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Der Rubel rollt in den Abgrund

Bloomberg
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Der russische Rubel stürzt trotz einer drastischen Zinsanhebung weiter ab. Die Moskauer Börse verliert so viel wie noch nie an einem Tag.

Wien/Moskau. „Dass so etwas passiert, wäre uns vor einem Jahr nicht einmal im Albtraum eingefallen“: Wenn sogar ein Notenbanker so etwas sagt, dann ist die Lage so dramatisch, dass es nichts mehr zu beschönigen gibt. So konnte der russische Zentralbank-Vize Sergej Schwezow mit seiner alarmierenden Meldung am Dienstag kaum noch Öl ins Feuer gießen. Denn das Haus brannte schon lichterloh: In einer dramatischen Aktion hatte die Zentralbank über Nacht den Leitzins drastisch angehoben: von 10,5 auf 17 Prozent. Die höheren Zinsen sollten Anlagen in Rubel attraktiver machen und damit Kapitalflucht und Kursverfall stoppen. Das gelang für gerade einmal für elf Minuten. Dann sackte die russische Währung auf neue Tiefststände gegenüber Dollar, Euro und Gold ab.

Den russischen Aktienmarkt nahm der Rubel mit auf seine Talfahrt: Die Börse Moskau brach am Dienstag um mehr als 16 Prozent ein. Für den Leitindex RTS war es der größte Tagesverlust in der Geschichte. Er liegt nun auf dem Niveau der Finanzkrise von 2008. Bis nach Wien ist das Beben zu spüren: Die Aktie der Raiffeisen Bank International, die einen großen Teil ihrer Erträge in Russland erwirtschaftet, verlor bis zu zehn Prozent. Der Kurs erreichte ein Allzeittief.

Analysten sprachen von einer Panik am Markt. Der russische Premier Medwedew berief ein Krisentreffen im Kreml ein. Schon rufen manche die düsteren Erinnerungen an die Rubelkrise von 1998 wach. Damals war Russland zahlungsunfähig und konnte sich nur mit Finanzhilfen von IWF und Weltbank über Wasser halten.

Goldman-Analysten bleiben gelassen

Die Hauptgründe für den Druck auf den Rubel liegen auf der Hand: Ein drastisch gefallender Ölpreis – minus 50 Prozent seit dem Sommer – bringt immer weniger Devisen in ein Land, dessen wirtschaftliche Stärke fast nur auf seinem Reichtum an Rohstoffen beruht. Dazu kommen die geopolitischen Spannungen und die Sanktionen des Westens gegen Russland. Der diese Sanktionen provoziert hatte, Präsident Putin, war gestern fast der einzige, der zu all dem schwieg.

Erst im Lauf der Woche wird sich zeigen, ob die Zinsanhebung den Verfall des Rubels doch noch stoppen kann. Noch hätte die Zentralbank in Moskau genug „Feuerkraft“, um auch weitere Schritte setzen zu können – auch, wenn der Gesamtwert der russischen Gold- und Währungsreserven seit Anfang des Jahres von rund 500 auf rund 400 Mrd. Dollar gefallen ist. Russland wird Maßnahmen ergreifen müssen, damit die gestiegenen Zinsen die Kredite im Inland nicht extrem verteuern – was die Wirtschaft weiter schwächen und die Rezessionsgefahr verstärken würde. Um die massive Geldflucht zu stoppen, kämen noch Kapitalverkehrskontrollen infrage. Allerdings nur als letztes Mittel – denn gerade weil die russische Zentralbank bisher auf „orthodoxe“ Mittel setzt, also auf Zinsschritte, erntet sie Respekt vonseiten der Analysten.

Auch für die russischen Banken spitzt sich die Lage zu. Bis Ende 2015 müssen sie Schulden in ausländischen Währungen im Gesamtwert von 135 Mrd. Dollar zurückzahlen – was sie in Rubel gerechnet immer mehr kostet. Dennoch wollen sich die Analysten von Goldman Sachs der verbreiteten Untergangsstimmung nicht anschließen: „Während die Sanktionen anfänglich sicher ein wichtiger Faktor bei der Rubel-Schwäche waren, glauben wir, dass inzwischen genügend Devisen in Russland verfügbar sind. Anders als 2008 ist das Bankensystem heute ein bedeutender internationaler Gläubiger und auch die Unternehmen halten mehr Cash in ausländischen Währungen als eigentlich nötig wäre, um die Schulden zu bedienen“, schreiben die Analysten.

Gleichzeitig löst die massive Abwertung des Rubels einen Kaufrausch innerhalb Russlands aus. Der aus Moskau gemeldete Ansturm auf Haushaltgeräte erinnert bereits an Hyperinflationen der Vergangenheit, wie wir sie in Argentinien und Weißrussland gesehen haben. Das heißt: Nicht nur die ausländischen Anleger, auch die Russen wetten weiterhin auf eine Abwertung des Rubels und geben ihr Geld aus. Russland hat ironischerweise „erreicht“, was die japanische Regierung sich innig wünscht: Kaufrausch dank massiver Inflation.

("Die Presse", Printausgabe vom 17.12. 2014)