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Ukraine: Die verblassende Spur des Viktor Janukowitsch

(c) EPA (Sergey Dolzhenko)
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Um den früheren ukrainischen Präsidenten ist es still geworden. Seit seiner Flucht nach Russland sind vor allem Gerüchte über seinen Gesundheitszustand zu vernehmen.

Kiew/Wien. Noch kein ganzes Jahr ist vergangen, doch eines lässt sich auch zehn Monate nach seiner überstürzten Ausreise nach Russland schon sagen: Viktor Janukowitschs Flucht war auch ein tiefer Fall. Berichte über ihn und seinen Verbleib sind nicht mehr im Politikteil, sondern höchstens in den Klatschspalten zu finden. Und die letzten Nachrichten, die man hören musste, sind durchaus besorgniserregend. Im Oktober behauptete ein ukrainischer Journalist, dass Viktor Fjodorowitsch sich im südrussischen Badeort Sotschi aufhalte. Janukowitsch, so erklärte der Journalist in einer Talkshow unter Berufung auf ungenannte Quellen, wanke zwischen Dauersuff und Depression.

Zuvor hatte sich Janukowitsch in einem Anwesen außerhalb Moskaus aufgehalten. Auch damals machten bereits Gerüchte über seinen Niedergang die Runde. Einmal soll er einen Mitarbeiter der russischen Präsidentenadministration beschwipst und im Bademantel empfangen und im Kommandoton Anweisungen gegeben haben. Der Mitarbeiter habe daraufhin Wladimir Putin gebeten, ihn nur ja nicht mehr dorthin zu schicken. „Es ist unklar, wer hier bei wem zu Gast ist – er bei uns oder wir bei ihm.“

 

Kein Schutz mehr vor Verfolgung

Diese skurril anmutenden Nachrichten könnten die letzten Schritte in der verblassenden Spur des früheren Staatschefs sein. Janukowitsch war ukrainischer Präsident von 25. Februar 2010 bis zum 22. Februar 2014. Er entschloss sich zur Flucht, weil er den Zorn des Volkes und die Rache seiner politischen Gegner fürchtete. Janukowitsch musste in jenen Stunden nach der Unterzeichnung der Kiewer Vereinbarung mit den drei Oppositionsführern unter Vermittlung der EU-Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Laurent Fabius und Radek Sikorski einsehen, dass er in der Ukraine keine politische Zukunft mehr haben würde: In dem Pakt waren baldige Neuwahlen und eine Untersuchung der gewalttätigen Vorgänge auf dem Maidan festgeschrieben. Zudem drohten die Demonstranten, den Friedensschluss nicht akzeptieren zu wollen: Er erschien ihnen als falscher Kompromiss mit einem Diktator. Die Spezialeinheiten zogen sich aus dem Zentrum Kiews zurück, Janukowitsch konnte ihnen keinen Schutz vor Straffreiheit mehr bieten, und sie entzogen ihm ihren.

Die Ereignisse in den folgenden Stunden überschlugen sich. Janukowitsch floh aus seiner luxuriösen Meschihirija-Residenz am Rand Kiews ins ostukrainische Charkiw. Dort gab er ein Interview und kündigte an, das Land nicht verlassen und weiterhin Präsident bleiben zu wollen. Kurz darauf war das Gespräch Makulatur. Der diffuse Plan einer „Gegenrepublik“ von Charkiw wurde nie umgesetzt. Janukowitsch musste langsam die Ausweglosigkeit seiner Situation bewusst geworden sein, vor allem, als ihm Grenzschützer in seiner Hochburg Donezk die Ausreise verweigerten. Ein Haftbefehl wurde gegen ihn erlassen. Erst die Weiterreise auf die Krim und russische Hilfe, wie Präsident Putin später öffentlich eingestand, ermöglichten den Transfer nach Russland.

Auf seinem Landgut stellten Aktivisten umfangreiches Material sicher – Zeugnis einer Selbstbereicherung. Serhij Leschtschenko etwa, früherer Investigativ-Journalist der „Ukrainskaja Pravda“ und nunmehr Parlamentsabgeordneter des Blocks Petro Poroschenko, hat in seinem Buch „Meschijhirija-Syndrom“ die kriminellen Machenschaften von Janukowitsch und seiner „Familie“ – den engsten Helfern und Profiteuren, die immer einflussreicher wurden – ausführlich dargestellt. Auch die meisten Ukrainer beschäftigt knapp ein Jahr nach dem Sturz des Staatschefs daher nicht so sehr der Gesundheitszustand des Expräsidenten, sondern die Frage, wo die Millionen seines Clans geblieben sind. Nach Angaben ukrainischer Medien sind derzeit in der Ukraine 1,42 Milliarden Dollar auf Konten blockiert. Janukowitsch musste zwar bei seiner Flucht auch kitschige Bilder, Ikonen und sündteures, schweres Mobiliar zurücklassen, das restliche Vermögen war aber schon früher vorsorglich auf Auslandskonten transferiert worden.

 

Familienvermögen im Ausland

Eine Schlüsselrolle nehmen in diesem Zusammenhang seine beiden Söhne ein, Viktor Junior und Aleksandr, Letzterer ist in den vergangenen Jahren zum Bank- und Baumagnaten im Donbass aufgestiegen. Auch sie haben, wie die meisten Getreuen, das Land in Richtung Osten verlassen. Sie sind es, die weiterhin das Vermögen der Familie verwalten. 100 Milliarden Dollar, davon 32 Milliarden Dollar in Cash, sollen Janukowitsch und seine Getreuen allein nach Russland ausgeführt haben, erklärte der damalige ukrainische Generalstaatsanwalt im Frühling. Auch Österreich, Liechtenstein und die Schweiz sind Destinationen, wenn es um die sichere Aufbewahrung des Familienvermögens geht.

Russischen Zeitungsberichten zufolge haben frühere Vertraute Janukowitschs – etwa Vizepremier Sergej Arbusow und Oligarch Sergej Kurtschenko – im Geschäftszentrum Moskau-City neue Büros bezogen. Aleksandr hat eigenen Angaben zufolge die Firma Arsenal-Invest in Sankt Petersburg gegründet. Während er mit der Hilfe von Anwälten versucht, die Beschlagnahmung seines ukrainischen Eigentums zu bekämpfen, bewegt er sich in Russland auf gewohntem Terrain: dem Baugeschäft. Seinen Vater, wird Aleksandr in der „Nowaja Gazeta“ zitiert, sehe er leider „viel zu selten“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2014)