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Tsunami-Überlebende erzählen: „Natürlich konnten wir nicht davonlaufen“

Diese verzweifelte indische Frau trauert um eine Verwandte, die vom Tsunami am 26. Dezember 2004 getötet wurde.
Diese verzweifelte indische Frau trauert um eine Verwandte, die vom Tsunami am 26. Dezember 2004 getötet wurde.(c) Arko Datta / Reuters
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Am 26. Dezember 2004 bebte unter dem Indischen Ozean die Erde. Kurze Zeit später überrollte ein Tsunami die Küsten Südasiens. Zwei Österreicherinnen berichten von den Tagen damals in Thailand.

"Das Wasser war ganz plötzlich zurückgegangen. Wie bei Ebbe, nur viel weiter zurück. Es hatte eine richtige Sogwirkung auf die Leute um mich. Menschen, die vorher am Strand gewesen sind, sind dem Wasser nachgegangen und haben angefangen, Muscheln zu suchen.“ Es ist der 26. Dezember 2004: Für die Wienerin Nicole Adler ist es der fünfte Urlaubstag am Strand von Khao Lak, einem thailändischen Urlaubsparadies im Indischen Ozean. Weil ihre Freundin Nana de Bary sich auf dem Flug aus Wien verkühlt hat und krank im Bett liegt, entscheidet sich Adler zu einem morgendlichen Strandspaziergang. „Ich weiß, dass der Strand sehr leer war. Der Mond war noch sichtbar und es war beinahe lautlos, ich sah oder hörte auch keine Tiere. Im Nachhinein könnte man sagen, dass die Stimmung verändert war“, erzählt die Autorin. Fasziniert von dem „einzigartigen Naturschauspiel“ bleibt sie am Strand und beobachtet die Menschen, sieht eine flache Schaumkrone am Horizont, bemerkt langsam eine gewisse Unruhe um sich.

Dann geht alles schnell: „Plötzlich kam meine kranke Freundin auf mich zugelaufen, packte mich am Arm und schrie ,wir müssen hier sofort weg!‘ Instinktiv spürte sie die Gefahr.“ In der Sekunde dreht sich Adler um und sieht alle Menschen rennen und die Welle, die sich hinter ihnen auftürmt. „Natürlich konnten wir nicht davonlaufen. Damit uns die Welle nicht voll erwischt, haben wir uns hinter einem Bungalow gegen die Wand gepresst. Aber das Wasser hat uns trotzdem mitgerissen.“

Plötzlich bricht Panik aus

Es war als „letzte richtige Familienreise“ vor dem Ende der Schulzeit geplant, als Sophie Haslinger mit ihrem 18-jährigen Zwillingsbruder und ihren Eltern im Maturajahr die Weihnachtsferien auf der Urlaubsinsel Koh Phi Phi in Thailand verbringt. „Am 26. Dezember waren wir für Urlaubsverhältnisse relativ früh frühstücken, ich denke, das war nur bis zehn Uhr möglich. Aus heutiger Sicht war es ein großes Glück, sonst hätten wir vielleicht noch geschlafen und die Welle nicht mitbekommen“, erzählt die heute 28-jährige Kuratorin.

Sophie Haslinger studierte an der Universität Wien und der University of Sydney Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaften. Derzeit ist sie Kuratorin der Ostlicht-Galerie für Fotografie in der Brotfabrik Wien. Über Weihnachten 2004 war die heute 28-Jährige auf die Koh-Phi-Phi-Inseln in Thailand gereist.(c) Peter Jakadofsky

Nach dem Frühstück kehrt die Familie zu ihren zwei Strandbungalows zurück, packt die Badesachen, ihr Bruder legt sich noch einmal ins Bett. „Aus dem Fenster sah ich, dass Leute vorbeirennen, aber es hat nicht nach Sport ausgesehen. Ich ging hinaus, und auch meine Eltern wunderten sich, was los ist.“ Plötzlich bricht Panik aus, Haslinger schnappt ihren Bruder und zu viert rennen sie den Leuten hinterher, ohne zu wissen, wieso und wohin. Die Masse steuert auf ein Haus zu, als plötzlich das Wasser unter den Füßen immer mehr wird. Am Anfang wirkt es noch nicht bedrohlich, doch dann steigt es rasant an.
„Ich habe es irgendwie geschafft, dass ich auf die Stiege dieses Hauses geklettert bin und mich am Geländer auf den Balkon gezogen habe. Doch hinter mir war niemand mehr. Meine Eltern und mein Bruder waren weggespült und ich hatte nur noch das Bild vor Augen, dass ich in Wien allein aus dem Flugzeug aussteigen werde.“

Unter Wasser, ohne Orientierung

Mit zitternder Stimmer erzählt Adler weiter: „Das Wasser spülte uns unter einen offenen Bungalow, doch irgendwann war da kein Platz mehr zum Atmen. Ohne Orientierung und verheddert in einem Stromkabel dachte ich: ,Das war's jetzt.‘“ Doch ihre Freundin lässt sie nicht los, hilft ihr aus der Kabelschlinge und zieht sie hinauf auf das Strohdach des Bungalows. Dieses hat sich gelöst und schwimmt auf der riesigen Welle mit, die durch den Sog jetzt wieder hinaus aufs Meer steuert. Zu zweit springen sie von einem Dach aufs nächste, bis sie auf einem fixen Dach landen und warten, bis das Wasser zurückgegangen ist. „In einem Baumwipfel schrie eine Frau, die es raufgespült hatte. Um uns herum war nur mehr Schlamm und mein erster Gedanke war: Alle Leute, die da vorher waren, die waren nicht mehr. Begraben unter dem Schlamm.“

Nicole Adler ist Autorin, Modejournalistin und Herausgeberin der City-Guide-Reihe „for Women only“. Von 1998 bis 2005 war sie Modechefin des Magazins „Diva“, anschließend leitete sie sechs Jahre lang die Moderedaktion des „Kurier“. Adler urlaubte zu der Zeit des Tsunamis mit einer Freundin in einem Strandhotel im thailändischen Khao Lak.(c) Tina Herzl

Etwas später kämpfen sich die beiden Frauen durch den Schlamm auf sicheren Boden und wandern durch den Dschungel mit einer Handvoll Überlebender ins Hinterland, bis sie von einem Truck zu einem Auffanglager mitgenommen werden. „Am Straßenrand saßen Eltern, die ihr Baby, Männer, die ihre Frauen verloren hatten, und so viele Schwerverletzte. Es war furchtbar“, sagt sie und schluckt. Drei Tage lang kämpfen sie sich Richtung Phuket durch, schlafen bei einer thailändischen Familie auf dem Boden und können mit einem geliehenen Handy ihre Familie in Wien anrufen. Adler und ihre Freundin hatten großes Glück, das wird ihnen erst jetzt bewusst. Nach drei Tagen fliegen sie mit dem ersten Flugzeug von Phuket nach Wien.

Warten auf Hilfe

Auch Haslingers Familie überlebt. Nachdem die damals 18-Jährige auf das Dach des Hauses geklettert ist, hält sie Ausschau nach ihren Eltern und ihrem Bruder. „Papa und Mama konnten sich auf einen Mauervorsprung im dritten Stock eines großen Hotels retten. Mein Bruder wurde neben mir auf das Dach gezogen, er hat ein Baby gerettet“, erzählt sie. Nachdem das Wasser fast zurückgegangen ist, kämpfen sich die Zwillinge zu ihren Eltern durch und verbringen zu viert auf dem Flachdach des „eigentlich hässlichen Betonblockhotels“ mit anderen Überlebenden den restlichen Tag und die Nacht.
„Überall war Chaos, Verletzte, Blut. Auch mein Vater hat sich am kleinen Finger verletzt und wurde notdürftig verarztet. Die Nacht war besonders schlimm für mich. Ich konnte nur auf das dunkle Meer schauen und hatte Angst, dass noch eine Welle kommt“, schildert Haslinger.

Die Leute haben sich vor Ort schnell selbst organisiert: Es wurde ein Hubschrauber-Landeplatz eingerichtet, eine Reihenfolge für den Abtransport festgelegt, auf der Suche nach Wasser und Essen wurden Geschäfte und Hotelzimmer durchsucht. Am nächsten Tag kann Familie Haslinger mit einem Boot mit nach Krabi fahren. In einem Hotel sehen sie im Fernsehen das erste Mal, was wirklich passiert ist: „Es war ein Schock für uns. Und wir realisierten, welch enormes Glück wir hatten.“ Am nächsten Tag ging es für die Familie zurück nach Wien.

Zweiter Geburtstag

Die Flutwelle im Indischen Ozean, ausgelöst durch ein heftiges Seebeben vor Sumatra, riss am 26. Dezember 2004 über 250.000 Menschen in den Tod. Mehr als 80 Österreicher starben auf Phuket, Khao Lak und den Phi-Phi-Inseln. Insgesamt kamen in Thailand mehr als 8000 Menschen ums Leben. Im heurigen Jahr jährt sich die Naturkatastrophe zum zehnten Mal. Doch für Familie Haslinger wird der Stefanitag wie jedes Jahr begangen – im Kreise der Verwandten im Waldviertel. „Wir haben kein bestimmtes Ritual, aber es ist unser zweiter Geburtstag als Familie“, so die Kuratorin. Durch lange Gespräche zu viert konnte die 28-Jährige das Erlebte verarbeiten, obwohl sie lange Zeit Albträume verfolgten. Durch das Lernen für die Matura fand sie jedoch recht schnell wieder in den Alltag zurück. „Ich war auch zwei Jahre später wieder in Thailand, aber an der anderen Küste, und ich konnte nicht direkt am Strand wohnen. Doch ich liebe das Meer und bin froh, dass das noch immer so ist.“

Für Nicole Adler ist der 26. Dezember ein „Markstein“ in ihrem Leben, an dem sie froh ist, noch zu leben. Nach ihrer Rückkehr in Wien brauchte sie fast drei Monate, um nach dem Schock wieder zu Kräften zu kommen. „Ich hatte im Nachhinein wahnsinnige Schuldgefühle, dass ich in dieser Situation niemandem helfen konnte, dass ich die Dankbarkeit über mein Überleben nicht in etwas Produktives vor Ort umgesetzt habe. Trotz dieses Schocks wäre ich lieber noch dort geblieben und hätte geholfen. Ich glaube, das wäre sehr heilsam gewesen.“ Nach Thailand möchte die Autorin vorerst nicht mehr reisen.

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