Menschenhandel: Rumäniens verkaufte Juden

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(c) APA/EPA/ROBERT GHEMENT (ROBERT GHEMENT)

Vor 25 Jahren ist das kommunistische Regime in Bukarest mit dem Tod von Diktator Nicolae Ceauşescu zusammengebrochen. Die Minderheiten haben bis zuletzt für die dringend benötigten Devisen gesorgt.

Bukarest.Wer tatsächlich gehen will, braucht vor allem unendlich viel Zeit. Zahllose Stunden steht die Mutter am Küchenfenster, den Blick auf das Eingangstor fixiert. Dass sie weiß, für wen sie sich gedulden muss, ist ihr einziger Trost. „Es ist schon vielmehr, als die meisten haben“, redet sie sich ein. Nur, ob der Mann überhaupt irgendwann an die Tür klopft, kann auch sie nicht sagen. Darauf können Juden nur hoffen, in der rumänischen Hauptstadt, 1963.

Der Mann, auf den sie, Betty, ihr Mann Mauriciu, Sohn Emil und Tochter Carola, sehnsüchtig warten, kommt vom Geheimdienst Securitate. Ende der 1950er-Jahre hat die Familie einen Ausreiseantrag nach Israel gestellt. Wenn der Offizier im Hauseingang steht, dann wissen die Menschen, dass die Ausreise naht. Denn der Geheimdienst schickt seine Männer, um die freiwerdenden Häuser zu begutachten. Noch bevor die offiziellen Dokumente bei den Ausreisewilligen ankommen, beginnt die Securitate bereits den Besitz der Gehenden zu verwerten.

 

Verbindungen erhalten

280.000 rumänische Juden haben das Land nach dem zweiten Weltkrieg verlassen und sind nach Israel ausgewandert. Das kommunistische Regime hat sie an Jerusalem verkauft: Gegen Bohrgerät und Industrieanlagen, gegen Hühnerfarmen und Mastschweine. Nach der Machtergreifung von Nicolae Ceauşescu gegen Bargeld. Harte Währung für das wirtschaftlich darbende Land.

Emil Priefer mag seit 1964 in Haifa leben, ganz verlassen hat er Rumänien nie. Auf Facebook postet er täglich Bilder der früheren Heimat, weichgezeichnete Stadtansichten, Pferde im Schnee, Trachtentänze. Unmittelbar nach der Revolution 1989 hat er seine rumänische Staatsbürgerschaft zurückgefordert, die er bei der Ausreise in Rumänien lassen musste. Wenn sich Politiker in Rumänien Wahlen stellen, gibt Priefer seine Stimme ab. Rumänien ist sein liebstes Reiseziel. Gerade ist die Frau aus Bukarest zurückgekommen und hat ihm das typische Räucherfleisch Pastrama und rumänischen Käse mitgebracht. Der ältere Herr mit grauen Schläfen ist 15 Jahre alt, als der Nachbar und Securitate-Offizier fünf Jahre nach der Antragsstellung endlich vor der Türe steht. Ein Jahr später, im März1964, emigriert die Familie gemeinsam mit der Großmutter. Für die alte Frau, die in den 1950er-Jahren nach Israel ausgewandert war, der zweite Versuch. Beim letzten Mal hat sie das Heimweh zurück nach Rumänien gezogen.

Von den Machenschaften im Hintergrund haben die Priefers in diesen Tagen keine Ahnung. Weil das Regime sich mit der scheinbar humanitären Ausreise der Juden bei den Amerikanern einzuschmeicheln versucht, achtet der Geheimdienst beim Verkauf der Menschen auf Verschwiegenheit. Rumänien braucht Wirtschaftsbeziehungen zum Westen. „Für mich war es ein Abenteuer“, erzählt Priefer.

Ausgerechnet der sowjetische große Bruder bringt das junge rumänische Regime dazu, die eigenen Minderheiten zu versilbern. Die Sowjets haben ab 1944 die rumänischen Erdgasproduktionsanlagen abgebaut und diese gen Osten geschickt, wodurch die Gasproduktion eingebrochen ist. Die durch Krieg und Systemumstellung ohnehin gelähmte Wirtschaft kommt erst recht nicht auf die Beine. Die Versorgungslage gestaltet sich schlecht. Doch hungernde Menschen lassen sich nur unwillig von den Vorteilen des Sozialismus überzeugen. Rumänien hat zu dieser Zeit neben der Sowjetunion die größte jüdische Gemeinde in Europa. Der Terror des zweiten Weltkriegs hat von ursprünglich 759.000 Menschen noch 375.000 übrig gelassen. Bereits kurz nach dem Krieg sind Juden unkontrolliert ausgereist, je nach Stimmung der Obrigkeit. Bald jedoch erkennt das Regime deren wirtschaftliches Potenzial. Ende der 1940er-Jahre, schreibt der Historiker Radu Ioanid, tauscht Bukarest die erste Tranche Mensch gegen eine Schiffsladung voll Bohrgerät für die Erdgasindustrie. Später folgen landwirtschaftliche Maschinen und Lebendtiere.

 

Mastschweine gegen Menschen

Als die Priefers das Land verlassen, werden bevorzugt die für ihren Speck bekannten dänischen Landrasseschweine über die Grenze nach Rumänien gebracht, die ein Mittelsmann mit israelischen Geldern im Ausland einkauft und nach Rumänien einführt. Bald schon produziert Rumänien 50.000 Schweine pro Jahr, die vom Metzger veredelt den Weg nach Westen gehen. Rund zehn Millionen Dollar jährlich spülen solche Ausfuhren auf ein Sonderkonto des damaligen Machthabers Gheorghe Gheorghiu-Dej. Im Gegenzug darf ein vereinbartes Kontingent an Juden das Land verlassen. Gheorghiu-Dejs Nachfolger Nicolae Ceauşescu lässt sich die Menschen ab 1965 in Bargeld ablösen, das bei monatlichen Treffen von Mittelsmännern in den rumänischen Botschaften in Westeuropa die Seiten wechselt. Gleichzeitig steigen die rumänischen Exporte nach Israel, trotz der zweifelhaften Qualität der Erzeugnisse. Als dem Diktator die eigenen Juden und damit eine wesentliche Einnahmequelle auszugehen drohen, bietet er Israel an, künftig auch für den reibungslosen Transport der sowjetischen Juden zu sorgen. Diese nehmen, einmal am Knotenpunkt Wien angekommen, zu oft das Flugzeug in Richtung USA. Von Bukarest aus fliegen die Maschinen direkt nach Tel Aviv – die anderen Warschauer-Pakt-Staaten haben ihre offiziellen Beziehungen zu Israel nach dem Sechstagekrieg 1967 abgebrochen.

 

Israel braucht die Menschen

Auf der anderen Seite zeigt Israel früh Interesse, den Handel zu systematisieren. Der junge Staat, ständig in seiner Existenz bedroht, braucht die Menschen, die Rumänien zu geben bereit ist – auch wenn die rumänische Führung ab Mitte der 1960er harte Devisen verlangt. Man wird sich über die Kopfpreise einig. Akademiker kosten mit 6000 Dollar mehr als Unqualifizierte, Kinder gehen als Beifang gratis über die Grenze. Als der unablässige Austausch von Ausreisegenehmigungen und Dollarnoten mit der Revolution 1989 endet, haben die Kommunisten die rumänische jüdische Gemeinde auf 20.000 Mitglieder heruntergebracht.

Die rumänischen Kommunisten haben sich nicht nur an den Juden bedient, sondern auch die deutsche Minderheit feilgeboten. In diesem Fall der Bundesrepublik. 1997 hat sich Bukarest dafür entschuldigt. Für die jüdische Gemeinde, für 280.000 emigrierte Menschen, hat das offizielle Rumänien keine Worte gefunden. „Es wäre zumindest eine Geste“, sagt Emil Priefer leise. Groll hegt er keinen wegen der Sache mit der bezahlten Ausreise. Zu spät habe er davon erfahren. „Da waren wir längst in Israel verwurzelt“

Als Kind in Rumänien hat Priefer niemals das Grab seines Großvaters in Voineşti, im Osten des Landes, gesehen. Vor drei Jahren schreibt Priefer dem Rathaus in dem kleinen Ort und bittet um Hilfe. Er möchte den Großvater ausfindig machen. Innerhalb weniger Stunden erhält er eine Antwort. Er fährt nach Voineşti und findet, begleitet von einem Rathausangestellten, das Grab seines Großvaters, dessen Namen er trägt. Vor Kurzem hat ihn der Rathausangestellte in Haifa besucht.

DIE RUMÄNISCHE REVOLUTION

Verlauf. Die rumänische Revolution ist die blutigste des Wendejahres 1989. Heute geht man offiziell von 1166 Toten aus – die nicht nur in der Hauptstadt Bukarest gestorben sind. Den unmittelbaren Revolutionstagen rund um das Weihnachtsfest waren Proteste im Westen des Landes, in Timişoara, vorangegangen. Sie hatten sich an der Zwangsumsiedlung eines ungarischen Pfarrers entzündet. Am 21. Dezember wird Nicolae Ceauşescu bei einer eigentlich als Unterstützungsbeweis inszenierten Kundgebung in Bukarest ausgebuht, in Folge beginnen die Unruhen in der Hauptstadt. Am nächsten Tag müssen er und seine Frau Elena mit einem Hubschrauber fliehen. Sie werden in Târgovişte festgesetzt, wo sie am 25. Dezember in einem Schauprozess verurteilt und hingerichtet werden. Bis heute streiten die Rumänen, was die rumänische Revolution eigentlich war. Sie war wohl ein Putsch der zweiten Reihe der Partei, Volksaufstand und gezielte Provokation von Außen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2014)