: Wir werden nicht zulassen, dass Landsleute getötet werden. Aber er half uns erst, als die Ukrainer uns faktisch vernichtet hatten. Ich sah in Schachtjorsk Frauen mit Kindern herumirren, nachdem ihre Häuser bombardiert wurden. Die Ukrainer schießen aus 50 Kilometern Entfernung ohne Unterschied und zielen auf bewohntes Gebiet. Obwohl wir mit der OSZE nicht gut Freund sind, ist die Organisation manchmal sinnvoll: Als Bomben auf Schulen gefeuert wurden, stellten Beobachter fest, aus welcher Richtung sie kamen. Es war eine anderslautende Information als die ukrainische. Andere Organisationen gibt es hier nicht mehr, die die Vorgänge dokumentieren könnten.

 

Welche Schwierigkeiten gibt es bei der Gründung eines Staates?

Mit einer Hand bauen wir auf, mit der anderen Hand müssen wir Krieg führen. Wir müssen für den Krieg mobilisieren und gleichzeitig demobilisieren, um ein neues ziviles Leben aufzubauen. Auch der Aufbau des Parlaments geht nicht standardmäßig vor sich. Bei uns gibt es keine Opposition: In einer Krieg führenden Gesellschaft sind Oppositionelle Feinde. Auch die zweite Partei im Parlament (neben „Donezker Republik“ die Partei „Freier Donbass“) ist keine richtige Opposition. Wir haben die gleichen Überzeugungen.

Zur Person

Andrej Purgin (42) gründete 2005 die prorussische Organisation „Donezker Republik“. Die (damals marginale) Gruppe forderte einen Autonomiestatus für die Ostukraine und Russisch als Staatssprache. Ihr Logo, der zweiköpfige Adler vor schwarz-blau-rotem Grund, ist heute Flagge der separatistischen „Volksrepublik Donezk“. Purgin wurde in Donezk geboren und war als Unternehmer tätig. Er wurde in den (international nicht anerkannten) Wahlen am 2. 11. zum „DNR“-Parlamentsvorsitzenden gewählt. Purgin befindet sich auf der Sanktionsliste von EU und den USA.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2014)