China: Kaufrausch wie auf Knopfdruck

(c) AP (Ng Han Guan)
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Privater Konsum, Staatshilfe und reichlich Kredite federn den Abschwung ab. Das chinesische Wirtschafts-Wachstum ging von 12% im Jahr 2007 auf 9% im Vorjahr zurück.

Wien. Was sind schon Zahlen – es kommt darauf an, wie man sie interpretiert. Ein aktueller Bericht der Weltbank revidiert zwar die Wachstumsprognose für China nochmals nach unten, von 7,5 auf 6,5 Prozent, spricht aber im gleichen Atemzug von einem „Lichtblick in der düsteren Weltwirtschaft“. Noch vor wenigen Monaten wurden die Aussichten anders kommentiert. Die exportorientierte chinesische Wirtschaft wurde von der anbrechenden globalen Rezession schnell und hart getroffen. Die Hoffnung, dass die Schwellenländer mit China an der Spitze die Nachfrageausfälle aus den USA und Europa wettmachen, erwies sich alsbald als Illusion.

Das chinesische Wirtschaftswachstum ging von zwölf Prozent im Jahr 2007 auf neun Prozent im Vorjahr zurück. Aus europäischer Sicht mag das als Luxusproblem erscheinen. Doch die meisten Experten waren sich einig: Die Ruhe im Land der Mitte beruht darauf, dass der Mittelstand konstant und kräftig wächst.

Denn jedes Jahr kommen viele Millionen verarmter Landarbeiter in die großen Städte, auf der Suche nach Arbeit – und nur ein hohes Wachstum kann garantieren, dass sie diese auch finden. Jeder Prozentpunkt weniger Wirtschaftswachstum stelle das System in Frage: das Modell einer staatlich gesteuerten Marktwirtschaft, in der materiell zufriedene Bürger auf demokratische Reformen verzichten. Die Folgen wären soziale Unruhen mit unabsehbaren Folgen, nicht nur für die Region.

Projekte im Eilzugtempo

Doch nun gibt die Weltbank Entwarnung. Das reduzierte Wachstum bedeute keine Bedrohung der sozialen Stabilität – vor allem deshalb, weil Teile des gigantischen Konjunkturprogramms von 450 Mrd. Euro in den Ausbau des sozialen Netzes investiert werden. Dazu gehören mehr Wohnraum, Schulen und neue Krankenhäuser.

Zudem sei ein Pfad aus der Krise klar vorgezeichnet. Anders als in einer wirklich freien Marktwirtschaft werden die Konjunkturprogramme eiligst exekutiert. An den Straßen, Bahnstrecken, Flughäfen und Kläranlagen wird schon emsig gebaut. Damit verschieben sich auch wieder die Gewichte von der exportorientierten Privatwirtschaft zurück zum Staat.

Sollten die Maßnahmen nicht ausreichen, sieht die Weltbank den Spielraum noch lange nicht ausgeschöpft. Immer noch verfügt das Land über Devisenreserven von fast zwei Billionen Dollar. Die 30 Milliarden, die der Exporteinbruch bislang gekostet hat, sind da nicht schwer zu verkraften.

Vor allem aber scheint der Plan der chinesischen Regierung aufzugehen, die Ausfälle bei den Exporten durch Inlandsnachfrage auszugleichen. Der private Konsum zeigt sich erstaunlich stabil. Beim alljährlichen Kaufrausch rund um das chinesische Neujahr – vergleichbar unserem Weihnachtsgeschäft – gaben die Chinesen inflationsbereinigt sogar um 13 Prozent mehr aus als ein Jahr zuvor.

Kreditschwemme statt -klemme

Beflügelt wird die Freude am Geldausgeben durch die Banken, die großzügig Kredite vergeben. Während der Rest der Welt unter einer Kreditklemme leidet, profitieren die Chinesen eher von einer Kreditschwemme.

Dafür haben die Finanzinstitute freilich auch die richtige Vorarbeit geleistet. Zu Zeiten, als US-Investmentbanken noch mit hochgehebelten Geschäften spekulative Blasen schufen, bauten die chinesischen Banken schon Schulden ab und stärkten ihr Eigenkapital. Unabhängig von externer Finanzierung, blieben sie von den Stürmen der Finanzkrise weitgehend verschont. Mit dieser robusten Basis sind sie nun begierig darauf, ihr Kreditvolumen zu erhöhen.

Das fällt ihnen nicht schwer, weil auch die „Chinesische Volksbank“ als Hüterin des Renminbi die Zinsen gesenkt hat. Der Zugang zu Krediten wurde deutlich erleichtert, und die traditionell so sparfreudigen Chinesen nutzen, wie auch ihre Regierung, die neuen Möglichkeiten.

Was im ersten Anlauf nicht recht funktionieren wollte, könnte somit in einem zweiten gelingen: dass China wieder zu einer Stütze der Weltkonjunktur wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2009)

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