¡Hasta la vista, Cuba!: Ein Nachruf

Cubans talk near a broken car in Havana
(c) REUTERS (ENRIQUE DE LA OSA)

Die Karibikinsel war bisher ein lebendes Museum für die 1950er-Jahre und für ein politisches System, das man im Rest der Welt bereits auf der ideologischen Müllhalde entsorgt hat. Und die USA drohen, all das zunichtezumachen.

Das war's dann wohl. McDonald's hat wahrscheinlich schon ein Schiff gechartert und vollgepackt mit tiefgefrorenen Pommes, Kartonbechern und der Kochanleitung, die sicherstellt, dass Burger, Pommes und Apfeltasche weltweit gleich schmecken; Starbucks hat sicher bereits fünf Mietverträge – mindestens! – in der Altstadt von Havanna abgeschlossen; Hilton beansprucht vielleicht das Habana Libre, dieses wunderbar veraltete Luxushotel, das bis 1960 das Havana Hilton war, und viele reiche Amerikaner werden jetzt die Villen am Meer auf jenen Grundstücken bauen, die sie sich schon vor Jahren über Strohmänner gesichert haben. Ja, das dürfte es gewesen sein: ¡Hasta la vista, Cuba!

Bisher war die Karibikinsel eine Art Disneyland ohne Disney. Ein lebendes Museum für die 1950er-Jahre und für ein politisches System, das man im Rest der Welt bereits vor vielen Jahren auf der ideologischen Müllhalde der Geschichte entsorgt hat. Deshalb haben viele Kuba geliebt: ein Land ohne Fast-Food-Ketten, ohne die gleichen, sterilen Hotelanlagen, die sich aufgesetzt um gemütliche Individualität bemühen, ohne klimatisierte Mercedes-Taxis und Eisgeschäfte von Häagen-Dazs.

 

Rundreise „authentisch im Oldtimer“

Die Vergangenheitsform passt schon, weil das Kuba von heute ohnehin nur noch ein Abklatsch von dem Kuba ist, das sich vor 20 Jahren erst langsam für westliche Touristen geöffnet hat. Heute sind die Neckermänner überall, und das Pauschalangebot inkludiert eine Zweitagesrundreise „stilgerecht und authentisch im Oldtimer“. Trotzdem sind alle glücklich, die Insel erlebt zu haben, solange Fidel Castro noch lebt, weil, wenn er tot ist, ja, dann werden die US-Amerikaner wieder einfallen und mit ihren Burgerbuden das Flair vernichten.

Der Máximo Líder musste nicht sterben, damit es so weit kommt. Das Bestreben Barack Obamas, als US-Präsident außenpolitisch irgendeine Fußnote zu hinterlassen, öffnet Kuba jetzt für amerikanische Firmen und, noch schlimmer, für amerikanische Touristen. Und viele in Europa stöhnen, weil die kapitalistische Dekadenz die „Authentizität der Insel“ zerstören wird, die man ja so liebt. Vielleicht wird es sogar wieder wie in den 1950er-Jahren, als amerikanische Gangster, geduldet und unterstützt von einem gekauften Diktator Fulgenico Batista, Kuba zu ihrem Bordell und ihrem Spielcasino machten.

Was Kuba für uns, die wir der immer ähnlicher werdenden Urlaubsziele müde sind, so reizvoll macht(e), ist der Mangel an allem Modernen in Kombination mit einer bewundernswerten Improvisationskunst der Einwohner. Da klopfte man beispielsweise in den 1990er-Jahren draußen in Playa de Guanabo in der Früh an irgendein Wohnhaus und fragte – in Ermangelung staatlicher Restaurants – um ein Abendessen, und ein paar Stunden später saß man in der Küche einer erfreuten Familie und bekam – immer – Langusten serviert, die der Hausherr schnell gefangen hatte. Nach ein paar Tagen hatte sich der Preis in der Ortschaft auf fünf US-Dollar eingependelt (niemand nahm Peso), inklusive einer Dose Budweiser, die die Familien, die sich darum rissen, Abendessen kochen zu dürfen, Gott weiß wo aufgetrieben hatten. Der Bus nach Havanna war ein Lkw-Anhänger mit festgeschraubten Sitzbänken, und statt einer Zigarette rauchte man eine Zigarre – eine Montecristo Nummer 1, nie die noble Cohiba, die damals ein österreichischer Fluglinienbesitzer kistenweise aus dem Land schmuggelte und die auch Gerhard Schröder rauchte, sogar bei Parteisitzungen der SPD!

Der Charme eines verfallenden Landes, der die Insel für Touristen „authentisch“ machte, war für die Einwohner nie sonderlich romantisch, bei falschen politischen Äußerungen sogar lebensgefährlich. Die Oldtimer aus den 1950er-Jahren wurden nur deshalb jahrzehntelang so liebevoll gepflegt, weil man keine neuen Autos importieren durfte. Und die krippenhafte Beleuchtung des Landes hat man der Energiesparverordnung zu verdanken.

 

Hemingways Kuba

Was wird von Kuba bleiben? Ernest Hemingway, der mehr als 20 Jahre auf der Insel gelebt und hier sein größtes Buch verfasst hatte („Der alte Mann und das Meer“), beschrieb 1949 für das „Holiday“-Magazin, was ihn an Kuba so faszinierte – die kühlen Morgen an schwülen Tagen, die Mauereidechsen, die 18 verschiedenen Mangoarten und vor allem ein Faktum: „Du musst hier die Schuhe nur anziehen, wenn du in die Stadt gehst.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2014)