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Frühstückshyänen wie du und ich

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Welt wartet hinter gestapeltem versalzenen Kochschinken und angekohltem Toast.

 Da draußen gibt's eine fremde Stadt zu entdecken, aufregende Orte, schöne Menschen, großartige Bauwerke – aber zwischen uns und dem Leben liegt das Frühstücksbuffet und hält uns in der Zwischenwelt der Hotelrestaurants gefangen. Der Zitrusduft eines Entkalkungsmittels mischt sich dort unter den Meeresbrise-Raumspray. Aus der Küche tönt die Kakophonie von Gläserklirren, Tellerklappern und das Klingeln der Mikrowellen.

Mobiliar und Dekoration von Frühstücksräumen wechseln, die akustische Untermalung durch Küchengeräusche gehört jedoch ebenso verlässlich zum Hotelfrühstück wie das standardisierte Buffet. Auch wer noch nie zuvor in diesem Hotel war, weiß, dass sich auf langen Tischreihen Schüsseln und Schälchen häufen, Edelstahlbehälter, Etageren, Abdeckhauben, Saftpressen und Pumpkannen, Quetschflaschen, Brezelständer, Schneidbretter, Serviettenspender und Besteckbehälter.

 

Altägyptische Grabbeilagen

Nur Teller sind nie in ausreichender Anzahl vorhanden. Besonders viel Raum nehmen die Warmhaltestationen ein. In diesen silbernen Särgen dämmern Kartoffelpuffer, Eierspeisen und Fleischbällchen ihrer abendlichen Restlverwertung entgegen. So sicher wie die Fettstücke in der Salami gehören auch Butterpäckchen in Eiswürfelschalen und Marmelade in Miniportionspackung zum Buffet, und bleiche, großporige Wurstscheiben sind offenbar ebenso unvermeidlich wie Trockenfrüchte, die als altägyptische Grabbeilagen durchgehen könnten.

Buffets sind Déjà-vu-Garanten. Genau deshalb klagen wir zwar stets über diese Form der Hotelgastspeisung, balancieren unsere Teller aber dennoch immer wieder am Buffettisch entlang: Es ist uns vertraut. Diese morgendliche Prozedur läuft fast überall auf der Welt nach den gleichen Regeln ab. Wenn wir uns in der Fremde unsicher und unbeholfen fühlen, schenkt uns ein Buffet Souveränität. Wir müssen uns nicht den neugierigen Blicken der Einheimischen aussetzen, wenn wir ortsunkundig und der Sprache unseres Reiselandes nicht mächtig, mit peinlicher Pantomime versuchen, Essen zu bestellen. Und wir müssen auch nicht zweifeln, ob das Grün in der Suppe etwas aus der asiatischen Gruselküche ist.

Die Gleichförmigkeit der internationalen Buffetkultur wirkt beruhigend auf uns. Den Preis für diese Vertrautheit zahlen wir mit der Enttäuschung über lauwarm gehaltene Omelettetragödien und Wurstbriketts. Wer behauptet, das dicke Ende käme stets zum Schluss, stand noch nie frühmorgens in einer Schlange vor Fertigmüsli und Teebeutelboxen, lautet eine Weisheit alter Buffet-Veteranen. Dabei sind Buffets doch eine großartige Idee. Ein Potpourri kulinarischer Spezialitäten, von denen sich jeder nach seinen Vorlieben bedienen kann. Leider endet diese Wahlfreiheit fast immer in Buffet-Barbarei.

Wie der Falke auf die Feldmaus stürzt sich der Gast auf gebratenen Speck, durchwühlt den Brotkorb auf der Suche nach dem letzten Mohnweckerl, zweckentfremdet die Käsezange zum Ergreifen der Mortadella-Röllchen und trinkt, weil die Gläser so klein sind, gleich am Buffet den ersten Orangensaft, den Krug zum sofortigen Nachfüllen noch in der Hand. „Nun gehen Sie schon weiter, andere wollen auch mal ran!“ tönt es dann aus Richtung der Räucherlachsplatten. Nebenan hingegen herrscht kein Andrang mehr, nachdem der ältere Herr dort in den Heringssalat geniest hat. „Da spießt man, was aufzuspießen ist, die Faust um die Gabel geballt. Mit feurigem Blick und mit Schaum vor dem Mund kämpft jeder für sich allein, und schiebt sich in seinen gefräßigen Schlund, was immer hineinpasst, hinein.“ Anfang der 1970er-Jahre wusste Reinhard Mey schon davon zu singen, dass Buffets nicht unser bestes Benehmen zutage fördern.

 

Fehlende Kaffeelöffel

Zu den drei Kernkompetenzen des Buffetgastes gehören das Fotografieren der Speisen, die Klage über fehlende Kaffeelöffel. Und vor allem das Hamstern. Da gleiten Müsliriegel in geöffnete Handtaschen und beulen sich die Jackentaschen der Äpfel-Schmuggler. Was lehrt die Hotelfachschule für solche Fälle? Was tun, wenn Würstchen um Würstchen nicht auf dem Teller landen, sondern zum Mitnehmen in die Serviette gewickelt werden? Dezentes Wegschauen? Eine Servicekraft, die den Blick nicht schnell genug in die Teppichschlingen versenken konnte, versuchte, der Würstchen-Diebin zu einem Alibi zu verhelfen, und fragte: „Für den Hund?“ „Nö, für den Opa“, erhielt sie als Antwort. Dreist oder wirklich frei von jeglichem Schuldbewusstsein? Längst bringen Hoteliers keine Hinweistafeln mehr an: „Bitte keine Speisen und Getränke vom Buffet auf die Zimmer nehmen!“ Gebote verlangen schließlich auch Maßnahmen, und wie sollte man einen Gast strafen? Ihm vor versammelter Mannschaft die geschmierten Brote wieder aus dem Rucksack holen oder die Decke des Kinderwagens lüpfen, in dem Orangen und Bananen zwischengelagert werden?

Nein. Das Gastgewerbe rächt sich für schlechtes Benehmen geschickter: mit Eierspeis-Imitaten, gepantscht aus Eipulver, Wasser und zu viel Salz und mit metallisch schmeckendem Kaffee. Es lässt seine Gäste in Bowlen nach traurigen Dosenobststückchen fischen und das Fertigmüsli aus Kästen ziehen, die aussehen wie recycelte Kaugummiautomaten – und das alles in der Zeit zwischen sieben und zehn Uhr, sonntags auch zwischen 7.30 Uhr und 10.30 Uhr. So sieht professionelle Erniedrigung aus.

 

Wo fängt Plünderei an?

Das effektivste Werkzeug dazu ist ein Toaster mit sechs Schlitzen. Darin lassen sich bis zu zwölf Scheiben gleichzeitig rösten. Das ist kein exzellentes Service, sondern ein hinterhältiger Konfliktstifter. Wer hat seinen Toast wann in welches Fach gesteckt? Wer hat den Stufenregler verstellt und die maulwurfschwarzen Schnitten verschuldet? Das dürfen die Gäste ganz unter sich ausmachen.

Der Buffet-Irrsinn gehört nicht zu den großen Mysterien der Menschheitsgeschichte. Es liegt einfach in unserer Natur, immer als Erster das Beste bekommen zu wollen. Wo aber hört harmloser Hamstertrieb auf, und wo fängt Plünderei an? Selbstachtung verliert gegen Raffgier. Bezahlt ist schließlich bezahlt.

Es gibt auch vorbildliche Buffets. Klein und fein, mit Käse, Topfen und Joghurt aus der Dorfkäserei, selbst gemachter Marmelade, Bio-Eiern aus regionaler Freilandhaltung und heimischen Birnen statt importierter Bananen. Kaffee wird auf Wunsch frisch zubereitet. So sieht die beste aller Buffetwelten aus, nachhaltig und köstlich. Jedoch: Mit der Qualität des Frühstücks verbessert sich leider nicht auch zwangsläufig das Benehmen der Gäste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2014)