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Ein radikaler Film über eine radikale Prinzessin

(c) Polyfilm
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"Prinzessin Kaguya" aus dem Studio Ghibli beschert dem Zuschauer einen der intensivsten Momente des Kinojahrs 2014. Meisterregisseur Isao Takahata hat für sein Abschiedswerk eine japanische Volkssage adaptiert.

Im August dieses Jahres ging ein Raunen durch die Medien: Erst sprach das Tokioter Animationsstudio Ghibli von nötigen Umstrukturierungen. Kurz darauf erklärten die Meisterregisseure Hayao Miyazaki und Isao Takahata – Mitbegründer, Leiter und künstlerische Federführer des Hauses –, sie wollten sich in den Ruhestand begeben. Dabei beruhen Ghiblis kommerzieller Erfolg und sein Ruf fast ausschließlich auf ihren Arbeiten: Ein herber Verlust für die Animationswelt und das Kino im Allgemeinen.

Die Gründung des Studios 1985 war ein Akt der Emanzipation von vorherrschenden Produktionsmodellen im japanischen Trickfilm. Statt billiger TV-Konfektionsware nach Manga-Vorlagen setzte es in Anlehnung an Disney auf epische Breitwanderzählungen, die ihre Stoffe oft aus europäischer Literatur bezogen, mit opulent ausgemalten Hintergründen und hoher Bildfrequenz für flüssige Bewegungsabläufe. Doch im Unterschied zum westlichen Vorbild waren Ghibli-Geschichten nie schablonenhaft, die Figuren nie eindimensional, die Moral nie unstrittig. Der hervorragende Ruf des Hauses wurde spätestens mit dem Oscar-Sieg für Miyazakis Abenteuermärchen „Chihiros Reise ins Zauberland“ auch international zementiert.

 

Acht Jahre Vorbereitung

Während Miyazaki stets dem Fantastischen zugeneigt war, könnte man Takahata – in den Siebzigern Hauptverantwortlicher für die populäre Kinderserie „Heidi“ – als poetischen Realisten bezeichnen: Sein bekanntester Film „Die letzten Glühwürmchen“ erzählt vom Überlebenskampf zweier Brüder am Ende des zweiten Weltkriegs. Für ihre Abschiedswerke haben sie in gewisser Hinsicht die Rollen getauscht; Miyazaki hat sich mit seiner melancholischen Flugzeugbauer-Biografie („Wie der Wind sich hebt“) bereits verabschiedet, sein Freund und Mitstreiter reicht nun mit „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ die Adaption einer alten japanischen Volkssage nach.

„Prinzessin Kaguya“ ist acht Jahre gereift. So lang dauerte die Umsetzung von Takahatas kompromissloser Vision: Inspiriert von traditioneller Schriftrollenkunst wollte er mit seinem Team einen reduzierten, aber lebendigen Stil schaffen, bei dem Hinter- und Vordergrund gleichermaßen in Bewegung sind. So gemahnt die Grundierung an aquarellkolorierte Tuschezeichnungen auf flächigem Weiß, während die Figuren flimmern wie mit hastiger Hand dem Kohlestift entlockt. Dies zeitigt den paradoxen Eindruck vollendeter Skizzen: eine Schlichtheit, die einerseits die grafischen Texturen hervorhebt, aber zugleich dem satten und schwungvollen Ghibli-Stil treu bleibt. So rudimentär das Charakterdesign zunächst wirken mag, umso stärker erfasst es einen, wenn man merkt, dass das leise Zittern einer jeglichen Linie emotionalen Gehalt hat, die kleinste Veränderung im Bild einen narrativen Wendepunkt markieren könnte. Dieser Mut zur Unfertigkeit und zur Zerfransung der Umrisse steht in kraftvollem Kontrast zu Tendenzen im (Computer-)Animationsfilm, der sich mit seiner Vorliebe für Glätte, Rundheit und bruchlose Konturen am Design von Babyspielzeug und iPods zu orientieren scheint.

 

Das Baby in der Bambussprosse

Die im zehnten Jahrhundert angesiedelte Mär handelt von einem Bambussammler, der bei seinem Tagwerk im Wald eine Däumlingsprinzessin in einer Sprosse entdeckt, die sich flugs in ein Baby verwandelt. Er und seine Frau nehmen sich des Kindes an, das in Windeseile zu einer wunderschönen jungen Dame heranwächst. Dieweil wurde der Ziehvater von der Zaubersprosse reich beschenkt und fühlt sich bald berufen, in der Stadt das Leben eines Edelmannes anzutreten, doch die nunmehr nach ihrer „strahlenden“ Anmut benannte Kaguya will sich mit ihrem aufgekratzten, naturverbundenen Wesen den offiziösen Umgangsformen und beengenden Rollenbildern des urbanen Patriziats nicht fügen und ergreift bald die Flucht. Ihr impulsiver Ausbruch bei einer abendlichen Festlichkeit gehört zu den atemberaubendsten, intensivsten Momenten des Kinojahres: Als sie verzweifelt durch die Zimmer ins Freie Richtung Wald fegt, flirrt die ganze Leinwand, kein Strich bleibt auf dem anderen, selbst der Mond läuft an ihrer Seite mit – ein überwältigender Expressionismus.

Der Plot des mit über zwei Stunden relativ langen Films ist eher episodisch strukturiert, dabei ist die Stimmung mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt – ähnlich wie Joe Hisashis musikalisches Leitmotiv, ein folkloristischer Kinderreim, je nach szenischem Kontext wehmütig oder heiter klingt. In Sentimentalitäten rutscht „Prinzessin Kaguya“ aber nie – es geht im Großen um die Unmöglichkeit wahrhaftiger Freiheit im Reich der Menschen, mit ihrer Gesellschaft, ihren Sitten und Gebräuchen, ihrer Sterblichkeit. Wenn dies wirklich Takahatas letzte Schöpfung bleibt, wäre es der krönende Abschluss einer vorbildlichen künstlerischen Laufbahn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2014)