Fund in China: Ein mit den Vögeln gar nicht nahe verwandter Saurier trug bereits eine Art Gefieder. Sahen die schrecklichen Echsen alle flauschig aus?
Vögel sind Dinosaurier mit Federn; sie stammen von den Theropoden ab, das waren aufrecht gehende, fleischfressende Saurier, z.B. der berühmte Tyrannosaurus Rex. Darauf können sich die Zoologen heute einigen. Neue Arbeiten legen jedoch nahe, dass auch die Umkehrung des obigen Satzes eine gewisse Gültigkeit hat: Dinosaurier waren Vögel. Denn sie hatten Federn.
Die ersten Spuren von Gefieder fand man 1996 bei einem Theropoden. Zunächst nur ganz einfache Federn, nicht viel mehr als haarähnliche Hohlstäbe; doch später fand man bei anderen Theropoden höhere Federn: Büschelfedern, dann Konturfedern und sogar Deckfedern, mit ineinander verzahnten Bogen- und Hakenstrahlen.
Sie brüteten auch ihre Eier aus
Diese offenkundige Entwicklung passt zu unserem heutigen Verständnis vom Ursprung der Federn: Zuerst haben sie dem Wärmehaushalt gedient, erst später dem Fliegen und der Sexualität, sprich: dem Beeindrucken der Weibchen. Wenn Dinosaurier schon Federn hatten, spricht das auch dafür, dass sie wechselwarm („Warmblütler“) waren. Keine kalten, winterstarren Echsen. Wie die Dinos überhaupt in den letzten Jahren den Vögeln näher rücken: So stellte sich heraus, dass der/die Oviraptor gar kein Eierräuber war, sondern vielmehr die eigenen Eier bebrütete, sogar in Form eines Nests.
Gut, dann hat die Evolution der Feder eben schon vor dem Urvogel Archaeopteryx (der vor ca. 150 Millionen Jahren lebte) begonnen, dachte man nach Entdeckung der gefiederten Theropoden: Das passte noch ins Bild. Doch nun berichten chinesische Forscher in Nature (458, S.333), dass sie in der nordöstlichen chinesischen Provinz Liaoning an einem (ca. 70 Zentimeter langen) Saurier der – gar nicht mit den Vögeln verwandten – Gruppe Ornithischia (siehe Kasten unten) deutliche Anzeichen von Gefieder gefunden haben. Noch dazu an einem ziemlich urtümlichen Vertreter dieser Gruppe, einem Pflanzenfresser namens Tianyulong confuciusi. Es sind freilich keine Deckfedern, sie ähneln eher den Protofedern, die man von manchen Theropoden kennt, dem „Dinoflaum“, wie die Forscher liebevoll sagen. Immerhin haben sie Filamente, kleine Äste, die sich ineinander verhaken können.
Kann man daraus schließen, dass so gut wie alle Dinosaurier eine Art Gefieder hatten? Oder ist der Flaum von Tianyulong confuciusi unabhängig von der Evolution der Federn bei den Theropoden entstanden – vergleichbar mit den Flügeln der Fledermäuse, die zwar auch fliegen können, aber darum nicht von Vögeln abstammen?
Um das zu klären, muss zunächst eine Frage beantwortet werden: Sind die flaumigen Strukturen des Tianyulong aus der Oberhaut (Epidermis) gewachsen wie Federn? Oder wie Haare aus tieferen Schichten der Haut?
Wenn Ersteres zutrifft, heißt das zwar nicht, dass alle Dinosaurier Federn hatten – viele haben sie gewiss verloren und waren schuppig, wie es sich für ein Reptil gehört. Aber unser Bild vom Dinosaurier dürfte dann mit Recht ein wenig flaumiger, flauschiger, wenn auch nicht kuscheliger werden. Die Spielzeugindustrie würde sich darauf wohl schnell einstellen.
ZUR SYSTEMATIK
■Die Dinosaurier, die von vor 235 Millionen Jahren bis vor 65 Mio. Jahren lebten, waren Reptilien, und zwar Archosauria: Von dieser Gruppe leben heute noch die Krokodile – und, streng genommen, die Vögel.
■Man teilt die Dinosaurier in zwei große Ordnungen: die Ornithischia und die Saurischia, benannt nach der Form des Beckens. Etwas verwirrend ist, dass die Vögel bzw. ihre Vorfahren, die Theropoden, nicht zu den Sauriern mit „vogelartigem Becken“ (Ornithischia) gehören, sondern zu denen mit „echsenartigem Becken“ (Saurischia).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2009)