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Reportage: "Kuba braucht die USA, das war immer so"

(c) REUTERS (ENRIQUE DE LA OSA)

Die Einwohner der Zuckerinsel sind überrascht und erfreut über das Ende der Feindschaft zwischen Kuba und den USA. Sogar die Fidelistas.

Zwei Nachrichten haben Kuba, die Insel des scheinbar ewigen Stillstands, seit der Jahrtausendwende im Herzen getroffen: im Sommer 2006 der Rücktritt des kranken Fidel Castro und nun gestern die Reden von Barack Obama und Raúl Castro. Sie haben das Ende der Feindschaft zwischen den beiden Nationen verkündet und wollen nach über fünf Jahrzehnten des Kalten Krieges jetzt wieder miteinander reden und diplomatische Beziehungen aufnehmen.

Um zwölf Uhr Mittag wurden alle staatlichen Medien gleichgeschaltet. Sogar Radio Enciclopedia, das rund um die Uhr nur Instrumentalmusik sendet, hat seine zarten Klänge unterbrochen. Raúl Castro, frisch frisiert, in olivgrüner Uniform mit Generalssternen auf den Schultern, sprach kurz und klar, sagte das Wichtigste, aber nicht alles. Er dankte „dem Präsidenten Obama“ sowie Papst Franziskus und der kanadischen Regierung, die im Hintergrund mithalfen, dass die alten Feinde nun bereit sind, Freunde zu werden. Obamas Rede wurde nicht ausgestrahlt, ja nicht einmal ein Wort daraus zitiert. Dafür mussten die Menschen auf Telesur aus Venezuela umschalten, auf dem die wegweisende Ansprache des US-Präsidenten in voller Länge gesendet und ins Spanische übersetzt wurde.

In den kleinen Cafeterias und Imbissbuden in Privatwohnungen stand das Service still, die Kunden, die auf ihre Pizzas und Sandwiches warteten, hörten gespannt Radio oder schauten auf die kleinen Flimmerkisten. Auf dem Gasherd des Cafés Paz (Frieden) in Centro Habana, verbrannten die Hamburger in der Bratpfanne, Köchin Niddia rannte vor Aufregung zum Nachbarn und rief lauthals in den Hauseingang: „Endlich, wir werden frei sein!“ „El bloqueo“ (das Embargo) werde fallen, „danke, Obama!“.

Nebenan kommentierten Bauarbeiter das historische Ereignis: „Wurde auch langsam Zeit. Wir brauchen endlich ein besseres Leben, unserer Regierung und ihren Familienclans fehlt nichts, die leben doch in Saus und Braus.“ Angst davor, dass die Amerikaner und die Exilkubaner nun ihr Land aufkaufen und ihre Besitztümer zurückfordern, hat keiner. Der 34-jährige Maurer Michel sagt lakonisch: „Sollen sie doch kommen. Was wollen sie sich denn hier unter den Nagel reißen? Ruinen?“ Jeder von der Baubrigade hofft, dass nach einer Lockerung der US-Restriktionen mehr Dollars auf die Insel fließen, damit die Menschen ihre zerfallenen Häuser und Wohnungen renovieren können und dafür Löhne zahlen, die zum Leben reichen.

 

„Castros haben das Volk entmündigt“

Schreinermeister Miguel, 70, war hocherfreut, als er Obama sagen hörte, dass die amerikanische Embargopolitik gegenüber Kuba total gescheitert sei. „Wir waren stärker als die Amis, dieser Tag ist ein Sieg für die Castros. Sie haben gewonnen“, sagt Miguel. Es gibt auch erbitterte Gegner der Gebrüder Castro, die das so sehen. Nur, den Preis dieses zweifelhaften Sieges der alten Revolutionäre habe das Volk teuer bezahlen müssen.

Von dem langen Dokument, das die vielen von Obama gelockerten Restriktionen auflistet und das man kurz nach Mittag im Internet lesen konnte, haben die meisten Menschen in Kuba nichts erfahren. Knapp fünf Prozent der elf Millionen Kubanerinnen und Kubaner haben Zugang zum Internet – weltweit eine der tiefsten Quoten.

Trotz des geringen Informationsstands auf der Insel ist bei den meisten Kubanern die Freude über die bedeutendste historische Wende in der Geschichte des Landes seit der Revolution 1959 groß. Zahlreiche Automobilisten drückten lange auf die Hupe, als sie an der Uferpromenade Malecón am großen Klotzbau der US-Interessenvertretung vorbeifuhren. An der Universität Havanna verließen die Studierenden des Lehrgangs Journalismus den Hörsaal, versammelten sich auf der Treppe und applaudierten. Sonst blieb es ruhig an der Alma Mater. Nivaldo, 71, Professor an der Medizinischen Fakultät und seit über 30 Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei sagte, die meisten Studierenden seien an Politik völlig desinteressiert. „Die Castros haben das Volk entpolitisiert und entmündigt.“ Die traurige Realität sei: Die Armut habe in den vergangenen Jahren extrem zugenommen, viele Menschen könnten sich nicht einmal mehr Zwiebeln kaufen und seien Tag für Tag damit beschäftigt, über die Runden zu kommen. „Bei einem solchen Leben sind dir Politik und Demokratie egal.“

Hocherfreut über den Durchbruch zeigten sich Intellektuelle und Dissidenten. Die Autorin Myriam Celaya sprach von einem positiven Tag in der Geschichte Kubas. Doch jetzt müsse man erst einmal abwarten, was Raúl daraus mache. Doch sie ist skeptisch, vertraut „den Alten“ schon lang nicht mehr. Ihr Kollege, der Politologe und Theologe Dimas Castellanos ist davon überzeugt, dass auf beiden Seiten auch wirtschaftliche Interessen zu diesem längst fälligen Frieden geführt haben. Trotz Raúls Reformen kommt Kubas Wirtschaft nicht in Schwung, das Land produziert praktisch nichts und hat kein Geld. „Kuba braucht die USA, das war schon immer so und wird immer so sein.“

 

Das Schweigen des Fidel Castro

Seit Langem wieder einmal ein Thema ist Fidel Castro. Wo bleibt er? Warum schweigt er? Lebt er überhaupt noch, oder ist er wieder einmal halb im Jenseits? Wie auch immer, für die Kubaner ist einmal mehr klar geworden: Der große Führer Fidel hat nichts mehr zu sagen. Er, der immer gemeint hat, die Revolution lebe nur, wenn sie Feinde habe. Ausgerechnet sein kleiner Bruder, engster und zeitlebens einziger Vertrauter, hat mit dem Erzfeind nun Frieden geschlossen.

Von vielen hörte man deshalb auch: Dieser Tag sei wahrscheinlich die schwerste Niederlage für Fidel und seine Revolution. Raúl brauchte acht Jahre für die Kehrtwende. Ohne das politische Ende des sturen Máximo Líder wäre sie nie möglich gewesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2014)