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Monumente der Verschwendung

(c) APA/EPA/FERNANDO BIZERRA JR
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Eine WM in Südamerika kann keine europäische Mannschaft gewinnen. Über die vielen Irrtümer vor dem Fußballturnier in Brasilien. Nach der WM in Rio de Janeiro ist vor Olympia.

Eine Fußballweltmeisterschaft in Brasilien? Wie vor nahezu jedem Sportgroßereignis wurden finstere Prognosen gestellt. Das Turnier, so die einhellige Meinung noch wenige Wochen vor dem Anpfiff, werde im Chaos versinken. Der Gastgeber werde nicht für die nötige Sicherheit sorgen können, Streiks werden den öffentlichen Verkehr völlig lahmlegen, die WM-Stadien niemals fertig, Massendemonstrationen den Fußball völlig überschatten. Es werde Mord und Totschlag geben, die Touristen werden ausbleiben – von einem friedlichen Sportfest könne also keine Rede sein. Zu groß seien die Probleme des riesigen Landes, das wenige Monate nach der WM gewählt hat.

Der Fußballweltverband (Fifa) hat damit spekuliert – und hat wie so oft recht behalten –, dass in diesen vier Wochen eigentlich nur einer dominiert. Und zwar der Fußball. Denn die Proteste gegen die WM, gegen die Fifa, gegen Korruption und Zwangsumsiedlungen, die vor dem Turnier ein großes Thema in den Medien waren, haben sich im Lauf der WM rasch verflüchtigt. Und wenn es sie gab, dann wurden sie von der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen. Und man brauchte kein Prophet sein, um zu wissen, dass es am Ende einen ganz großen Sieger geben wird. Nicht Mario Götze, den Siegestorschützen im Finale, sondern Joseph S. Blatter.

 

Blatter gibt die Note 9,25

Was ist den Brasilianern geblieben? Jede Menge Infrastruktur und die WM-Stadien. Kathedralen des Fußballs, keine Frage, aber auch Monumente des Größenwahns und der Verschwendung. Die WM in Brasilien war die bisher teuerste in der Geschichte der Fifa, den offiziellen Etat hat die Regierung mit 8,75 Milliarden Euro beziffert. Schätzungen zufolge sollen es aber über zehn Milliarden Euro gewesen sein.

Die Politiker sprachen von sinnvollen Investitionen. Die WM sei ein voller Erfolg gewesen, hieß es einstimmig. Es sei tatsächlich die „Weltmeisterschaft aller Weltmeisterschaften“ gewesen. Und genau das hat die Staatspräsidentin auch ausgerufen. Die positiven Nachwirkungen der WM seien nicht nur materielle, wie etwa eine verbesserte Infrastruktur, sondern auch symbolische, erklärte Präsidentin Rousseff. „Wir haben zwar den Pokal verloren, dafür aber die WM gewonnen“, behauptete Kabinettschef Aloízio Mercadante.

Selbst Fifa-Präsident Joseph Blatter, der vor Beginn der WM oft Kritik an Brasilien und den Verzögerungen beim Bau der Stadien geübt hatte, gab sich versöhnlich: „Es war ein Fortschritt gegenüber Südafrika.“ Das Turnier bewertete er mit einer Note von 9,25 auf einer Skala von eins bis zehn. „Perfektion gibt es nicht.“

Die enormen Kosten wird Brasilien nicht einspielen können. Nicht einmal ansatzweise. Denn in Fortaleza und Recife wirken die Stadien wie Raumschiffe inmitten von Hüttenlandschaften der Favelas, in Natal, Manaus, Brasilia und Cuiba gibt es keine Erstligaklubs.

Aus rein sportlicher Sicht endete die WM für die Brasilianer mit einem Fiasko. Statt des erhofften und auch erwarteten sechsten WM-Triumphes musste die Seleąão nach 1:10 Toren in den letzten beiden Spielen mit dem undankbaren vierten Platz vorliebnehmen.

Der Teamchef musste abdanken, jetzt bastelt man an einem Neubeginn. Es wird noch lange dauern, bis man das Trauma (1:7 gegen Deutschland) verarbeitet hat. Das war auch in Wien trotz des 2:1-Sieges im Spätherbst deutlich zu sehen.

Nach der WM ist vor Olympia, 2016 werden in Rio de Janeiro die Sommerspiele ausgetragen. Bis dahin werden die Preise noch einmal explodieren. Nur an der enormen Gastfreundschaft wird sich nichts ändern. Probleme werden – wie immer – erwartet.

Denn hinter Zuckerhut und Copacabana wird das Abwasser immer noch zu großen Teilen ungeklärt ins Meer geleitet. Das ist ein Risiko für die Gesundheit der Wassersportathleten. Die Behörden versuchen, die Region zu säubern. Vorerst mit mäßigem Erfolg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2014)