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Berlins Flughafen: Das Jahr der Bruchpiloten

(c) imago/Florian Schuh
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Der BER forderte 2014 prominente Opfer: erst den korrupten Cheftechniker und einen Hochstapler als Planer. Dann Bürgermeister Wowereit. Und zuletzt Firmenchef Mehdorn. Nun steht die Chaosbaustelle ohne Führung da.

Wien/Berlin. Sigmar Gabriel hat es auf den Punkt gebracht. Der deutsche Vizekanzler zeigte sich Mitte Dezember zwar ähnlich überrascht wie viele andere, als die umstrittene Managerlegende Hartmut Mehdorn den Rücktritt als Chef des geplanten Großflughafens Berlin-Brandenburg (BER) ankündigte. Doch fügte er hinzu: „Beim Berliner Flughafen darf eigentlich nichts mehr überraschen.“

Damit spricht er den Deutschen aus der Seele. Sie sind durch die Flut an Hiobsbotschaften abgestumpft: ein Prestigeprojekt, das wegen haarsträubender Fehlplanungen beim Brandschutz erst mit mindestens sechs Jahren Verzögerung starten kann – zu einem Zeitpunkt, zu dem es längst viel zu klein sein wird. Kosten, die sich zumindest verdoppeln (auf 5,4 Mrd. Euro), aber wohl deutlich höher liegen werden. Plausible Gerüchte, die Situation sei so verfahren, dass Politiker einen Neubau an anderer Stelle als einzige Lösung sehen. Und nun ist die endlose Baustelle auch noch kopflos. Der neue Großstadtflughafen sollte eigentlich schon 2011 den schwer überlasteten Standort Tegel ablösen. Das Jahr 2014 war vor allem von spektakulären Personalien geprägt. Anfang Juni musste die Flughafengesellschaft den frisch gekürten Technikchef Jochen Großmann wegen versuchten Betrugs und Bestechung feuern.

 

Streit mit dem Aufsichtsrat

Es kam noch peinlicher: Der Planer der fluchbeladenen Brandschutzanlage entpuppte sich als Hochstapler, der sich fälschlicherweise als Ingenieur ausgegeben hatte.

Die Berliner leiden schon lange darunter, dass die Chaosbaustelle auf das Image ihrer Stadt abfärbt. Die Hauptschuld geben sie ihrem Langzeitbürgermeister Klaus Wowereit, nebenbei – mit kurzer Unterbrechung – auch Vorsitzender des Aufsichtsrates des Flughafens. Die Umfragewerte des früher so beliebten SPD-Politikers waren zudem derart in den Keller gefallen, dass an eine Wiederwahl 2016 kaum noch zu denken war. Deshalb kündigte Wowereit im August seinen freiwilligen Rückzug per 11. Dezember an. Mit seinem Ausstieg ist aber auch der Posten des obersten Aufsehers für das Flughafenprojekt vakant. Bis dato ist er nicht nachbesetzt.

Mehdorn ist als Chef auf Abruf zwar vorerst weiter im Amt, will aber „spätestens“ Ende Juni sein Büro räumen. Was aber hat seinen Rücktritt provoziert? Der 72-Jährige, der sich schon bei der Deutschen Bahn und bei Air Berlin den Ruf eines ruppigen Gesellen erworben hatte, legte sich beim Flughafen vor allem mit dem Aufsichtsrat an. Als dieser ihm externe Kontrolleure ins Haus schicken wollte, schrieb Mehdorn einen zornigen Brief ans Verkehrsministerium (die Flughafengesellschaft gehört zu je einem Drittel Bund, Berlin und Brandenburg). Darin beklagte er sich über „Inquisition“ und „Misstrauenskultur“. Keine Unterlage dürfe das Haus verlassen, solange es keinen förmlichen Beschluss gebe. Das ärgerte wiederum die Kontrollorgane so sehr, dass sie sich nach einem Nachfolger für Mehdorn umsahen.

 

Neuer Eröffnungstermin: 2017

Die vertraulichen Gespräche wurden publik und daraufhin gestoppt. Verkehrsstaatssekretär Bomba versicherte: „Herr Mehdorn genießt unser Vertrauen, bis irgendetwas anderes entschieden wird.“ Angesichts einer so halbherzigen Rückendeckung war dem Profi klar, dass seine Tage gezählt waren. Um sich einen würdigen Abgang zu sichern, erklärte er dem Aufsichtsrat drei Tage vor dem Rücktritt seine Erfolge: Die Baustelle sei geordnet und die technischen Kernfragen entschieden. Das ermutigte das Gremium, sich mit einem neuen Eröffnungstermin an die Öffentlichkeit zu wagen: Spätestens im zweiten Halbjahr 2017 soll es nun so weit sein. Wenn auch dieser Termin nicht halten sollte: Wen könnte das noch überraschen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2014)