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Kärnten: Hohe Krebsrate im HCB-Bezirk

Die Presse
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Kärnten ist das Bundesland mit der höchsten Krebs-Neuerkrankungsrate in Österreich. Die Bezirke rund um das HCB-belastete Görtschitztal stechen deutlich hervor. Beweise für einen Zusammenhang gibt es nicht. Aber viele Details, die neue Fragen aufwerfen.

Wien. Ende der Vorwoche „garantierten“ Experten der Kärntner Landesregierung, dass durch die Freisetzung des Umweltgiftes Hexachlorbenzol (HCB) bei der Verwertung einer Blaukalkdeponie im Wietersdorfer Zementwerk keinerlei Gesundheitsgefährdung bestanden habe. Nicht erwähnt wurde, dass in einer der dafür herangezogenen Risikobewertungen ausdrücklich steht, dass die der Einschätzung zugrunde liegenden Grenzwerte „nicht die krebserzeugende Wirkung eines Stoffes berücksichtigen“.

„Die Presse“ hat – mithilfe der Statistik Austria – das österreichische Krebsregister ausgewertet, in dem alle bösartigen Neuerkrankungen erfasst sind. Öffentlich verfügbar waren bisher nur Daten auf Bundesländerebene. Die vorliegende Detailauswertung für Kärnten zeigt: Jener Bezirk, in dem sich die inzwischen berüchtigte Blaukalkdeponie und das Wietersdorfer Zementwerk befinden, weist die höchste Neuerkrankungsrate in ganz Österreich auf.

Im Bundesschnitt werden jährlich pro 100.000 Einwohner 265 bösartige Neuerkrankungen registriert. In Kärnten, das im Ländervergleich die höchsten Werte hat, sind es 313. Und im Bezirk St. Veit an der Glan, zu dessen Verwaltungsgebiet die Gemeinden Brückl (Deponiestandort) und Klein St. Paul (Wietersdorfer Zementwerk) gehören, steigt dieser Wert noch einmal auf 344. Das sind um 30 Prozent mehr als im Bundes-, und um zehn Prozent mehr als im Landesschnitt. Warum?

„Keine schlüssige Erklärung“

Kausale Zusammenhänge zwischen der mit vielen Giftstoffen versetzten Blaukalkdeponie der Donau Chemie, der Blaukalkverwertung im Wietersdorfer Zementwerk und den Daten aus dem Krebsregister sind nicht bekannt. Zudem weist die Statistik Austria darauf hin, dass die Qualität des Registers von der Meldemoral der Spitäler abhängig ist. Zwar besteht für bösartige Tumore eine Meldepflicht, allerdings gibt es kaum Möglichkeiten, das zu kontrollieren. Daher waren im Krebsregister schon in der Vergangenheit immer wieder größere Schwankungen zu beobachten. Tatsache ist allerdings auch, dass die Datenqualität gerade in Kärnten besonders gut ist, was u. a. mit der Erfassungsmethode zu tun hat. Das macht umgekehrt regionale Vergleiche innerhalb dieses Bundeslandes leichter.

Dass nun ausgerechnet jene Region, in der sich der aktuelle HCB-Skandal abspielt, in der Statistik negativ hervorsticht, dafür hat Dietmar Geissler „keine schlüssige Erklärung“. Geissler ist Primar der Ersten Medizinischen Abteilung des Klinikums Klagenfurt und sitzt zudem im Onkologiebeirat des Gesundheitsministeriums. Er sagt, der Einfluss von Umweltfaktoren auf Krebsneuerkrankungen sei nur sehr schwer kausal festzumachen. „Bei Risken wie Rauchen oder Fettleibigkeit ist das einfach, ein Zusammenhang mit der Deponie in Brückl hat sich bisher jedoch nicht herauskristallisiert.“ Soweit die Erkenntnisse der Wissenschaft.

Giftdeponie seit 1926

So manche Lebensgeschichte von Bewohnern aus der Region hingegen erklärt das nicht. Hört man sie, dann mag man schwer glauben, dass das alles nur Zufall ist.

Frau A. ist 41 Jahre alt und erkrankte vor drei Jahren an Schilddrüsenkrebs. Eine Krebsform, die zumindest in Tierversuchen ganz typisch für eine lang anhaltende HCB-Belastung ist. Zwar verarbeitet das Zementwerk den kontaminierten Blaukalk erst seit 2012, die Deponie hingegen existiert seit 1926. Bei der jüngeren Schwester von A. wurde der gleiche Krebs bereits im Jahr 2000 diagnostiziert. Und sie nennt die Namen von zehn Gleichaltrigen aus der Region, die ebenfalls davon betroffen sind. Ihr Vater und ihr Großvater arbeiteten beide im Werk der Donau Chemie in Brückl, und auch sie starben an Krebs.

A.s Ärzte sagen, dass eine genetische Veranlagung in der Familie auszuschließen sei. Sie vermuteten allerdings radioaktive Niederschläge nach Tschernobyl als Auslöser für die Erkrankung. Zudem wurde bis Ende der 1970er-Jahre bei Wietersdorfer stark krebserregendes Asbest verarbeitet.

Andererseits: A.s Elternhaus stand einst dort, wo heute das weiße Zelt der Deponiesanierung steht. 2011 wurde das Haus abgerissen. Heute erzählt sie, dass es in der Region kaum eine Familie ohne Krebsfälle gebe, aber vom Bürgermeister abwärts sei das Thema in der lokalen Verwaltung seit vielen Jahren ein Tabu. „Zu wichtig sind die Arbeitsplätze in Chemiefabrik und Zementwerk.“

„Enorme Schadstoffemission“

All das ist nach wissenschaftlichen Kriterien kein Beweis für einen Zusammenhang zwischen der kontaminierten Altlast und den hohen Krebsraten. Verbindet man die Daten des Krebsregisters jedoch mit A.s Familiengeschichte und einem Bericht des Umweltbundesamts, dann ergeben sich noch mehr Auffälligkeiten. In eben diesem Bericht zur Kalkdeponie steht, „dass massiv belastete Sickerwässer ins Grundwasser gelangen“. Auch die Gurk, die direkt an der Deponie vorbeifließt, ist davon betroffen. Im Bericht ist von einer „deutlichen Beeinflussung der Wasserqualität durch die enormen Schadstoffemissionen aus der Deponie“ die Rede. Weiters weisen die Autoren darauf hin, dass sich in unmittelbarer Nähe mehrere Hausbrunnen befinden, und nur zehn Kilometer in Abstromrichtung des verseuchten Grundwassers das Grundwasserschongebiet Klagenfurt-Ost beginnt. Mit Klagenfurt und Klagenfurt-Land betrifft das Bezirke, die, nur knapp hinter St. Veit, ebenfalls sehr hohe Krebsneuerkrankungsraten aufweisen (siehe Grafik unten).

„Die Presse“ fragte bei den Klagenfurter Stadtwerken nach den aktuellen Schadstoffmesswerten. Die genauen Analyseergebnise wollte man ebendort nicht veröffentlichen, aber: „Die Überprüfung auf HCB wird seit Jahren durchgeführt. Dabei gab es keinerlei Auffälligkeiten.“

Gregor Käfer

Auf einen Blick

St. Veit an der Glan in Kärnten ist der Bezirk mit der höchsten Krebs-Neuerkrankungsrate in Österreich. Pro 100.000 Einwohner werden dort jährlich 344 bösartige Neubildungen registriert. Damit sticht die Region selbst in Kärnten hervor, das mit einem Wert von 313 die Rangliste aller Bundesländer anführt (Österreich-Schnitt: 265). Im selben Bezirk befinden sich seit Jahrzehnten die Wietersdorfer Zementwerke und eine mit Umweltgiften belastete Blaukalk-Deponie. Bei der Verwertung des Blaukalks im Zementwerk soll giftiges Hexachlorbenzol in die Umwelt gelangt sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18. Dezember 2014)