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Weihnachtsfrieden überall? Vom Glück, in Wien zu leben

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Wer wüsste nicht, Beispiele zu nennen für urbane Misshelligkeiten aller Art. Andererseits: Kann denn eine Stadt überhaupt so hässlich sein, wie wir uns Wien manchmal reden?

Leserin A. weist darauf hin, „dass touristische Hotspots wie die Secession gärtnerisch vernachlässigt werden“. Leser B. beklagt die Zerstörung der Schrebergärten durch die Schrebergärtner selbst, „die mit ihren Villen, mit Terrassen und Swimmingpools das letzte Grün verdrängen“. Leserin C. hält die Verbauung des Steinhofgeländes für eine „große Sauerei“. Leser D. wiederum rügt mich, ich hätte in meinem Kahlenberg-Stadtbild von vergangener Woche zu erwähnen vergessen, „dass auch die Wiener Linien den Kahlenberg ziemlich ignorieren“. Und so fort Leserin für Leser das ganze Alphabet entlang bis Z. und weit über 26 Buchstaben hinaus.

Weihnachtsfrieden überall? Zugegeben, wer wüsste nicht Beispiele zu nennen für urbane Misshelligkeiten aller Art: Vernachlässigtes und Vernichtetes, Verplantes und Verpfuschtes. Andererseits: Kann denn eine Stadt überhaupt so hässlich sein, wie wir uns Wien manchmal reden?

Ein Sonntag in diesem Advent, später Nachmittag: Zwei Freunde aus England haben für ein paar Tage Quartier bei uns genommen, meine Frau kehrt von einem Wien-Rundgang mit unseren Gästen zurück. Und noch ehe sie aus ihren Schuhen geschlüpft ist, sagt sie zu mir: „Es ist doch wunderbar, in einer so schönen Stadt zu leben.“ Ganz schlicht, nur so. Ja, es ist wunderbar. Ja, sie ist tatsächlich schön, diese Stadt. Und das hat nichts mit vorweihnachtlicher Sinnestrübung meinerseits zu tun. Doch genau diese Schönheit ist es, die das Vernachlässigte und das Vernichtete, das Verplante und das Verpfuschte umso besser sichtbar und umso ärgerlicher macht.

Es ist ein Ärger, den wir nicht still hinnehmen dürfen, wollen wir, dass das Glück, in Wien zu leben, auch morgen noch ein Glück ist. Schade wäre nur, wenn wir über dem Ärger dieses Glück, das es noch allemal ist, aus den Augen verlören. Genießen wir Wien! Freuen wir uns einfach, hier zu sein. Wenigstens ab und zu. Dass Wien nicht die beste aller denkbaren urbanen Welten ist: keine Frage. Aber fallen Ihnen auf die Schnelle so viele bessere ein?

E-Mails an:wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2014)