Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Thun-Hohenstein: „Kein Stein wird auf dem anderen bleiben“

„Wie wollen wir leben?“, fragt MAK-Chef Thun.(c) REUTERS (HERWIG PRAMMER)
  • Drucken

Christoph Thun-Hohenstein, Direktor des Wiener Museums für angewandte Kunst, spricht über die Moderne als permanenten Prozess, eine Linie führt von Adolf Loos zur Digitalisierung. Privat liebt Thun Stil, aber auch Bequemlichkeit.

Die Presse: Zum Unterschied vom Völkerkunde-Museum hat das Museum für angewandte Kunst noch seine Einrichtung bekommen, wenn sie auch schon älter ist. In den 1980er und 1990er Jahren wurde so viel in Museen und Theater investiert, jetzt gibt es fast nichts mehr. Was ist da passiert?

Christoph Thun-Hohenstein: Wir müssen sicherstellen, dass in Österreich auch in Zukunft in die Museen investiert wird. Österreich wird international, aber auch im eigenen Land durch Kunst und Kultur definiert. Allerdings: Eine rein staatliche Finanzierung wird es nicht mehr geben. Es ist Teil meines Jobs, zusätzliche Gelder aufzutreiben. Leider gibt es für Kunst anders als für Theater und Konzerthäuser kein breites Abonnementpublikum, das Kunst kauft und Museen durch langjährige Bindung unterstützt.


Wenn man Städte wie Shanghai anschaut, hat man den Eindruck, das Alte gilt dort gar nichts, es wird abgerissen und etwas Neues gebaut.

Brosche Mango, 2010–2015 Stoff, Schaumstoff, Holz, Glasperlen, Sammlung BollmannMAK/Nathan Murrell

In Europa gehört die gewachsene Geschichte zur DNA. Aber auch in China ist man dabei, klarer zu sehen, was verloren gegangen ist. Das Bewusstsein für die Geschichte und Kunstgeschichte wächst, da ist viel passiert in den letzten Jahren. Andererseits gibt es ein ungeheures Bevölkerungswachstum und einen unglaublichen Zuzug in die Städte. Daher muss entsprechender Wohnraum aus dem Boden gestampft werden und es gibt große Umweltprobleme in China.


Sie zeigen gerade eine neue Ausstellung über Hoffmann und Loos: „Wege der Moderne“. Das ist ein schwammiger Begriff, der aber gern verwendet wird. Was bedeutet Moderne für Sie?

Für mich ist Moderne eine Situation, in der so fundamentale Umstellungen eintreten, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Das war in der Wiener Moderne rund um 1900 so – und das ist auch jetzt so: Wir leben in einer neuen Moderne, in der digitalen Moderne. Früher hat man Zeitungen durchgeblättert und hat dabei auch Artikel zu Themen gelesen, die einen vielleicht nicht primär angesprochen haben. Heute klickt man sich gezielt durch Suchmaschinen und bekommt vorgefiltert Informationen zu den eigenen Kernthemen. Diese werden vertieft, der Horizont aber wird immer mehr gekappt. Für alles gibt es ein „Rating“ und für alles gibt es ein „Sharing“, wir leben in einer „Sharing Society“. Daraus ergeben sich neue Geschäftsmodelle, wie z. B. das Mieten eines privaten Appartements als Tourist, aber auch tolle Möglichkeiten für den Bildungsbereich und somit natürlich für Museen, die Kultur vermitteln sollen.


Die Frage ist, ob das Museum nicht überholt ist, wenn sich alles so schnell verändert.

Sicher nicht, im Gegenteil. Es gibt immer den Hang zum Original. Der Blick auf das Original ist durch nichts zu ersetzen.

Josef Hoffmann, Schlafzimmer in der Wohnung Johanna und Dr. Johannes Salzer, 1902 (Rekonstruktion)MAK/Georg Mayer


Sie bereiten für 2015 eine Biennale vor. Gibt es von diesen Veranstaltungen nicht schon zu viele?

Das ist eben nicht die 101. Biennale, sondern wir machen etwas Neues. Wir verbinden erstmals bildende Kunst, Architektur und Design. Die Ausstellung „Wege der Moderne“ ist schon eine Vorbereitung auf die Vienna Biennale von 11. Juni bis 4. Oktober 2015. Die Wiener Moderne um 1900 wollte die Welt verbessern - mit den damaligen Mitteln und den damaligen Institutionen, der Secession, der Wiener Werkstätte, dem Salon von Berta Zuckerkandl oder auch dem Wiener Kaffeehaus. Wir schließen mit unserer Biennale an dieses Modell an. Das MAK, die Universität für angewandte Kunst, die Kunsthalle, das Architektur-Zentrum sowie „departure“, das Kreativzentrum der Stadt Wien, kooperieren, das Motto lautet „Ideas for change“, Ideen für einen positiven Wandel. Wir werden uns u. a. mit sechs Megacities dieser Welt beschäftigen, darunter Hongkong, ferner mit einer Stadt hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang, Bukarest - und wir haben ein Wien-Projekt.

 

Wien geriert sich ja gerne als Smartcity, ist Wien wirklich „smart“?

In Ratings erscheint Wien immer wieder als eine der lebenswertesten Städte der Welt. Allerdings, die Konkurrenz ist groß, eine der Herausforderungen wird sein, in dieser relativ rasch wachsenden Stadt, den Wohnbau zu leistbaren Preisen weiter zu entwickeln. Unser Wien-Projekt befasst sich mit Wien 2051 und stellt Fragen aus der Sicht von Einzelmenschen, konkret eines Paares: Wie will ich leben? Investiere ich in Objekte, die ich weiter geben kann, oder in Wegwerfware, wohin will ich reisen, wie kann ich hohe Lebensqualität und soziale Verantwortung zusammenbringen? Das sind alles spannende Fragen. Wir werden hier im MAK 4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche nützen, unsere Biennale-Partner werden tolle Projekte zeigen, auch im öffentlichen Raum.


Wie wird diese Biennale finanziert?

Großteils privat, es werden sehr wenig reguläre Museumsgelder dafür verwendet. Wir brauchen zusätzlich mindestens eine Million Euro, das Geld stellen wir auf, wir sind schon relativ weit. Wir haben vier internationale Kuratoren. Wir werden aber auch einen Vienna Biennale Circle machen mit klugen Leuten, die in Wien leben. Eine eigene Ausstellung soll Orientierungshilfen, Impulse für Projekte geben.

 
Was haben Sie hier im MAK sonst 2015 vor?

Das kommende Jahr widmen wir dem Thema „Change“. Wir werden uns speziell mit dem Thema Glück beschäftigen, Stefan Sagmeister, ein großartiger Grafik-Designer in New York, zeigt eine Ausstellung, die bereits in Philadelphia und Paris zu sehen war, in Wien, wir setzen die Schau komplett neu auf. Das DesignLabor, das wir im Mai neu eröffnet haben, ist ein großer Erfolg, und wird weiterentwickelt. Und wir werden uns einem weiteren Vertreter der Wiener Moderne widmen, Josef Frank, der mehr Aufmerksamkeit verdient, international wie national.


Wie wohnen Sie selbst?

Ich wohne im 18. Bezirk, angenehm, aber nicht überzogen. Ich mag verschiedenste Möbel. Ich brauche auch Räume, um Dinge unterzubringen, ich z. B. habe eine riesige CD-Sammlung, ich schätze alle Musikrichtungen, die Musik gibt mir Kraft. Sofas müssen bequem sein, aber es darf ein Biedermeier-Stuhl daneben stehen, Eklektizismus gefällt mir. An manchem hängen meine Frau und ich sehr, z. B. einem Glastisch, der uns an New York erinnert, wo wir acht Jahre gelebt haben.


Sie kommen aus dem diplomatischen Dienst, waren Direktor des Österreichischen Kulturforums in New York. Vermissen Sie die Stadt?

Ich war über 20 Jahre im diplomatischen Dienst, das war eine tolle Zeit – mit New York als Höhepunkt. Ich liebe die Stadt, habe aber jetzt eine großartige Aufgabe hier im Museum. Ich will in Wien etwas bewegen.

 

Die Wiener Werkstätte war innovativ, aber letztlich nicht profitabel genug. Heute kaufen die Leute bei Ikea, der Konzern würde sicher auch von sich behaupten, dass er das Leben verbessert. Wer bietet heute innovatives Design?

Ich bin sicher, dass sich Ikea im Dienste der Lebensverbesserung sieht und das ist vielleicht sogar wahr. Es gibt dort auch ambitioniertes Design. Apple ist ein Paradebeispiel für eine Designfirma mit dem Anspruch, unser Leben zu verbessern. Es gibt auch immer wieder neue Trends, wir haben das Radfahren 2013 groß in einer Ausstellung beleuchtet, mit Freude habe ich jetzt vernommen, dass Gehen das neue Radeln ist. Immer ist die zentrale Frage, mit der wir uns als Museum für angewandte Kunst befassen: Wie wollen wir leben? Was sollen die Straße, die Factory, die Bank, das Spital oder auch der leere Raum in den nächsten Jahrzehnten leisten?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2014)