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„Es wird jetzt schwieriger für Raúl und seine Regierung“

A bicycle is parked under pictures of Cuba´s former president Fidel Castro, Raul Castro, brother of Fidel and Cuba´s president, and revolutionary hero Ernesto ´Che´ Guevara in an office in Havana
(c) REUTERS (ENRIQUE DE LA OSA)

Kuba und die USA sind nicht mehr Feinde. Wer hat die Schlacht gewonnen? Wird nun alles gut? Drei Menschen sagen, was sie denken.

Am Tag nach der historischen Wende war in Kuba Funkstille. Der Staat lieferte keine Zeitungen aus. Die Menschen warteten morgens vergeblich vor den Zeitungskiosken. Niemand wusste, weshalb „Granma“ und „Juventud Rebelde“ nicht erschienen. Überlegten sie noch, was sie verschweigen sollten? Warteten sie auf ein Lebenszeichen und ein paar Zeilen von Fidel Castro? Weil er sich bis jetzt noch mit keinem Wort gemeldet und die entlassenen „Häftlinge des Imperiums“ willkommen geheißen hat, zirkulieren in Havanna wieder einmal Gerüchte, es gehe ihm sehr schlecht, ja, vielleicht sei er schon tot.

Zwei Tage danach war der Friedensschluss mit den USA bereits keine Schlagzeile mehr wert. Ausführlich berichteten die Blätter jedoch, wie mobilisierte Gruppen von Jungkommunisten und anderen Massenorganisationen die Befreiung der entlassenen Agenten feierten. „Granma“ fasste die internationalen Reaktionen zusammen, am ausführlichsten jene der kommunistischen Parteien in China und Vietnam.

Die Kubaner beschäftigt das Thema indessen weiter. Drei Stimmen aus Havanna:

Miguel Pérez, 70, Tischler: „Dieser 17. Dezember 2014 ist ein großer Tag für unsere Nation. Als überzeugter Revolutionär und Fidelista bin ich glücklich, denn es ist ein Triumph für Fidel, Raúl und unser Volk. Über 50 Jahre lang haben wir dem Druck und dem Embargo der USA standgehalten, zehn Präsidenten haben uns nicht in die Knie zwingen können. Jetzt musste Amerika auf- und Obama zugeben, dass sie total gescheitert sind mit ihrer unmenschlichen Politik gegen uns. Wenn dies kein Sieg ist für uns, was soll es denn sein? Es stimmt, uns geht es nicht nur schlecht wegen des US-Embargos, sondern auch, weil wir selbst viele Fehler gemacht haben. Aber wer ist schon fehlerlos? Kuba ist ein armes Land, doch hunderttausende Kubaner tun immer noch Gutes in anderen Ländern, denen es noch schlechter geht als uns. Ich war Ende der 1970er-Jahre drei Jahre im Irak und habe mit einer Brigade 1500 Wohnungen gebaut. Kein Land hat heute mehr Ärzte im Kampf gegen Ebola im Einsatz als wir. Was tun die Amerikaner? Sie schicken überall Militärs und Waffen hin. Die Amerikaner haben keine Freunde auf dieser Welt, sie haben nur Eigeninteressen und Geschäftspartner. Die USA sind ein reiches Land und richten überall viel Schaden an, wir sind arm und helfen, wo wir können.“

Miriam Celaya, 55, Dissidentin:
„Für mich als unabhängige Journalistin ist das natürlich ein Ereignis. Es ist ein großer Schritt von Obama und Raúl, und ich sehe ihn als große Chance für uns. Wir sollten diese nutzen. Oppositionelle und Exil-Kubaner, die nun lamentieren, Obama habe kapituliert, und dies sei ein Sieg für die Castros, verstehe ich nicht. Fidel hatte ja alles getan, um sich die USA als Feind zu erhalten. Die US-Politik und das Embargo lieferten ihm stets die besten Argumente, um die Schuld für die eigenen Fehler und die Misere hier auf das sogenannte böse Imperium abzuschieben. Die tolle Geschichte von David gegen Goliath können sie nun nicht mehr bringen. All ihre Argumente und Standardsätze der letzten fünf Jahrzehnte sind nun auf einen Schlag nichtig geworden. Deshalb wird es jetzt schwieriger für Raúl und seine Regierung – auch wenn er selbst den Frieden mit den USA anstrebte. Doch es ist richtig, und es war überfällig, diesen gordischen Knoten endlich zu durchschlagen. Ich bin tief bewegt und überzeugt, dass wir vor interessanten Zeiten stehen.“

M. Gímenez, 33, Maurer:
„Ich hoffe, dass die neue Situation Türen öffnet und sich unsere wirtschaftliche Situation verbessert. Und dass endlich alles normal wird für uns. Ich habe einen Bruder in den USA, den ich seit 18 Jahren nicht mehr gesehen haben. Es ist einfach nur traurig, dass die Menschen hier die Insel verlassen müssen, um ein besseres Leben zu haben. In den letzten Jahren ist es für mich als selbstständigen Maurer etwas besser geworden. Es gibt zwar viel mehr Arme in Kuba als früher, aber auch mehr Leute mit Geld, die ihr Haus oder ihre Wohnung renovieren. Unser Land ist eine Ruine, praktisch alles muss renoviert werden. Der Bau ist hart, und ich arbeite viel, doch das Material ist so teuer, dass letztlich der Lohn nie reicht. Ich habe zwei Kinder, eine Mutter und eine Tante, die ich unterstützen muss. Deshalb ist es für mich seit Jahren klar: Wenn ich die Möglichkeit habe, mit anderen auf einem einem Boot rüberzufahren, haue ich hier ab. Das Vorhaben gebe ich nicht auf, solange ich hier von meiner Arbeit nicht leben kann.“

www.siehe auch Seite 25

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2014)