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Helfer nach dem Tsunami: Von Krawatten und Landrechten

Frauen trauern in einem Dorf südlich der indischen Stadt Madras um beim Tsunami verstorbene Angehörige. Helfern bot sich bei ihrer Ankunft ein chaotisches Bild.
Frauen trauern in einem Dorf südlich der indischen Stadt Madras um beim Tsunami verstorbene Angehörige. Helfern bot sich bei ihrer Ankunft ein chaotisches Bild.(c) Reuters
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Die Welle war auch für Hilfsorganisationen ein Sonderfall. Vier Helfer erzählen von Lehren, Problemen und den Momenten ihrer Ankunft im Chaos.

„Heftiges Erdbeben in Indonesien“ titelte die Austria Presse Agentur am 26. Dezember 2004. „Größere Schäden an Gebäuden, keine Berichte über Opfer“ hieß es da um 3.36 Uhr unserer Zeit. Von Stunde zu Stunde sollte es aber Gewissheit werden: Was sich da ereignet hatte, war eine der tödlichsten Naturkatastrophen in der Geschichte der Menschheit.

„Wenn du in der Caritasauslandshilfe arbeitst, rattern dann recht bald die Gedanken: Was kannst du dort tun?“, erzählt Georg Matuschkowitz, der für die Caritas Österreich eine Woche nach dem Tsunami in Indonesien seine Arbeit als Projektleiter begann. Bei den Hilfsorganisationen war rasch klar, das wird ein Großeinsatz. „Das Ausmaß ist im Stundentakt deutlich geworden“, erzählt auch Diakonie-Direktor Michael Chalupka. Weil Weihnachten war, waren auch nicht alle Büros besetzt. „Auf eine so große Katastrophe wie den Tsunami kann niemand vorbereitet sein, aber man ist natürlich darauf vorbereitet, dass jederzeit irgendwas passieren kann und man dann möglichst schnell seinen Beitrag leistet“, erklärt Chalupka, der im Februar selbst nach Indien reiste, um die Hilfsprojekte der Diakonie zu besuchen.

Diakonie-Direktor Michael Chalupka war zwei Monate nach dem Tsunami in Indien.
Diakonie-Direktor Michael Chalupka war zwei Monate nach dem Tsunami in Indien.(c) Diakonie

Matuschkowitz landete am 3. Jänner in Banda Aceh, der Provinzhauptstadt auf der indonesischen Insel Sumatra. Indonesien war mit über 130.000 Toten mit Abstand das am meisten betroffene Land. Die Region Banda Aceh liegt nur 85 km vom Epizentrum entfernt. „Du hast dort alles gesehen, was du in einem Leben eigentlich nicht sehen willst“, erzählt er von seinen ersten Momenten nach der Ankunft. „Es war zwar eine Stille, aber kein Chaos“. Mit Hilfe des Militärs wurden die Straßen rasch frei für Hilfsgütertransporte gemacht. „Aber natürlich war es schrecklich, und natürlich war der Gestank ein Horror und natürlich glaubst du am Anfang, du wirst hier überhaupt nicht mehr ins Tun kommen.“

Doch er kam ins Tun. Termine mit Kontaktpersonen vor Ort hatte Matuschkowitz schon im Gepäck. Kontakte, die ihm Kardinal Christoph Schönborn mitgegeben hatte, der unmittelbar nach dem Tsunami Indonesien besucht hatte. „Ich bin mit dem Kardinal einen ganzen Abend zusammengesessen und wir haben uns ausgetauscht: Welche Partner dürfen das oder können etwas machen?“ Die Spendenbereitschaft war groß, das war zu diesem Zeitpunkt bereits klar. Die richtigen Ansprechpartner seien entscheidend in dem Chaos. „Die Kunst ist es, richtig und schnell zu handeln und nicht nur darüber zu reden“. In Indonesien – zu diesem Zeitpunkt noch ein Bürgerkriegsland – sind nach zwei Wochen die ersten Hilfspakete samt Familienlisten zur Koordination eingetroffen. Die Listen helfen dabei, die Güter fair zu verteilen, damit niemand übersehen wird.

Georg Matuschkowitz war für die Caritas in Indonsien im Einsatz.
Georg Matuschkowitz war für die Caritas in Indonsien im Einsatz.(c) Caritas

Dr. Peter Grohr landete zwei Wochen nach dem Tsunami für "Ärzte ohne Grenzen" in Indonesien, sein erster Einsatz nach einer Naturkatastrophe. „Vorher war ich eigentlich immer in Konfliktgebieten. Es sind andere Ängste mit denen man zurecht kommen muss. Wenn man die Bilder im Fernsehen gesehen hat und dann mit dem Hubschrauber über die Küste fliegen und sieht, was da passiert ist, das ist natürlich beeindruckend“, erinnert er sich an die Anreise in das kleine Dorf Lamno südlich von Band Aceh. Er und das Team von „Ärzte ohne Grenzen“ betreuten eine Schule, die zu einem Notquartier umgebaut worden ist. Zu Beginn standen nicht die medizinischen Dinge im Vordergrund, sondern die Wasserversorgung. „Nur ein kleiner Bereich des Ortes war vom Tsunami übriggeblieben und in dem hat sich eigentlich alles abgespielt.“

In vielen Ländern ist die Versorgung der Katastrophengebiete durch das Hinterland relativ einfach, da nur der Küstenstreifen zerstört wurde. Lamno ist landeinwärts durch Jungel und Berge abgeschnitten. Die Versorgung funktionierte ausschließlich aus der Luft. „Da hat's natürlich auch skurrile Dinge gegeben. Ich kann mich erinnern, da war mitten in der Stadt ein Berg von Krawatten. Bei so limitierten Ressourcen, wo man sich überlegt, was wirklich wichtig ist, bringt irgendjemand dort einen halben Container Krawatten in ein Land, wo noch niemand irgendwo Krawatten getragen hat.“

Hilfe kommt nicht immer so an, wie es wünschenswert ist. So gibt es Fälle, dass ein thailändisches Dorf plötzlich vier Mal mehr Fischerboote hatte, als zuvor. Die Bucht sei nun überfischt, war in der Zeitung „Nation“ zu lesen. Andernorts wurden Rutschen und Schaukeln, die für Kinder aufgestellt wurden, bald als Altmetall verkauft, wie die Organisation „Help“ berichtet. Doch die österreichischen Helfer zeigen sich im Großen und Ganzen zufrieden mit den Abläufen in den hektischen Tagen des Jahreswechsels 2004/2005. Nicht alle Hilfsprojekte bleiben friktionsfrei. „Die Hilfe ist abgeschlossen“, berichtet Diakonie-Direktor Chalupka. „In einem Projekt hat es zum Beispiel zehn Jahre gedauert, bis die Landrechte für ein Dorf gesichert werden konnten. Nach zehn Jahren bauen sie jetzt das dritte Dorf“. Viele Fischerhütten standen direkt neben der Küste ohne Genehmigung. Beim Versuch, die Behausungen wieder aufzubauen, stieß man dann auf behördliche Probleme. Im Falle des Dorfs im indischen Bundesstaat Andrah Pradesh kam die Genehmigung für neue Häuser erst spät - allerdings für den Platz neben jenen Häusern, die direkt nach dem Tsunami errichtet worden sind. Die Freude über die Landrechte ist groß. Es gibt jetzt einen Anschluss sowohl an das Strom- als auch an das Straßennetz.

Wie weit Hilfe gehen soll, ist eine der spannenden Fragen der Hilfsorganisationen. „Nach zehn Jahren weißt du ungefähr, ist man richtig gelegen, hat man es übertreiben oder hat zu wenig auf Qualität geachtet“, sagt Matuschkowitz von der Caritas. Soll man fließendes Wasser zu den Häusern leiten, wenn es vorher nicht da war, soll man mit Brunnen weiterarbeiten oder kann man es der Bevölkerung mit Training zumuten, dass die Versorgung funktioniert? „Also ich höre aus den Gebieten, dass die Häuser gut bewohnt sind und dass eine Normalität eingekehrt ist, wenn auch nicht ganz in den Köpfen der Menschen“.

Die Umweltkatastrophe hätten sich, entgegen anderer Befürchtungen in Grenzen gehalten. „Dass das Land für ewig versalzt ist, wie es damals geheißen hat, das hat sich bald relativiert.“ Der Regen transportierte das Salz wieder ab. Banda Aceh ist wieder lebendig, gebaut wird auch wieder in Strandnähe. Das Platzproblem – gleich hinter Banda Aceh beginnt das Gebirge – hat die Regierung dazu gezwungen, auch in gefährdeten Gebieten wieder Häuser zu erlauben.

Max Santner war erst Anfang Dezember wieder in Sri Lanka, wo er unmittelbar nach dem Tsunami das Hilfsprojekt des „Kurier“ koordinierte und später für das Rote Kreuz tätig war. Ob die Zerstörung des Tsunamis noch sichtbar ist? „Da muss man schon ein gutes Auge haben. Es gibt noch so Restruinen, aber das ist unwesentlich. Die physischen Wunden sind geheilt.“ Für Santner ein signifikanter Unterschied im Vergleich zu 2004: „Durch das Ende des Bürgerkriegs 2009, muss man keine Angst mehr haben. Damals hat man nicht überall Zugang gehabt, jetzt kann man in dem Land wieder problemlos reisen.“ In der Hauptstadt Colombo sind es China und Indien, die für einen kräftigen Bauboom sorgen. Die Infrastruktur habe sich dementsprechend verbessert. „Europäer spielen dabei überhaupt keine Rolle.“ Generell seien die Kapazitäten für Katastrophen in den Regionen seit dem Tsunami von 2004 verstärkt worden. „In Asien oder in Südamerika wird man uns Europäer kaum mehr brauchen.“

Max Santner war für das Rote Kreuz im Tsunamigebiet in Südostasien.(Im Bild nach dem Hochwasser auf dem Balkan im vergangenen Sommer)
Max Santner war für das Rote Kreuz im Tsunamigebiet in Südostasien.(Im Bild nach dem Hochwasser auf dem Balkan im vergangenen Sommer)(c) Österreichisches Rotes Kreuz

Der Tsunami war vor allem wegen seiner globalen Dimension neu für die Hilfsorganisationen. Die Katastrophe sei via TV „praktisch in Wohnzimmer geliefert worden“, sagt Santner. Allein die österreichische Spendenplattform „Nachbar in Not“ stellte 32,6 Millionen Euro zur Verfügung. Durch nationale Hilfsprogramme wurden 4,8 Milliarden in die betroffenen Gebiete gebracht. Der Tusnami zeigte auch den Erfolg von sogenannten Cash-Transfer-Systemen, erklärt Santner. Die Menschen bekommen Geld, um sich genau das kaufen zu können, was sie auch benötigen. Damit gelangt auch Geld in den regionalen Wirtschaftskreislauf. „Das sehen wir bei Bosnien und Serbien nach den Überflutungen, das haben wir wieder bei Taifun 'Haiyan' gesehen“. Das Geld kommt damit auch dem regionalen Wirtschaftskreislauf zu Gute. „Der Tsunami war insofern besonders, dass das durch die westlichen Opfer eine besondere mediale Bedeutung bekommen hat und deshalb besonders viele Mittel da waren“, erklärt Diakonie-Chef Chalupka. „Bei anderen Katastrophen fehlen diese Mittel, weil sie medial diese Aufmerksamkeit nicht bekommen“.

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