Hans Mauer und die Hexenmeister von Potomac

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Bisweilen zieht der Sportsfreund genau dann in eine neue Stadt, wenn ein lokales Team drauf und dran ist, richtig gut zu werden.

Als ich vor mehr als fünf Jahren nach Brüssel kam, war mir das Glück noch abhold. Der Royal Sporting Club Anderlecht qualifizierte sich zwar regelmäßig für die Gruppenphase der Champions League, schön anzuschauen war das aber nicht, was die Brüsseler Violetten darboten. So war es lustiger, sonntags in die Tiefen der dritten Division zur Royal Union Saint-Gilloise hinabzusteigen, der Vienna von Brüssel („Die Presse“, 2. Februar 2010).

In Washington scheine ich bessere Karten zu haben. Denn die Wizards, das hiesige Basketballteam, spielen immer besser. Heuer haben sie den besten Saisonstart seit 1974 hingelegt und bereits Geheimfavoriten wie die Los Angeles Clippers und LeBron James' Cleveland Cavaliers besiegt. Gewiss, die Saison ist noch lang, aber sogar Bill Simmons, der Warren Buffett des US-Sportkommentariats, lobte „The Wiz“ neulich. In der Tat ist es toll, den Wizards zuzuschauen: Hinten kurbelt der famose Spielmacher John Wall, dem ich gern ein kehliges, wenn auch unverstandenes „Gemma, Hansi!“ von meinem Platz auf dem dritten Rang zurufe. Unterm Korb räumt der unermüdliche Pole Marcin Gortat auf, wahlweise „The Polish Machine“ oder „The Polish Hammer“ genannt. Ihm zur Seite rumort die 2,11 Meter große brasilianische Naturgewalt Nenê, ein Mann, in dessen enormen Pranken der Basketball so aussieht, wie wenn Sie oder ich eine Orange aus dem Obstkorb grabschen. Flankiert wird dieses Dreigestirn vom 21-jährigen Bradley Beal und dem um 16 Jahre älteren Paul Pierce, zwei Athleten, die diesen zermürbenden Sport so geschmeidig leicht wirken lassen wie einen Song von Curtis Mayfield.

Gewiss, die Saison ist noch lang, und wie der Wiener weiß, sind auch schon Hausherren gestorben. Aber man wird doch wohl noch träumen dürfen? Die bisher einzige Washingtoner NBA-Meisterschaft jedenfalls ist so alt wie ich; Zeit wird's für eine zweite.

E-Mails an:oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2014)

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