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Was wurde aus der Staatsoper ohne "General"?

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Franz Welser-Möst legte sein Amt zurück. Der laufende Spielbetrieb im Haus am Ring sichert Wien jedoch dank exquisiter Sängerbesetzungen und eines schlagkräftigen Ensembles seinen internationalen Spitzenrang. Eine Krise ist nicht in Sicht.

Über Nacht kam der Wiener Staatsoper im September ihr Generalmusikdirektor abhanden. Für Franz Welser-Möst war der Posten geschaffen worden, als er 2010 an der Seite von Dominique Meyer in die Führungsetage des Hauses einzog. Nach vier erfolgreichen Jahren beschied der Dirigent im September 2014, ab sofort nicht mehr zur Verfügung stehen zu wollen.

Der Schock saß tief. Doch Meyer reagierte – wohl auch angesichts der spontanen Solidaritätserklärung des Staatsopernorchesters – besonnen. Wenige Wochen später war klar: Welser-Mösts aktuelle Termine können mit namhaften und/oder talentierten jungen Kapellmeistern nachbesetzt werden. Mikko Franck, der schon im Vorjahr kurzfristig Wagners „Lohengrin“ übernommen hat, wird sogar beide geplanten Richard-Strauss-Premieren leiten, „Elektra“ – mit dem Rollendebüt Nina Stemmes (29.März) – und das Ballett „Josephs Legende“ (3.Februar).

Myung Whun Chung übernahm Verdi im November und Dezember – und bewies dieser Tage Nervenstärke, als Simon Keenlyside im zweiten „Rigoletto“-Finale wegen einer Indisposition die Bühne verließ.

Von Kennern sehr geschätzt wurde der Ersatz-Maestro für die Otto-Schenk-Produktion von Leoš Janáčeks „Schlauem Füchslein“: Der junge Tscheche Tomas Netopil nutzte seine Chance. Er hatte wenige Wochen vorher mit Dvořáks „Rusalka“ debütiert und dabei glänzend reüssiert.

 

Ensemblepflege anno 2014

Anlässlich der „Rusalka“-Vorstellungen zeigte sich im Übrigen, dass der Ensemble-Gedanke offenbar gepflegt wird: Kristin Opolais sagte kurzfristig ab und wurde durch die seit 2012 engagierte Ukrainerin Olga Bezsmertna ersetzt, die an der Seite des Prinzen (Piotr Beczala) gute Figur machte. Bezsmertna ist auch Teil jener jungen Sängerriege, mit der man an der Staatsoper versucht, die in den vergangenen Jahrzehnten völlig verlorene Mozart-Spieltradition wieder aufzunehmen.

Was das betrifft, hatte man an Welser-Möst große Hoffnungen geknüpft, doch gab der nach zwei Premieren den Mozart-Stab ab – nicht nur in Wien; auch in Salzburg stieg Welser-Möst aus einem groß angekündigten Projekt mit allen drei Da-Ponte-Opern (das wäre eine Salzburger Premiere gewesen!) aus, nachdem der Programmprospekt bereits veröffentlicht war...

Mit wechselnden Dirigenten gelang an der Staatsoper im vergangenen Frühjahr der Da-Ponte-Dreisprung: „Figaro“, „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ standen alternierend auf dem Spielplan. Das war seit Einführung des zu Beginn so unschön Blocksystem genannten Spielbetriebs nie gelungen.

Auch größere Aufgaben wie die Neueinstudierung von „Chowanschtschina“ gelingen mittlerweile über weite Strecken unter Einbindung von Sängern, die durch Ensemble- bzw. Residenzverträge ans Haus gebunden sind. In der von Semyon Bychkov geleiteten Mussorgsky-Premiere begegneten etwa Ain Anger oder Elena Maximova Gaststar Ferruccio Furlanetto auf Augenhöhe.

Dass szenische Aspekte von Neuinszenierungen so gut wie stets auf widersprüchliche Resonanz stoßen, war übrigens an „Chowanschtschina“ so gut zu studieren wie zuvor an „Idomeneo“ und soeben am neuen „Rigoletto“. Ob ein Opernhaus „funktioniert“ oder nicht, lässt sich an Premierenreaktionen freilich nicht ablesen. Was das Publikum mag – etwa Schenks märchenhaftes „Füchslein“ – stößt bei Feuilletonisten oft auf hämische Resonanz.

Ganz offenkundig berücksichtigt die Direktion jedoch den für die Staatsoper existenziellen Faktor der Repertoire-Tauglichkeit neuer Produktionen. Was dabei herauskommt, wenn ein Intendant nach dem Wohlwollen des deutschen Feuilletons schielt, hat Wien spätestens erkannt, als Dominique Meyers Vorgänger den nagelneuen Verdi-„Macbeth“ noch in der Premierenspielzeit aus dem Spielplan nehmen musste.

 

Die Qualität des täglichen Repertoires

Viel wichtiger als das notorische Für und Wider nach Premieren ist für die Bewertung der Leistungsfähigkeit eines Opernhauses freilich die Qualität des täglichen Spielbetriebes. In diesem Sinn ist wohl auch die rasche Beruhigung der Wellen nach dem Rücktritt des Generalmusikdirektors erklärlich. Zwar hat Welser-Möst mehr als 30 Dirigate zurückgelegt. Doch spielt die Staatsoper fast zehnmal so viele Vorstellungen und steht im Hinblick auf die Breite des gebotenen Repertoires heute anerkanntermaßen einzigartig da. Wer zum Jahresrückblick die Vorstellungen Revue passieren lässt, die seit Beginn der GMD-losen Saison zu erleben waren, wird erkennen, dass Wien seine führende Position im internationalen Vergleich nicht nur halten, vielleicht sogar ausbauen konnte.

Gewiss muss, wer an beinah 300 Abenden den Vorhang aufgehen lässt, des Öfteren mit Wasser kochen. Wenn aber Herbert von Karajan nach seinem Abgang (1964) meinte, auch in seiner Staatsopern-Ära seien neben echten Höhenflügen und gutem Durchschnitt wenigsten 100 „unerträgliche“ Vorstellungen „passiert“, dann trifft das – selbst wenn man die rhetorische Übertreibung der Aussage in Rechnung stellt – für die gegenwärtige Situation nicht mehr zu.

 

Apropos internationaler Stellenwert

Selbst eine unvollständige Auflistung der Starauftritte, die die Chronik seit Anfang September verzeichnet, liest sich erstaunlich: Auf das viel beachtete Debüt Bryn Terfels als „fliegendem Holländer“ folgten Schlag auf Schlag Gastspiele von Stars wie Nina Stemme und José Cura („Fanciulla“)Patricia Petibon („Manon“), Juan Diego Floréz („Liebestrank“), Roberto Alagna („Don Carlos“).

Im Oktober gab sich Edita Gruberova wieder die Ehre; und den Ausklang des Richard-Strauss-Jahrs zelebrierte man unter anderem mit Aufführungsserien von „Ariadne auf Naxos“ und „Rosenkavalier“, wobei bei jeweils erlesenen Sängerbesetzungen die Generalmusikdirektoren aus Dresden und München, Christian Thielemann und Kirill Petrenko auch orchestral für festspielwürdige Leistungen sorgten.

Was die Anwesenheit berühmter Dirigenten betrifft – immer ein Desideratum des Wiener Publikums, wobei sich die Maestri nur sehr wohldosiert blicken ließen – wartet die Saison nach Thielemann, Petrenko oder Bychkov noch mit Simon Rattle für zwei „Ring“-Zyklen im Frühjahr auf. Im Übrigen am Pult: Opern-Profis von Simone Young und Peter Schneider bis Jesus Lopez-Cobos – und hoffnungsvoller Nachwuchs zwischen Alain Altinoglu und Sascha Goetzel.

Ob Kommentatoren, die den internationalen Stellenwert der Staatsoper schwinden sehen, beim Studium der Spielpläne viele Häuser mit vergleichbar reichem Repertoire und vergleichbaren Besetzungen ausfindig machen können?

ERSATZ FÜR DEN GMD

Myung-Whun Chung übernahm die Einstudierung von Verdis „Rigoletto“: noch am 30. Dezember und 2. Jänner sowie fünfmal ab 17. Juni zu sehen.

Mikko Franck dirigiert die Richard-Strauss-Ballette „Verklungene Feste“ und „Josephs Legende“ (3. Februar) sowie dessen „Elektra“ (29. März).

Michael Boder leitet Paul Hindemiths „Cardilac“, dem einst die Antrittspremiere Franz Welser-Möst als Generalmusikdirektor galt (22. Juni).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2014)