Das Match vor dem Match: Wer wird Kapitän?

(c) AP (Hans Punz)
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ÖFB-Teamchef Dietmar Constantini überrascht und verzichtet auf Langzeit-Kapo Andreas Ivanschitz. Ein deutlicheres Signal für einen Neuanfang hätte der Teamchef kaum setzen können.

Wien. „Oft fällt einer raus, bei dem man es sich nicht vorstellen kann“, sagt ÖFB-Teamchef Dietmar Constantini. Einer wie Andreas Ivanschitz zum Beispiel. Der 25-Jährige fehlt im ersten Kader der Ära Constantini für das WM-Qualifikationsspiel gegen Rumänien am 1. April in Graz. Ein deutlicheres Signal für einen Neuanfang hätte der Teamchef kaum setzen können.

Er wollte den Panathinaikos-Athen-Legionär aus der „Schusslinie nehmen“. Zu viel sei in der Vergangenheit auf Ivanschitz abgeladen worden, „er musste herhalten, wenn die Leistung des gesamten Teams nicht stimmte“, erklärt Constantini und spielt auf das Match gegen Schweden im Februar an. Damals war der Kapitän des Nationalteams in Graz ausgepfiffen worden. Daher – und wohl auch um die erhitzten Gemüter zu beruhigen – sei aus der Sicht des neuen Teamchefs eine Zäsur notwendig geworden, wie er Ivanschitz am Telefon auch mitgeteilt habe. Der habe Verständnis gezeigt, aber auch einen Comeback-Wunsch geäußert. Telefonisch erfuhr auch Spartak-Moskau-Legionär Martin Stranzl, dass er nicht zu den 23 nominierten Spielern zählt. Der 28-Jährige ist beim Ligastart in Russland am vergangenen Wochenende einmal mehr nur auf der Bank gesessen.

„Härtefälle und Gratwanderungen“

Wie die beiden Ausgebooteten eine Rückkehr in das Team erreichen können, wollte Constantini nicht sagen: „Ich gebe keine Tipps, aber Stranzl wird wohl wechseln müssen, weil er ja bei Spartak gar nicht mehr zum Einsatz kommt.“

Bei anderen Spielern wie Sebastian Prödl, Franz Schiemer, Jürgen Säumel oder Ümit Korkmaz sollte mangelnde Spielpraxis nicht so schwer wiegen. Es gebe „Härtefälle und Gratwanderungen, aber einen Mann wie Korkmaz brauchen wir für eine halbe Stunde, um das Stadion verrückt zu machen.“ Dafür reiche dessen Kraft, zudem gehe Klasse nicht durch mangelnde Spielpraxis verloren.

Mit der Kaderbekanntgabe ist nun das Match vor dem Match eröffnet: Der interne Kampf um die Kapitänsschleife – war Ivanschitz doch am 11. Oktober 2003 als 19-Jähriger von Hans Krankl zum jüngsten Teamkapitän aller Zeiten gemacht worden. Auch wenn der Teamchef betont, das Amt sei überbewertet, räumt er doch die Bedeutung der Aufgabe ein: „Der Kapitän ist wichtig, allein schon wegen der Außendarstellung.“ Weil es ihm dann doch nicht gleichgültig ist, wer die Schleife trägt, werden auch nicht die Spieler ihren Kapo wählen, sondern die Trainer eine Wahl treffen. Allerdings erst relativ kurz vor dem Qualifikationsspiel.

Als Qualifikationen verlangt der Teamchef Leaderqualitäten und die Fähigkeit, Struktur in das Gefüge zu bringen. Kapitän, so Constantini, müsse aber nicht zwingend der beste Spieler sein. Dass mit Ivanschitz und Stranzl den Spielern auch zwei Wortführer abhandengekommen sind, stört Constantini wenig: „Es gibt keine Hierarchie und es ist auch nicht der Plan, eine zu installieren.“ So etwas ergebe sich von ganz selbst

Arnautovic und andere Junge

Er mache gar kein Hehl daraus, dass er „ein Fan von zwei, drei Alten, die das Wort führen“ in einem Mannschaftsgefüge sei. Diese würden in seinem Kader, der ein Durchschnittsalter von 23,96 Jahren aufweist, fehlen. Allerdings: „Die Jungen sind so gut, dass wir sie belohnen“, meint er in Richtung der jungen Spieler – ganz besonders gemünzt auf die drei Teamdebütanten: Daniel Beichler, 20-jähriger Mittelfeldmann bei Sturm Graz, Aleksandar Dragovic, 18-jähriger Verteidiger bei der Wiener Austria, und Yasin Pehlivan. Die Idee, Letzteren einzuberufen, sei „zu guter Letzt gereift“, das Traumtor des 20 Jahre alten Rapid-Mittelfeldspielers am Wochenende gegen Kapfenberg dürfte seinen Teil beigetragen haben.

Constantini und Kotrainer Manfred Zsak, in dessen U21-Auswahl das Trio schon aktiv war, sind überzeugt, dass sich diese drei Spieler gut einfügen werden. Pehlivan schreiben beide die taktische Reife eines „30-Jährigen“ zu.

Im Kader steht auch Marko Arnautovic, hinter seinem Namen allerdings ein Fragezeichen. Der Legionär bei Twente Enschede steht seit Samstag unter Verdacht, sich rassistisch geäußert zu haben. Im Spiel gegen Willem II Tilburg soll er seinen aus Sierra Leone stammenden Gegenspieler Ibrahim Kargbo „Nigger“ genannt haben.

Arnautovic droht deshalb eine mehrwöchige Sperre. Diese würde sich zwar nicht auf das Nationalteam erstrecken, Constantini aber stellt klar: Im Falle einer Sperre werde er ihn allein wegen der Optik nicht im Kader halten können. Für ihn würde im Fall des Falles sein Freund Rubin Okotie von der Wiener Austria nachrücken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2009)

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