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Pop

Bryan Ferry und Neil Young: Popmusik als Peter-Pan-Business

Bryan Ferry und Neil Young servieren frische Gefühle und sexuelle Begehrlichkeiten.(c) Warner Music
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Die Popveteranen Bryan Ferry und Neil Young, beide 69 Jahre alt, vertrauen den verjüngenden Kräften der Liebe. Auf ihren neuen Alben „Avonmore“ und „Storytone“ heulen sie wie echte Adoleszente.

„Leben heißt Boden verlieren“, schrieb der schwarzgallige, europäische Aphoristiker E. M. Cioran einst in seinem von köstlichem Grant vibrierenden Bändchen „Vom Nachteil, geboren zu sein“. Von derlei trüben Gedanken wollten die amerikanischen Wirtschaftstreibenden, die den Teenager in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg als neuen Absatzmarkt erfanden, genau nichts wissen. Ihnen ging es von Anfang an um ewige Morgenröte. Der emotionalen Intensität des Teenagers stand damals noch ein Paternalismus gegenüber, der Nüchternheit gebot. Die väterliche Herrschaftsordnung wurde rasch untergraben. Mit schmusigen Klängen von Teenie-Idol Frank Sinatra, mit wüsten Sounds vom aufstrebenden Rock 'n' Roll.
Es war die Ära, als Popkultur noch mit Jugendkultur gleichzusetzen war. Die Künstler waren Halbgötter, die die Regeln der bürgerlichen Gesellschaft zum Gaudium des jugendlichen Publikums in immer neuen Anläufen brachen. Sie durften praktisch sämtliche Tabus knacken.

 

Laufwunder Mick Jagger

Sehr lang strahlte die Devise „Sex & Drugs & Rock 'n' Roll“ nichts als subversive Kraft aus. Dann wurden erste Protagonisten alt, fett und krank. Der Tod des adipösen Elvis Presley wurde im August 1977 mit fast so etwas wie Erleichterung aufgenommen. Erst als die irdische Existenz des King an ihr Ende kam, konnte hemmungslos am ewigen Mythos gestrickt werden. Den seither regierenden Talmigottheiten der Popmusik war es eine Lehre. „It's better to burn out than to fade away“, sang Neil Young zwei Jahre später in seinem Song „Hey Hey, My My (Into The Black)“.

Dass es noch einen dritten Weg zwischen Verbleichen und Verschwinden geben könnte, war dem damals 34-jährigen Young nicht klar. Heute wird die Popmusik von langgedienten Musikern dominiert, die wissen, dass sie die Quelle ihrer Kreativität schützen müssen. Wie sich gezeigt hat, liegt diese weder im Tabubruch noch im Entwurf gesellschaftlicher Utopien, sondern im sublimierten oder ausgelebten erotischen Begehren. „Beauty is only skin deep“, sang einst Soulgröße Smokey Robinson. Nicht nur diese dünne Hülle wollen ältere Popstars schützen. Abgesehen vom 80-jährigen Leonard Cohen, der schon mit 40 als alter Mann des Pop gegolten hat, versucht man, dezent zu altern. Damen wie Herren.

Madonna, Paul McCartney und Bruce Springsteen bemühen sich um Sportlichkeit auch abseits ihrer nicht selten mehr als dreistündigen Konzerte. Laufwunder Mick Jagger, der verzweifeltste Peter Pan nach Michael Jackson, macht dank Trainings und Mineralwasserkuren in kürzerer Zeitspanne mehr Kilometer auf der Bühne als jeder Zwanzigjährige.
Angesichts solcher Beharrungskräfte resignieren die wirklich Jungen oft. Die trotzigen unter den musizierenden Buben lassen sich Rauschebärte wachsen, die wilden Mädchen gehen in Sack und Asche. Alle mühen sich mit Eigenmarketing in den sozialen Foren des Internets ab und verkaufen am Ende wieder kaum etwas.

Ein Bryan Ferry kann über solche Maßnahmen nur milde lächeln. Mit seinen erotischen Manövern agiert er viel wirksamer. Der Vater von vier Söhnen, von denen einer kurz vor Weihnachten schwer verunglückt ist, legt mit dem vorzüglichen „Avonmore“ nun sein 15. Soloalbum vor.

 

Bryan Ferrys „One Night Stand“

Es ist eine weitere Hochglanzaffäre des britischen Beau, der sich im Schutz der romantisch wabernden Gitarren von Johnny Marr und Nile Rodgers auch mit 69 Jahren nicht geniert, seine sexuellen Begehrlichkeiten zum Thema zu machen. Unverhohlen in „One Night Stand“, wo der blutrote Lippenstift eines designierten Liebesopfers den Verführer in ihm weckt: „Love that tiger-skin rug, lipstick colour of blood, incense fill the room, fly me over the moon“. Mithilfe eines eleganten Groove, eines fordernden Saxofons und des Gehauches seiner Backgroundsängerinnen umkreist Ferry sein erotisches Fundstück. Er würzt mit Weihrauch, um die Affäre zur Sünde aufzuwerten.

Verschämter geht er es in „Soldier of Fortune“ an. Da stilisiert er sich zum „ambassador of pain“, der dem weiblichen Flirten liebenswert hilflos Einhalt gebieten möchte. „Girls stop rockin', you're driving me insane, I'm going out of my mind and I won't be back again.“ Am Ende ist er selbst doch das größte Opfer seiner Anziehungskraft. Das legt zumindest seine Hochzeit mit der damals 29-jährigen Exfreundin seines Sohnes Isaac vor drei Jahren nahe.

 

Neil Youngs Verjüngungscoup

Noch überraschender kam heuer der Verjüngungscoup von Neil Young. Nach 36 Ehejahren mit Exkellnerin Pegi lief er, der wild vagabundierende Gefühle bislang nur in seinen Songs zuließ, zur glamourösen Schauspielerin Daryll Hannah über. Sein nun erschienenes 35. Album „Storytone“ illustriert Youngs erstaunliches Manöver. Seine frischen Gefühle serviert er auf zwei Scheiben nach unterschiedlichem Rezept. Als Fastenspeise nur zu Klavier und Gitarre und als opulentes Mahl von auserlesener, orchestraler Süße. Die Songlyrik dieses großen Naiven könnte auch ein Youngster auf Freiersfüßen nicht purer fassen. „When I watch you sleepin', there's nothing that you hide. When I smell you breathin', there's a sweetness from inside.“

Solch Nektar labt. „All the feelings in your heart come reawakened“ heißt es in „Glimmer“, das die Glut der neuen Liebe preist. Nein, vom Schlaf der Drüsen wollen Bryan Ferry und Neil Young noch lang nichts wissen. Schließlich birgt Sexualität ähnliche Versprechen wie Popmusik: die Ewigkeit im Augenblick zu begreifen und, im Idealfall, die Vernunft für immer zu verlieren. Unabhängig von jeglichem biologischen Alter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2014)