Bei australischen Prachtfinken entscheidet der Anblick des Partners, was in die Eier gelegt wird.
Können werdende Eltern das Geschlecht ihres künftigen Nachwuchses bestimmen? Bei manchen Tieren – vielen Eidechsen etwa – geht das, ein Stück weit: Bei ihnen entscheidet die Umwelt, Wärme und Licht vor allem, ob Weibchen oder Männchen aus den Eiern schlüpfen. Die Mütter bestimmen also durch die Wahl des Eiablageplatzes mit, das ist natürlich auch eine Wette auf das Wetter der kommenden Tage.
Andere haben diese Chance nicht, bei ihnen bestimmen Gene bzw. Chromosomen das Geschlecht des Nachwuchses, das ist bei Säugetieren so, bei Vögeln auch (nur haben bei ihnen die Weibchen zwei verschiedene Sex-Chromosomen, bei den Säugern sind es die Männchen). Und dass künftige Eltern auf die Mischung ihrer Gene bei der Befruchtung der Eizelle einen Einfluss haben, konnte man sich lange nicht vorstellen: Die schlichte Wahrscheinlichkeit sollte für ein Geschlechtsverhältnis des Nachwuchses von 50 zu 50 sorgen.
Aber sie tut es nicht, man hat es an vielen Tieren bemerkt, auch an Menschen: Für gewöhnlich kommen auf 100 Mädchen 103 bis 107 Burschen, es ist überall und fast immer so. Aber nur fast: Wenn Schwangere unter Stress geraten, in Hungerszeiten etwa, gebären sie weniger Söhne und mehr Töchter.
Von anderen Säugern kennt man das auch, man versucht es mit der „life-history theory“ zu erklären. In der geht es immer um die Kindeskinder: Jede werdende Mutter will demnach möglichst viele Enkel, und dafür können Söhne eher sorgen als Töchter, aber nur, wenn die Söhne kräftig sind. In Stresszeiten können Embryos nicht zu Kräften kommen, deshalb wird dann auf Mädchen umgestellt (vermutlich durch Abgänge des „falschen“ Geschlechts).
Falsche Farbe, großes Sterben
Das ist die Theorie, in der Empirie hat sie nicht viel Bestätigung. Aber nun kommen Tiere, die zeigen, dass Mütter wirklich das Geschlecht der Jungen bestimmen können: Gouldamadinen, australische Prachtfinken. Sie gibt es in zwei Kopffarben, 70 Prozent sind schwarz, 30 rot. Sie können sich miteinander reproduzieren, aber guten Erfolg bringt das nur, wenn Weibchen und Männchen die gleiche Farbe haben. Ungleiche Farben ergeben enorme Ausfälle: 40 Prozent der männlichen Jungen sterben im Ei, bei den weiblichen sind es gar 83 Prozent.
Das ist Sarah Pryke (Sydney) früher schon aufgefallen, sie hat es jetzt bestätigt, hat etwa rote Weibchen mit schwarzen Männchen verheiratet. Dann kam der zweite Schritt des Experiments: Diesmal wurden rote (oder schwarze) Weibchen mit Männchen verheiratet, deren Kopfgefieder die Forscherin umgefärbt hatte: Bekam etwa ein rotes Weibchen einen eigentlich passenden roten Partner, der aber schwarz gefärbt worden war, wurden 82 Prozent der Jungen – männlich. Die Weibchen entschieden nur nach dem Auge, und sie entschieden offenbar in einer zweistufigen Schadensvermeidungsstrategie: Sie entschieden sich für männliche Junge, weil – beim falschen Partner – deren Sterberaten im Ei geringer sind. Aber sie legten auch weniger und kleinere Eier und versorgten dann die Brut schlechter, offenbar um Energie für die nächste Gelegenheit – ein passendes Männchen – zu sparen (Science, 323, S.1605).
Letzteres kann man irgendwie nachvollziehen, aber wie bestimmen die Weibchen das Geschlecht? „Unglücklicherweise wissen wir es nicht“, berichtet Pryke der „Presse“: „Aber das Großartige an unserem Fund ist, dass wir nun mit den Finken ein System haben, an dem wir es herausfinden können.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2009)