The Colbert Report: Abtritt eines Groucho-Marxisten

COLBERT REPORT
COLBERT REPORT(c) APA/EPA/Andrew Harrer / POOL
  • Drucken

Nach neun Jahren ist die weltbeste satirische Nachrichtensendung zu Ende. Es bleibt die Einsicht, dass in Amerika Wirklichkeit und Parodie kaum zu trennen sind.

Ein ehemaliger republikanischer Gouverneur namens Bush bewirbt sich um das Präsidentenamt, im Fernsehen verteidigen Geheimdienstbeamte Foltermethoden im „Krieg gegen den Terror“, amerikanische Truppen sind auf dem Weg in den Irak: Wirklich viel scheint sich in den neun Jahren seit dem 17. Oktober 2005 nicht geändert zu haben, an dem der Komödiant Stephen Colbert erstmals als „Stephen Colbert“ seinen „Colbert Report“ moderierte.

Colberts Kunstfigur war die eines jener selbstverliebten und ignoranten Fernsehkommentatoren, denen der Sender Fox News seit den 1990er-Jahren eine reichweitenstarke Plattform zur Agitation gegen „die Linken“ und „das Establishment“ bietet. Man erinnere sich: Der weltanschauliche Graben zwischen konservativen und liberalen Amerikanern hatte sich nach der skandalumwitterten Wahl von George W. Bush im Jahr 2000, den Terroranschlägen vom 11.September 2001 und den beiden Kriegen in Afghanistan und im Irak so vertieft und erweitert, wie er zuletzt knapp vor Ausbruch des Bürgerkrieges 1860 gewesen war (das belegen auch Auswertungen des Abstimmungsverhaltens demokratischer und republikanischer Senatoren und Abgeordneter).

„Truthiness“ als Leitmotiv

Die vaterländische Gefühlserregung, mit denen Männer wie Bill O'Reilly oder Sean Hannity auf Fox News ihr gleichermaßen verängstigtes und dauerempörtes Publikum bedienten, boten Colbert reichhaltiges Material. In der ersten Sendung schon prägte er ein Wort, das als Etikett sowohl für seine Form der Satire als auch für das journalistische Ethos der Stars von Fox News taugt: „Truthiness“. Man kann das kaum, aber wenn, dann ungefähr mit „Wahrheiterltum“ übersetzen. Colbert meinte damit etwas, das zwar nicht stimmt, aber bestens in das eigene Weltbild passt. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich kein großer Freund von Enzyklopädien und Nachschlagewerken bin. Die sind elitär.“ Mit seinem spielerischen Umgang mit Wahrheit, Unwissen und Chauvinismus ließ er von Anfang an den großen Komiker Groucho Marx denken. „Ihr seid keine Country-Club-Eliten, denn ich weiß ganz sicher, dass mein Country Club Leute wie euch nicht reinlassen würde“, wandte sich Colbert an seine Zuseher: Das war angewandter Groucho-Marxismus in Reinkultur.

Schnell wurde der „Report“ zu einem Knüller, und Colbert machte sich eifrig daran, die Wand zwischen Wirklichkeit und seiner Parodie niederzureißen. 2006 nahm er Präsident George W. Bush beim jährlichen „White House Correspondents' Dinner“ so gelungen auf die Schaufel, dass sich das Weiße Haus bei Colberts Arbeitgeber, dem Kabelsender Comedy Central, beschwerte. Im Oktober 2010 versammelte sich eine Viertelmillion Menschen vor dem Kapitol in Washington, um an der „Rally to Restore Sanity and/or Fear“ teilzunehmen, bei der Colbert in einem Superheldenkostüm neben Jon Stewart von „The Daily Show“, auftrat. Im Jahr darauf offenbarte er die Absurdität der Finanzierung von US-Wahlkämpfen, indem er binnen kurzer Zeit mehr als eine Million Dollar für ein Super PAC sammelte, ein Political Action Committee, über das man ohne große Offenlegungspflichten Geld für Kampagnen sammeln kann.

Ein Prominentenchor zum Abschied

Nach 1447 Folgen hat Colbert in der Nacht auf Freitag auf dem Höhepunkt aufgehört. Von Randy Newman am Klavier begleitet, sang er mit einem rasch wachsenden Chor von Persönlichkeiten aus Showgeschäft, Politik und Journalismus „We'll Meet Again“: UN-Botschafterin Samantha Power wippte ebenso fröhlich im Takt wie Generalstabschef Jay Odierno, Henry Kissinger und die Popsänger Cyndi Lauper.

Im Mai tritt Colbert die Nachfolge von David Letterman in der „Late Show“ auf CBS an. „Stephen Colbert“ hat er Donnerstagnacht auf einem Schlitten mit dem Weihnachtsmann und Abraham Lincoln in die Ewigkeit geschickt. Er fehlt schon jetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.