Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Pop

Conchita Wurst: Eine mächtige Symbolfigur

(c) APA/EPA/GEORG HOCHMUTH
  • Drucken

Nach dem Sieg beim Song Contest 2014 wurde die bärtige Diva sogar zur Werbefigur einer großen Bank. Indessen warten wir weiter auf ihr erstes Album.

Am Rand von Bad Mitterndorf steht ein nicht wirklich prächtiges Gasthaus, das den sprechenden Namen Neuwirth trägt. „Rost di aus in unser'm Haus“ steht auf einem Schild, seit letztem Mai hängt darunter ein Transparent: „Wir gratulieren Conchita Wurst zum Song-Contest-Sieg!“ Denn einem Sohn des Hauses ist Großes gelungen, allerdings nicht als Tom Neuwirth (als solcher wurde er 2007 bei „Starmania“, wiewohl auch schon recht dramatisch, nur Zweiter). Sondern als Conchita Wurst, der Frau mit Bart, mit einem alle Register des Pathos ziehenden Song, mit der Schlüsselzeile: „Once I'm transformed, once I'm reborn, I will rise like a phoenix.“

Ein Fanal der Selbstbestimmung über die Schranken der gesellschaftlichen Konventionen, ja, auch der Biologie hinaus, das das Song-Contest-Publikum, dem diese Art von Glamour immer schon ein Anliegen war, entflammte. Und dann, nach dem Sieg, sozusagen sekundär, auch (fast) alle restlichen Österreicher. So nachhaltig, dass der unglückliche Vizekanzler Spindelegger dafür getadelt wurde, dass er nicht Conchita Wurst zum Sieg gratulierte, sondern „dem Künstler Thomas Neuwirth und seiner Figur Conchita Wurst“, was ja an sich ganz korrekt war. Wenige Tage später erklärte Spindelegger, er habe in der Frage der Rechte für Homosexuelle „keine Grenzen zu setzen“.

Das Erscheinungsbild von Conchita erinnere ihn an Jesusdarstellungen im romantisierenden Nazarenerstil, sagte der Wiener Theologe Paul Zulehner; andere gemahnte es an die heilige Kümmernis, der ein Bart wuchs, um ihre Jungfräulichkeit zu schützen. Doch diese Figur eignet sich offenbar auch als Ikone der Finanzwirtschaft: Die Bank Austria erkor die bärtige Diva zur Werbeträgerin.

Thomas Neuwirth erwies sich indessen, egal, ob er als Tom oder als Conchita sprach, als gewitzter Verfechter der Toleranz. Mit Talent für große Worte: „Dieser Abend ist allen gewidmet, die an eine Zukunft in Frieden und Freiheit glauben. Ihr wisst, wer wir sind: Wir sind eine Gemeinschaft, und wir sind unaufhaltbar“, sagte er/sie nach dem Sieg beim Song Contest. In diesem Geist wählte das „Profil“ Conchita Wurst sogar gemeinsam mit Wladimir Putin zum „Menschen des Jahres“: Die beiden stünden „für den Wettstreit um diametral entgegengesetzte Lebensentwürfe, der bei Weitem nicht nur in Russland stattfindet“, nämlich „hier skrupellose Machtpolitik, Nationalismus, antidemokratische Repression und Machogehabe – dort künstlerische Fantasie“. Immerhin, räumte „Profil“ ein, sei Conchita Wurst „keine Politikerin und keine Heilige, auch wenn sie manchmal als Muttergottes posiert“.

Ob Conchita Wurst nicht nur als Ikone, sondern auch als Popkünstlerin weiter erfolgreich sein wird, ist offen: Der beim vorletzten „Wetten, dass..?“ präsentierte Song „Heroes“ – im Gegensatz zu David Bowies gleichnamigem Song ohne Anführungszeichen im Titel – überzeugte nur halb. (tk)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2014)