Wie entsorgt man künftig ein Haus?

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Forscher am Christian-Doppler-Labor für Anthropogene Ressourcen entwickeln Prognosen darüber, welche Rohstoffe sich aus Gebäuden zurückgewinnen lassen.

Nicht jeder Abfall landet in der Mülltonne. Was nicht hineinpasst, interessiert die Wissenschaftler am Christian-Doppler-Labor für Anthropogene Ressourcen der TU Wien besonders: Häuser, aber auch Brücken oder ausgemusterte Schienenfahrzeuge. In ihrer Arbeit entwickeln sie Werkzeuge, die einen Blick in die Zukunft von deren Entsorgung erlauben sollen.

„Aktuell reißen wir 70 bis 100 Jahre alte Gebäude ab“, sagt Laborleiter Johann Fellner. Diese seien relativ einfach aufgebaut: meist aus Ziegeln, Holz und Stahl. Moderne Gebäude sind oft komplizierter zusammengesetzt. Sie bestehen oft aus verschiedenen Stoffen, so genannten Verbundmaterialien. Die größere Materialvielfalt stellt auch das Recycling vor neue Herausforderungen. Zwar ließe sich viel wiederverwerten, allerdings mit größerem Aufwand als früher: Das Material muss sauber getrennt werden, alte Gebäude seien „einfacher zu zerlegen“ gewesen.

Gemeinsam mit der Stadt Wien untersuchen die Wissenschaftler, wie sich der Baubestand der Bundeshauptstadt in den nächsten Jahrzehnten verändern wird und was das für die Wiederverwertung bedeutet. Auch die derzeit häufig durchgeführten thermischen Sanierungen sind dabei Thema: Das Dämmmaterial wird meist aufgeklebt. „Beim Abriss eines Gebäudes lässt es sich dann oft schwer vom Untergrund ablösen“, sagt Fellner.

 

Digitaler Recycling-Stadtplan

Derzeit sammeln die Forscher Daten, die die Basis für die Prognosemodelle bilden sollen: in abgerissenen und neu errichteten Gebäuden. Welche Materialien wurden einst und werden heute verwendet? Die Angaben fließen mit den Daten aus Geoinformationssystemen zusammen, sodass Stück für Stück ein Ressourcenkataster, also ein „digitaler Recycling-Stadtplan“ für Wien entsteht.

Erste Kennwerte zeigen Überraschendes: „Wir haben in modernen Bauten mehr Stahl erwartet als in älteren“, so Fellner. Tatsächlich zeigte sich nach ersten Erhebungen kaum ein Unterschied: In den Deckenkonstruktionen von Gründerzeithäusern wurde weit mehr Stahl verbaut als gedacht. Die Forscher fanden „keinen signifikanten Unterschied zu modernen Gebäuden“.

Auch mit den Wiener Linien gibt es eine Kooperation: Hier geht es ebenfalls um Prognosen mit großer volkswirtschaftlicher Bedeutung. Denn was passiert mit Schienen, Straßenbahnen, Tunnels, Brücken oder Versorgungsleitungen, wenn sie erneuert werden müssen? Wie lässt sich das Material entsorgen, was lässt sich wiederverwerten? Die Wiener Linien betreiben ein großes Verkehrsnetz, das aktuell und künftig ständig erneuert wird.

Ressourcen lassen sich aber nicht nur aus Bauten zurückgewinnen, sondern auch aus den Filtern von Müllverbrennungsanlagen. Dort wird sehr feiner Staub abgetrennt, sogenannte Filterasche: Pro 1000 Kilogramm Müll zwar nur 20 bis 30 kg, aber die sind oft giftig und müssen aufwendig entsorgt werden. In Zementblöcke gegossen werden die Schadstoffe schadlos gemacht.

Die Forscher prüfen eine Alternative: ob sich hoch konzentrierte, aber wertvolle Metalle wie Blei oder Zink aus der Asche zurückgewinnen lassen. Erste Versuche im Labor stimmen optimistisch. „Wir wissen, es funktioniert, aber wir müssen prüfen, ob die Methode auch wirtschaftlich ist“, sagt Fellner. Denn nur dann findet sie auch Eingang in die Praxis. Und das ist das Ziel der Forscher. (gral)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2014)

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