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Unterhaltung mit Haltung: Udo Jürgens ist tot

KONZERT 'UDO JUeRGENS'
APA/BARBARA GINDL
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Bei einem Spaziergang ist der Sänger und Komponist plötzlich gestorben. Er hinterlässt große Lieder von „Immer wieder geht die Sonne auf“ über „Merci Cherie“ bis „Griechischer Wein“. Ein Nachruf.

"Mitten im Leben“ hieß die Tournee, die Udo Jürgens gerade erst triumphal absolvierte. Nun ist der Sänger und Komponist, dem niemand seine 80 Jahre angesehen hat, am Sonntagnachmittag plötzlich an Herzversagen gestorben: Er ist bei einem Spaziergang im Schweizer Gottlieben bewusstlos zusammengebrochen, trotz Wiederbelebungsmaßnahmen ist er nach der Überführung ins Krankenhaus in Münsterlingen (Kanton Thurgau) verstorben.

„Natürlich soll Kunst auch aufrütteln, aufzeigen und uns schmerzliche Dinge vor Augen führen, aber das kann nicht ihre einzige Aufgabe sein. Sie muss auch die Fähigkeit des Glücklichseins in uns verstärken“, meinte Udo Jürgens vor einigen Jahren im Gespräch mit der „Presse“. Künstlerischer Anspruch und Wille zur Unterhaltung waren kein Widerspruch bei ihm. Als kleiner Bub hat er hautnah mitbekommen, wie verheerend Krieg sich auch auf die Psyche der Überlebenden auswirkt. Er flüchtete in die Welt der Klänge, verlor sich am Klavier sinnierend ins Gestaltlose der Musik.

1934 als Udo Bockelmann in Klagenfurt geboren, wuchs er auf Schloss Ottmanach auf. In eine großbürgerliche Familie aus Bankiers und Politikern hineingeboren, war die spätere Entscheidung zugunsten der Unterhaltungsmusik geradezu ein Akt der Rebellion. Er studierte noch am Mozarteum in Salzburg, als er zu tingeln begann. Das Plattenlabel Polydor wurde auf den jungen Mann mit der klaren Stimme und dem hochmodischen Jazzfeeling in den Fingern aufmerksam. Als Udo Jürgens nahm er erste, harmlose Schlager auf.

Erster Erfolg: „Jenny, oh Jenny“

Das Repertoire kam von erfahrenen Schlagerkomponisten wie Werner Müller und Charly Niessen. Jürgens probierte sich im Heimweh/Fernweh-Segment. Titel wie „Zu Hause blüht jetzt der Flieder“ und „Es zieht ein Spielmann durch das Land“ zeigten einen Interpreten, der seinen genuinen Ausdruck noch nicht gefunden hatte. Im stillen Kämmerlein schärfte Jürgens aber bereits seine kompositorischen Krallen. Mit der schmachtend gesungenen Pianoballade „Jenny, oh Jenny“ fuhr er seinen ersten Erfolg ein. 1960 nahm die große britische Sängerin Shirley Bassey seine Komposition „Reach for the Stars“ auf. Als Jürgens diesen von seinem Verleger lancierten Coup zufällig im Radio einer Bar hörte, schlug sein Herz zum ersten Mal ganz hoch. Das Traumbild einer internationalen Karriere flackerte vor seinem inneren Auge auf. Die Zusammenarbeit mit dem Manager Hans R. Beierlein sollte ab 1963 den Weg davor ebnen.

Zum Businessplan gehörte zunächst, dass sich Jürgens beim Eurovision Song Contest vorstellte. Sein Lied „Warum nur, warum?“ erreichte zwar „nur“ den sechsten Rang, erwies sich aber bald als internationaler Tophit. Der Amerikaner Matt Monro verkaufte mit seiner englischen Version „Walk Away“ mehr als 1,5 Millionen Singles. Noch sensationeller war, dass Jürgens' deutsch gesungene Originalversion Platz eins in Frankreich erobern konnte. Ab da war alles möglich. Im deutschsprachigen Raum lancierte Jürgens eine Reihe von Hits, von „17 Jahr', blondes Haar“ bis „Merci Chérie“. Mit Letzterem gewann er 1966 bei seinem dritten Antreten den in Luxemburg abgehaltenen Song Contest. Jürgens-Lieder waren jetzt hip. Sogar Jazzgranden wie Sarah Vaughan, Sammy Davis Junior und Nancy Wilson sangen seine oft im nachdenklichen Duktus französischer Chansons gehaltenen Lieder. Seine ersten Alben auf Ariola „Was ich dir sagen will“ und „Mein Lied für dich“ zählen zum Schönsten, das in deutscher Sprache aufgenommen wurde. Es sind Lieder, in denen Melancholie und Zuversicht kein Widerspruch sind. Meisterhaft fixiert in „Immer wieder geht die Sonne auf“ und „Was ich dir sagen will, sagt mein Klavier“.

Bis zuletzt in den Charts

Bald verließ sich Jürgens mehr und mehr auf andere Texter. Meist gab er ihnen die Themen vor. In den Sechzigerjahren legten ihm Joachim Fuchsberger und Thomas Hörbiger sensible Texte in den Mund, später reimten ihm Michael Kunze und Wolfgang Hofer gesellschaftskritische Lyrics. Der Vollblutmusiker, den auch die Kollegen Friedrich Gulda und Josef Zawinul sehr schätzten, wollte nie im Schlager versumpfen. „Das Wort ,Haltung‘ steckt ja schon in ,Unterhaltung‘“, so pflegte er seinen kritischen Zugang zum Genre zu beschreiben. In den Siebzigerjahren sang er mit „Ein ehrenwertes Haus“ gegen Spießbürgerlichkeit an, behandelte mit seinem Hit „Griechischer Wein“ das stille Leid der Gastarbeiter. Selbst das satirische „Aber bitte mit Sahne“ eroberte die Hitparade.

 Bis zuletzt war Jürgens Stammgast in den Charts. Heuer im Februar veröffentlichte er noch das Album „Mitten im Leben“. Zum 80. Geburtstag feierte ihn das deutsche Fernsehen mit einer Gala, bei der ihn so unterschiedliche junge Kollegen wie Helene Fischer und La Brass Banda mit beherzten Versionen seiner Lieder würdigten. Udo Jürgens wirkte da schon etwas müde. Er ging dennoch wieder auf Tournee. Wie er noch im Dezember auf der Bühne der Wiener Stadthalle tänzelte, in dunklem Anzug mit rotem Stecktuch, war ein trotziger Hinweis, dass er glanzvolleren Epochen entstammte.

Udo Jürgens zeigte der biederen deutschen Unterhaltungswelt, was es heißt, wenn einer Glamour, Intelligenz und Mitgefühl in seine Kunst einbindet. Für den großen Udo geht die Sonne leider nie mehr auf. Uns bleibt nur mehr leise Trauer.